bedeckt München 13°

Augsburg:Lehre einer Ohrfeige

FC Augsburg v 1. FSV Mainz 05 - Bundesliga

Muntermacher: Fredrik Jensen (links) und Florian Niederlechner (rechts) gratulieren dem verwunderten Marco Richter zum 1:1.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Der FCA schlägt Mainz trotz Richters groteskem Fehlschuss. Für heftige Debatten sorgt wieder mal eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung.

Von Sebastian Fischer, Augsburg

Schließlich lächelte er doch. Es ging darum, was Marco Richter, 22, von diesem für ihn außergewöhnlichen Tag für den weiteren Verlauf seiner Karriere lernen kann. Der Augsburger Angreifer erzählte von einem Dialog auf dem Rasen während des Spiels gegen Mainz, das der FC Augsburg mit 2:1 gewonnen hatte. Nach seinem Tor zum Ausgleich kurz vor der Pause hatte Richter nicht gejubelt, er schien eher zu trauern. Denn vor seinem Treffer - er drückte den Ball aus wenigen Metern über die Linie -, hatte er zwei große Chancen vergeben. Lach doch mal, schienen ihm seine Kollegen zuzurufen, sie schüttelten ihn, Fredrik Jensen zog ihm die Mundwinkel nach oben, Stephan Lichtsteiner ohrfeigte ihn gar. Der Schweizer, 35 Jahre alt, habe ihm zugerufen, "wie viel Downs er in seiner Karriere hatte - und dass das dagegen nur eine Kleinigkeit ist", erzählte Richter. "Er weiß, wie man junge Spieler aufbauen muss."

Marco Richter, dreimaliger Torschütze für Deutschland bei der U21-EM im Sommer, konnte später selbst nicht erklären, was in der zehnten Minute passiert war, als Ruben Vargas den Ball im Pressing gewonnen hatte, drei Augsburger ohne Gegenspieler aufs Mainzer Tor zuliefen und Richter den Ball nach Vargas' Querpass am nahezu leeren Tor vorbeischoss. Er konnte aber begründen, warum er später auch die zweite Großchance vergeben hatte - auch wegen seines ersten Fehlschusses. "Ich bin so ein Typ, der sich selber unter Druck setzt, was eine Schwäche von mir ist, da muss ich einfach den Kopf oben halten."

Die beiden vergebenen Gelegenheiten, zwei von vielen für Augsburg in der ersten Hälfte, waren überhaupt erst der Grund, warum das Spiel später noch ein ausgeglichenes war; und warum über den Elfmeter durch Florian Niederlechner zum 2:1 gestritten wurde, der die Partie entschied. Der Mainzer Trainer Achim Beierlorzer regte sich auf, dass Schiedsrichter Markus Schmidt die Szene nicht selbst noch mal betrachtet hatte. Stattdessen hatte der Referee das von ihm als Foul interpretierte, zunächst mit einem Freistoß bestrafte Duell zwischen Vargas und dem Mainzer Pierre Kunde nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten in den Strafraum verlegt.

"Diesen Videoschiedsrichter, den müssen wir doch verbessern, den müssen wir optimieren", sagte Beierlorzer später in einer Art Plädoyer in der Pressekonferenz. Der Mainzer, der vor ein paar Wochen noch Trainer in Köln gewesen war, hatte schon dort oft nach umstrittenen Entscheidungen seine Unzufriedenheit mit der Handhabung des Videobeweises geäußert. Das Foul, zweifellos im Strafraum, sei gar kein Foul gewesen, sagte er. Die Niederlage sei deshalb "bitter", aber, das gab der Trainer zu, "insgesamt natürlich verdient".

Und so standen Richters vergebene Chancen am Ende auch für einen Auftritt, der Augsburgs starke Form belegte. In vier Spielen in Serie gegen direkte Konkurrenz im Kampf gegen den Abstieg hat der FCA zehn Punkte geholt und sich nach schwachem Saisonstart offenbar stabilisiert. "Ein Feuerwerk", nannte Kapitän Daniel Baier die erste Halbzeit. Bereits nach zehn Minuten hatten Richter und Vargas je zwei Gelegenheiten ausgelassen und Jensen den Pfosten getroffen. Augsburg griff mit teils vier Spielern in der ersten Pressing-Linie früh an, schien jede von vielen Lücken in der Mainzer Abwehr für Tempoläufe in die Tiefe zu nutzen. Mainz ging zwar durch einen Fernschuss von Levin Öztunali nach 15 Minuten in Führung, fand aber erst mit einem Systemwechsel von Fünfer- zu Viererkette in der Halbzeitpause ein Mittel gegen die Augsburger Überlegenheit.

Dass der FCA das Spiel in der zweiten Halbzeit trotzdem gewann, zeigte für Kapitän Baier die Moral des Teams. "Es ist nicht einfach, so was zu verdauen", sagte er über die vergebenen Chancen. Marco Richter grätschte kurz vor Schluss noch einen Ball ins Aus, um einen Mainzer Gegenangriff zu verhindern. Er sagte: "Jetzt überwiegt das Positive."

© SZ vom 09.12.2019

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite