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"Rodchenkov Act":Enormes Misstrauen gegen die Sachwalter des Sports

Sportgerichtshof-Urteil zum russischen Dopingskandal noch 2020

Zum Überlaufen brachte das Fass der absurde Umgang des IOC und nachgeordneter Sportorganisationen mit dem russischen Staatsdoping.

(Foto: dpa)

Das neue Anti-Doping-Gesetz aus den USA rückt erstmals nicht den Athleten in den Fokus, sondern die Hinterleute. Es ist ein überfälliger Angriff auf die Autonomie des Sports.

Kommentar von Thomas Kistner

Braucht es noch einen Beweis für die Ambivalenz, mit der der Weltsport seinem Strukturproblem begegnet, dem Doping? Er zeigt sich nun in dem verzweifelten Widerstand, den die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) der Verabschiedung des "Rodchenkov Act" in den USA entgegensetzt. Ein neues Gesetz, benannt nach dem dorthin geflohenen russischen Anti-Doping-Chef und Whistleblower Grigorij Rodtschenkow. Angelehnt an die harten Anti-Mafia-Gesetze rückt es erstmals nicht den Athleten in den Fokus, sondern die Hinterleute. Ärzte, Betreuer und: Funktionäre. Dopende Sportler dürfen als Kronzeugen auftreten. Der US-Senat hat den Act ratifiziert, fehlt nur noch die Unterschrift des Präsidenten.

Das Schlimmste am neuen US-Gesetz ist für die Wada und ihre Verbandsklientel der Umstand, dass es weltweit auf jedes Großevent zielt, an dem eine amerikanische Firma beteiligt ist; etwa als Sponsor. Insofern betrifft es praktisch alle bedeutenden Sportfeste, auch Olympische Spiele. Bei Verstößen drohen Geldstrafen oder bis zu zehn Jahre Haft. Und die Tatverfolgung dürfte energischer ausfallen als die bisherigen Detektivspiele des Sports. Gerade die US-Bundespolizei FBI und die Steuerfahndung IRS verfügen über die Instrumente, um transnationalen Geldströmen nachzuspüren. Höchste Zeit, sie im Kommerzsport zu erproben.

Das mag klingen, als wäre es im Sinne des Sports. De facto ist es das Gegenteil. Die Wada, deren Millionenbudget auch mit Steuergeldern befüllt wird, hatte sogar Lobbyisten auf Capitol Hill angeheuert, um das Gesetz zu kippen. Es gab Ränkespiele, Gefälligkeitsgutachten; von Leuten, die als gut dotierte Richter am obersten Sportgerichtshof Cas wenig amüsiert sind, wenn ihnen künftig motivierte staatliche Ermittler viel Arbeit abnehmen.

Den US-Vorstoß begrüßen all diejenigen im Sport, die wirklich engagierte Betrugsbekämpfung leisten

Travis Tygart, der Chef der US-Anti-Doping-Agentur Usada, hat diese Abwehrmanöver ebenso offen kritisiert wie das US-Drogenbüro in Washington; beide witterten das Internationale Olympische Komitee (IOC) als treibende Kraft dahinter. Was ja schon wegen der symbiotischen Verflechtungen des IOC mit der Wada auf der Hand liegt; den Präsidentenjob bei letzterer hat turnusgemäß ein Vorstand des Ringe-Zirkels inne. Da wirkt es albern, hier eine echte Unabhängigkeit reklamieren zu wollen.

Den US-Vorstoß begrüßen all diejenigen im Sport, die wirklich engagierte Betrugsbekämpfung leisten. Darunter ein Bündnis aus nationalen Testagenturen, denen auch die deutsche angehört. Die Amerikaner selbst, mit acht Prozent bisher der größte Einzeleinzahler ins Wada-Budget, haben lange zugeschaut, sie haben gewarnt und gedroht. Ihre Usada hatte fast im Alleingang die größeren Fälle der jüngeren Zeit ausgehoben, vom Sturz des US-Radhelden Lance Armstrong, dessen Funktionärsfreunde in Wada-Chefetagen saßen, über die Nike-Oregon-Affäre bis zum endemischen Skandal um den Gewichtheber-Weltverband.

Zum Überlaufen brachte das Fass der absurde Umgang des IOC und nachgeordneter Sportorganisationen mit dem russischen Staatsdoping. Die Wada hatte russische Whistleblower zunächst sogar an ihre Moskauer Funktionärskollegen zurückverwiesen; fortan mussten Rodtschenkow und Co. um ihr Leben bangen, es blieb nur die Flucht. Am Ende stand der mitfühlende Täterschutz, den das IOC unter dem deutschen Wirtschaftsanwalt Thomas Bach gern entfaltet, wenn Dopingexzesse auf Höhe einer Sportnation wie Russland auffliegen.

Deshalb ist das neue Gesetz nicht nur wesentliches Werkzeug für eine globale Dopingbekämpfung, die nun erstmals an den Wurzeln ansetzt. Es ist ein enormes Misstrauen gegen die Sachwalter des Sports. Es nimmt ihnen einen zentralen Teil ihrer Autonomie, die sie in grauen Amateurzeiten garantiert bekamen - als Sport noch Hobby war und nicht die größte Unterhaltungsindustrie des Planeten.

© SZ vom 20.11.2020/chge
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