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Nick Kyrgios bei den Australian Open:Die Wandlung des Rüpels

Australische Attraktion: Wenn Nick Kyrgios spielt, ist immer etwas los auf dem Platz.

(Foto: WILLIAM WEST/AFP)
  • Nick Kyrgios befindet sich noch immer in einer Bewährungszeit, zu der ihn die Tennisvereinigung im Sommer aufgrund seines Verhaltens bei einem Turnier verdonnerte.
  • In den vergangenen Wochen war ein anderer Kyrgios zu beobachten: Er gibt zu, dass es ihm angesichts der Not infolge der Brände im Lande gerade schwer falle, sich auf Australian Open und "auf die Vorhand" zu konzentrieren.
  • Anfang des Jahres verkündete er die Idee zu einer Aktion, bei der für jedes Ass 200 Dollar an die Opfer der Brände überwiesen werden.

Vier Tage lang hatte die Nation den Flug der Filzbälle verfolgt, am Donnerstag richtete sich der bange Blick der Australier wieder auf die Naturkatastrophe des Kontinents. Am Morgen wurden die Fernsehprogramme für eine Nachricht aus Cooma, südlich der Hauptstadt Canberra, unterbrochen: Ein Löschflugzeug war bei der Bekämpfung der Buschbrände abgestürzt, alle drei Männer an Bord, US-amerikanische Feuerwehrleute, die ihre australischen Kollegen unterstützten, kamen ums Leben. Am Mittag dann folgte eine Warnung des Wetterdienstes des Bundesstaates New South Wales: Wegen des Temperaturanstiegs im Raum Sydney auf bis zu 40 Grad und starker Windentwicklung sei erneut mit großer Brandgefahr zu rechnen. Am Abend wurde angeordnet, wegen des Flugzeugunglücks die Flaggen auf Halbmast zu setzen.

Kurze Zeit später, um 19 Uhr, stand in Melbourne, rund 450 Kilometer entfernt, Nick Kyrgios auf dem Tennisplatz: jener australische Tennisprofi, der zugibt, dass es ihm angesichts der Not im Lande gerade schwer falle, sich auf Australian Open und "auf die Vorhand" zu konzentrieren. Weil "gerade Dinge passieren", wie Kyrgios sagt, "die sehr viel größer sind".

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Für Kyrgios, 24, hatten die Turnierveranstalter im Abendprogramm auch diesmal wieder auf seine ausdrückliche Bitte hin die Melbourne-Arena gebucht: Die Mehrzweckhalle auf der Anlage bietet 10 500 Plätze und sie hat im Vergleich zum schmucken Tennistempel nebenan, der Rod-Laver-Arena, den Vorteil, dass dort auch Zuschauer zugelassen werden, die sich nur das billigste Ticket leisten können, das sonst für die Außenplätze gilt. Und so standen die Leute erneut Schlange für einen Provokateur mit extravagantem Haar, rüpelhaften Manieren und einem großen Herzen, der binnen weniger Wochen zu ihrem Champion aufgestiegen ist.

Kyrgios, Nummer 26 der Welt, hat an seinen besten Tagen ein volatiles Temperament. An anderen geht er wie eine Rakete mit kurzer Zündschnur in die Luft. Auch am Donnerstag flegelte und fluchte er sich zwischenzeitlich durch die Zweitrundenpartie gegen den 35-jährigen Franzosen Gilles Simon, die er 6:2, 6:4, 4:6 und 7:5 gewann. Nebenbei präsentierte er ein Kunstschlagspektakel: Spielte den Ball um den Pfosten, schlug mit dem Rücken zum Netz. Und fabrizierte 28 Asse, für die er nun 5600 Australische Dollar an die Opfer der Brände überweisen wird - 200 Dollar für jedes Ass, umgerechnet 124 Euro. Als der Hallensprecher, der frühere Profi Jim Courier, ihm für die Spenden dankte, wiegelte er ab. Am Morgen sei er zu Meldungen aufgewacht, dass es in der Gegend um Canberra, seine Heimatstadt, wieder brenne. "Die Feuer gehen weiter", sagte er. "Die ganze Tenniswelt engagiert sich jetzt. Nicht nur ich. Jedem gebührt Dank."

Es ist richtig, dass durch die Aktion "Aces for Bushfire Relief" bis zum Donnerstagabend 5 455 671 Australische Dollar zusammengekommen sind. Aber unbestritten ist auch, dass es ohne Nick Kyrgios diese Summen nicht gäbe. Er hatte die spontane Idee zu dieser Aktion. Er verkündete sie Anfang des Jahres beim ATP-Cup, als Tennisspieler aller Nationen im brennenden Australien einflogen.

Das löste eine Welle von Reaktionen aus. Unter anderem beim australischen Verband, der den Betrag aufzustocken versprach. Es war ausgerechnet Kyrgios, das Enfant terrible, der auf diese Weise zur Stimme des Gewissens für die Funktionäre von Tennis Australia wurde, die vor dem Dilemma standen, eine Serie von hochdotierten Ballspielen im ganzen Land zu organisieren, während Feuerwehrleute ihr Leben riskierten. "Ich sollte mich auf Turniere vorbereiten, aber mein Fokus war woanders", sagte Kyrgios. "Ich versuche, bei den Buschbränden zu helfen. Ich denke nicht so sehr an die Resultate auf dem Platz. Ich will etwas Positives bewirken, das ist alles."

Seitdem ist jedes seiner Matches zu einer Art Benefizgala mutiert. Wer dieser Tage die australischen Zeitungen liest, könnte vermuten, dass der ehemalige Rüpel kurz vor der Heiligsprechung steht. Die Zeitung The Age stellte eine "neu gefundene spirituelle Reife" bei ihm fest und sieht ihn, leicht ironisch, auf einem Weg wie Gandhi. Kyrgios interessiert das herzlich wenig. "Mein Ruf, diese Medienberichterstattung, ist mir, ehrlich gesagt, egal. Ich mache das, weil ich wirklich helfen will."

Der australische Tennisverband will Kyrgios zu den Olympischen Spielen mitnehmen

Dabei befindet er sich noch immer in der Bewährungszeit, zu der ihn die Tennisvereinigung im Sommer verdonnerte. Und dabei ging es nicht um Sperenzchen wie den Unterarmaufschlag, mit dem er gern seine Gegner verärgert oder sich selbst amüsiert. Oder seine Privatfehde mit Rafael Nadal, dem er in Wimbledon einen gezielten Ball auf den Körper katapultierte. In Cincinnati hatte er während eines Matches zwei seiner Schläger in den Katakomben zertrümmert, aus Ärger über eine verweigerte Toilettenpause, außerdem Richtung Referee gespuckt und das Publikum beleidigt. Sogar Australiens Tennisidol Rod Laver, 81, forderte eine Sperre für den hochbegabten Landsmann, der sich störrisch weigert, den Erwartungen nach Wohlverhalten oder gebührender Ausschöpfung seines enormen Talents zu entsprechen.

In den vergangenen Wochen indes war ein anderer Nick Kyrgios auf den Tennisplätzen zu besichtigen. Beim Mannschaftswettbewerb ATP Cup wurde er allerorten wegen seiner Aufopferung für das Nationalteam gelobt. Und abseits vom Spiel rückte seine Stiftung in den Vordergrund, die seine Mutter und sein Bruder Christos leiten, und die gefährdeten Kinder aus sozialen Brennpunkten Sport- und Spielmöglichkeiten gibt. Die Philanthropie habe ihm einen neuen täglichen Fokus gegeben, so wird sein Bruder in The Age zitiert: "Sie hat ihn nicht verändert, aber ihm erlaubt zu zeigen, wer er ist."

Sogar bei Olympia in Tokio hätten ihn die australischen Organisatoren nun gern dabei. Vor vier Jahren in Rio verzichtete Kyrgios auf die Reise, als ihm die Funktionäre vorwarfen, es würde ihm an Verständnis dafür mangeln, was es bedeute, ein "australischer Olympier" zu sein. Nun, nach seinem Einsatz für die Opfer der Brandkatastrophe, heißt es, man wäre stolz, Kyrgios im Team zu haben. Und was sagt der philanthropische Provokateur? Kein Problem. Er werde auch in Doppelstockbetten schlafen.

© SZ vom 24.01.2020/chge/cat
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