Bahnrad:Blackout auf der Schlussrunde

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Franziska Brauße wird Weltmeisterin in der Einer-Verfolgung. Dabei wäre sie sich im Finale fast selber im Weg gestanden.

Manchmal dauert es etwas länger, bis Athleten oder Athletinnen im Sport ein großer Erfolg bewusst wird, und dann will man den Sieg gar nicht mehr loslassen. Bahnradfahrerin Franziska Brauße hatte gerade den Lauf ihres Lebens hingelegt, sie war im Velodrom vor den Toren von Paris in der Einerverfolgung zu WM-Gold gefahren, und mehr noch als die Medaille schien für sie das Regenbogentrikot von Gewinn zu sein, denn sie wollte es gar nicht mehr ausziehen.

"Das bedeutet mir so viel", sagte Brauße, zudem: "Den Titel von Lisa Brennauer zu übernehmen, ist total besonders für mich." In einem spannenden Wettkampf hatte sie im Velodrome National den fließenden Übergang vollzogen. Brennauer, 34, hatte im August nach dem EM-Silber in München ihre große Karriere beendet. Die gut zehn Jahre jüngere Brauße - mit Brennauer 2021 Olympiasiegerin in der Teamverfolgung - hielt dem Druck als Nachfolge-Führungskraft stand. "Ich finde es fast schöner, im Team zu gewinnen, weil man da mit den Mädels zusammen auf dem Podium steht", sagte die Schwäbin, die mit dem Vierer Olympiasiegerin, Weltmeisterin (jeweils 2021) und Europameisterin (2021, 2022) geworden war.

Zugleich hebt der erste große Einzel-Titel die WM-Zweite des Vorjahres auf ein neues Niveau. "Das ist noch gar nicht so richtig angekommen", sagte Brauße. Dabei hätte sie ihr großes Ziel im Finale fast selbst verhindert. Nach früher Führung gegen die Neuseeländerin Bryony Botha verlor sie plötzlich wieder Zeit, der Erfolg geriet in Gefahr. Ihr Ehrgeiz wäre ihr fast zum Verhängnis geworden - sie wollte mehr als nur den Titel. "Ich hatte den Weltrekord im Hinterkopf, für den muss man tatsächlich so schnell losfahren", sagte Brauße. Auf der Jagd nach Brennauers 3000-Meter-Bestmarke (3:17,572) hatte sie schnell rund anderthalb Sekunden Vorsprung auf Botha herausgefahren, "doch dann", sagte Brauße, "konnte ich das Tempo nicht mehr halten".

Ein Haken: Braußes Gold-Disziplin ist nicht mehr olympisch

Irgendwann lag Botha nur noch zwei Hundertstel zurück. Braußes Trainer Sven Meyer brüllte, Brauße kämpfte, bis ihr schwarz vor Augen wurde. "Ich weiß nicht mehr, wie ich ins Ziel gekommen bin - an die letzte Runde habe ich überhaupt keine Erinnerung", sagte Brauße. 3:19,427 war schließlich ihre Siegerzeit.

Teamkollegin Mieke Kröger verpasste eine zweite deutsche Medaille, verlor das kleine Finale gegen die Britin Josie Knight. Dabei war die Europameisterin von München ähnlich stark eingeschätzt worden wie Brauße. "Wir sind beide mega gute Verfolgerinnen. Ich dachte, es gibt ein deutsches Finale", sagte die neue Weltmeisterin.

21 Monate vor Olympia an gleicher Stelle hatte Braußes Coup auch einen Haken: Die Einerverfolgung gehört seit 2012 nicht mehr zum Sommerspiele-Programm, für Brauße bleibt der Vierer die einzige Goldchance. Bei der WM hatten die Tokio-Olympiasiegerin Brauße und Kröger ohne die Stammfahrerinnen Brennauer und Lisa Klein im neuformierten Team mit der erst 18 Jahre alten Lana Eberle auf Platz sechs die Medaillen verpasst.

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