bedeckt München

Baseball:Ein Superhirn für die Miami Marlins

Kim Ng

Damals, 2007, war sie noch "Assistant General Manager" bei den LA Dodgers: Kim Ng.

(Foto: John Raoux/AP)

Das gab es noch nie im US-Männersport: Mit der Baseball-Managerin Kim Ng übernimmt erstmals eine Frau als Chefin einen Klub. Endlich. Man könnte aber auch sagen: Warum erst jetzt?

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Achtung, Achtung: Alle Amerikaner müssen nun dringend Schuhe tragen, damit sie sich nicht die Füße verletzen, wenn sie auf all die Scherben treten, die da rumliegen. Ein Scherz, gewiss, er verbreitet sich gerade millionenfach auf sozialen Netzwerken. Es geht darum, dass in den USA vom "Glasdach" die Rede ist, wenn jemand die Sterne sieht, sie aber wegen dieses Dachs aus gesellschaftlichen Normen und altertümlichen Vorurteilen nicht greifen darf. Mit der Wahl von Kamala Harris zur Vizepräsidentin wurde kürzlich so ein Glasdach zerschmettert, und nun noch eines: Die Miami Marlins haben Kim Ng zur Managerin ernannt.

Sie ist die erste Frau in dieser Rolle bei einem Verein in den vier bedeutenden Männerligen NFL (Football), NBA (Basketball), NHL (Eishockey) und MLB (Baseball), und man könnte nun sagen: endlich. Man könnte aber auch fragen: Warum erst jetzt? "Sie ist seit 15 Jahren stets die beste Person für diesen Job gewesen, aber die Leute waren aus irgendwelchen Gründen nicht bereit, sie zu befördern", sagt Dan Evans. Er hatte Ng vor 30 Jahren als Praktikantin bei den Chicago White Sox eingestellt, und er wolle nun nicht Ng gratulieren, sondern den Marlins.

Wie stabil dieses Glasdach im Sport ist, zeigt die Karriere von Ng selbst. 1995 war sie im Alter von 27 Jahren die jüngste Person in der Geschichte der MLB, die einen Gehaltsstreit (von Werfer Alex Fernandez) vor Gericht verhandelte. Nach sieben Jahren in Chicago war sie 13 Jahre lang stellvertretende Managerin, erst bei den New York Yankees (als damals 29-Jährige die jüngste Stellvertreterin der Geschichte) und dann bei den Los Angeles Dodgers. Sie galt als Superhirn und war an der Elite-Uni von Chicago eine Bekanntheit im Softball - der Baseball-Variante für, nun ja, Frauen. Sie war also klug, und sie kannte diesen Sport. Managerin wurde sie nicht.

Bekannt wurde sie im Jahr 2003, weil sie der damalige New-York-Mets-Mitarbeiter Bill Singer bei einem Treffen der MLB-Verantwortlichen beleidigt hatte - nicht wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihrer asiatischen Abstammung. Die Mets warfen Singer raus, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ihn die Washington Nationals drei Jahre später nach Asien als Talentspäher schickten.

Kurz davor wäre Ng beinahe Managerin der Dodgers geworden, doch daraus wurde nichts, und es passierte, was häufig passiert: Ned Colletti, der statt Ng den Job bekam, stellte sie als seine Stellvertreterin ein - weil er sie, wie er später mal sagte, für klüger hielt als sich selbst. "Nicht nur eine historische, sondern eine grandiose Wahl", schrieb Colletti nun bei Twitter. Michelle Obama ergänzte: "Ich bin zwar ein Fan der Chicago Cubs, aber ich werde dich anfeuern."

General Manager im Baseball ist ein Beruf, dessen Eigenheiten weltweit bekannt wurden durch den Film Moneyball, in dem Brad Pitt den genialischen Billy Beane verkörpert, 18 Jahre lang Manager der Oakland A's und mittlerweile Miteigentümer des Vereins. Es braucht aufgrund der zahlreichen finanziellen und strukturellen Regeln im Baseball eher Doktortitel in Mathematik und Informatik als eine Vergangenheit als Spieler für diese Position, und es ist deshalb interessant, wer Ng eingestellt hat: Derek Jeter, einst Yankees-Legende und nun Miteigentümer der Marlins.

Jeter war der Star bei den drei Yankees-Meisterschaften nacheinander (1998-2000), als Ng die stellvertretende Managerin des Vereins war. "Sie bringt einen reichen Schatz an Wissen und Erfahrung im Titelgewinnen mit", sagt Jeter nun. Und Ng selbst? "Ich habe in dieser Liga als Praktikantin angefangen. Damals schien es unwahrscheinlich, dass eine Frau mal Managerin eines Vereins werden könne - aber ich bin ziemlich verbissen, wenn es ums Erreichen meiner Träume geht. Mein Ziel ist es nun, eine Meisterschaft nach Miami zu holen."

Der letzte Titel der Marlins, die erst 1993 gegründet worden sind, liegt 17 Jahre zurück, in den vergangenen zehn Jahren hatte der Verein jeweils mehr Spiele verloren als gewonnen; 2019 lautete die Bilanz gar 57:105. In diesem Jahr jedoch schaffte Miami 31 Siege in 60 Spielen, der Kader gilt bereits als kluge Mischung aus erfahrenen Veteranen und jungen Talenten. Es ist nun an Ng, Trainer Don Mattingly (den sie aus ihrer Zeit bei den Dodgers sehr gut kennt) ein Team zur Verfügung zu stellen, das um die Meisterschaft spielen kann.

Ng ist die erste Managerin, so wie Jackie Robinson im Jahr 1947 der erste afroamerikanische Profi in der MLB gewesen ist, und sie ist sich der historischen Dimension wohl bewusst: "Es ist eine Aufgabe, die ich nicht leichtfertig annehme. Es war bisweilen schwer für mich, eine Frau in diesem Sport zu sein." Das Glasdach ist zerstört, und in Miami werden T-Shirts in den Farben der Marlins (hellblau und rot) feilgeboten, auf denen genau das steht: "Glass Ceiling Shattered". Ng will nun dafür sorgen, dass auf den Scherben weitere Frauen zu den Chefbüros im Sport werden gehen können: "Es ist besser geworden, aber wir haben noch viel Arbeit vor uns."

© SZ/bek
Zur SZ-Startseite
MLB: World Series-Tampa Bay Rays at Los Angeles Dodgers

Baseball-Finale vor Publikum
:Plötzlich ist es wieder unfassbar laut

Die Finalserie der MLB ist bislang spannend und spektakulär. Es sind Zuschauer erlaubt - und das feiern viele gerade, als wäre jeden Abend Nationalfeiertag.

Von Jürgen Schmieder

Lesen Sie mehr zum Thema