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American Football:Mehr Tragödie als Drama

Miami Dolphins - New England Patriots

Antonio Brown von den New England Patriots in Aktion.

(Foto: Al Diaz/dpa)

Der Passempfänger Antonio Brown ist offenbar weit mehr als nur ein begnadeter Footballspieler, der auch eine Drama-Queen sein kann. Nun werden Vorwürfe laut, die ein dunkles Bild von ihm zeichnen.

Und dann tut Drew Rosenhaus tatsächlich so, als sei das alles nur ein Kapitel der Seifenoper, deren Hauptdarsteller seit einigen Jahren der Footballprofi Antonio Brown ist. "Es ist schade, dass es mit den Patriots nicht funktioniert hat", schreibt Browns Manager bei Twitter, als hätten zwei Erwachsene nach der ersten Verabredung festgestellt. dass es nicht klappen wird mit einer Romanze: "Antonio ist gesund, er freut sich auf seine nächste Chance in der NFL." Er wolle diesen Sport, den er so sehr liebe, weiterhin betreiben: "Er hofft darauf, möglichst bald für ein anderes Team auflaufen zu können."

Die einzige vernünftige Antwort an Rosenhaus, der als Anwalt seines Klienten so was schreiben muss, kann nur sein: Das ist keine Seifenoper mehr. Es geht nicht mehr darum, ob sich Brown wie eine Diva benimmt und selbst legendäre Störenfriede wie Dennis Rodman (Basketball), Barry Bonds (Baseball) und Mario Basler (Fußball) wirken lässt wie wohl erzogene Chorknaben. Es geht nicht mehr darum, ob er mit einem Heißluftballon zum Training erscheint, sich einen bizarren Streit mit der US-Profiliga NFL über seinen Helm liefert oder sich die Haut seiner Fußsohlen beim Besuch einer Kältekammer zerstört.

Aus der Seifenoper ist erst ein Drama und mittlerweile ein Krimi geworden. Es geht um unbezahlte Rechnungen, Rassismus, sexuelle Nötigung, häusliche Gewalt und, das ist der schlimmste Vorwurf: Es geht um Vergewaltigung. Die Physiotherapeutin Britney Taylor wirft ihm vor, sie im Jahr 2017 gegen ihren Willen geküsst und in ihrer Nähe masturbiert zu haben, am 20. Mai 2018 soll er sie vergewaltigt haben. Sie hat Zivilklage eingereicht, Browns Anwalt Darren Heitner bestreitet die Vorwürfe, er spricht von einer "einvernehmlichen Beziehung".

Von vorne: Brown ist jahrelang der beste Passempfänger der Liga gewesen, aber eben auch eine schillernde Figur - und wie so oft im Profisport wird das Verhalten der Besten abseits des Spielfelds toleriert, so lange sie darauf ordentliche Leistungen abliefern. Die Pittsburgh Steelers akzeptierten die Attitüde bis zum letzten Spieltag der vergangenen Saison, doch dann erschien Brown nach einem Streit mit Quarterback Ben Roethlisberger nicht zur wichtigen letzten Partie der regulären Spielzeit.

Selbst die New England Patriots wollten ihn nicht bändigen

Die Steelers schickten ihn im März im Tausch gegen zwei Nachwuchsspieler zu den Oakland Raiders, dort begann zunächst tatsächlich ein weiteres Kapitel der Antonio-Brown-Show mit den oben genannten Extravaganzen, die in all ihrer Pracht in der Doku-Serie "Hard Knocks" auf dem Pay-TV-Kanal HBO zu bestaunen sind. Dann jedoch lieferte sich Brown einen Disput mit Raiders-Manager Mike Maycock, er soll ihn rassistisch beleidigt und ihm Prügel angedroht haben. Die Raiders entließen Brown noch vor dem ersten Saisonspiel - wohl auch deshalb, weil sie ihm dann keinen Cent des 50-Millionen-Dollar-Vertrages für insgesamt drei Spielzeiten bezahlen mussten.

Die New England Patriots - bekannt dafür, unbequeme Akteure bändigen zu können - griffen zu und sicherten sich die Dienste von Brown, beim ersten Spiel gegen die derzeit unterirdischen Miami Dolphins fing er vier Zuspiele von Quarterback Tom Brady und trug einen Ball in die gegnerische Endzone. Es sah nach einem fröhlichen Kapitel aus, bis die ersten Vorwürfe auftauchten, denen schnell andere folgten. Ein Artikel der gewöhnlich bestens unterrichteten Zeitschrift Sports Illustrated zeichnet das Bild eines Sportlers, der aufgrund von Reichtum und Ruhm in der Lage gewesen ist, sich mehr zu erlauben als andere Menschen.

Ehemalige Geschäftspartner berichten von einem roten Faden im Gebaren von Brown: Er sei höflich und zuvorkommend, er behaupte, dass Geld nun wahrlich keine Rolle spiele. Nur: Er bezahle seine Rechnungen nicht, suche nach Ausreden und behaupte, dass die Mitarbeiter was gestohlen oder schlechte Arbeit geleistet hätten - er sei das Opfer von Leuten, die ihn ausnutzen wollten. Die Geschäftspartner berichten jedoch nicht nur von unbezahlten Rechnungen, sondern auch, dass Brown durch Wutanfälle und geworfene Möbel, rassistische Äußerungen ("Cracker" für hellhäutige Menschen zum Beispiel) und dadurch aufgefallen sei, dass er Frauen wie selbstverständlich herabwürdigend als "Schlampen" bezeichne.

Eine dieser Frauen ist eine Künstlerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. Brown habe sie damit beauftragt, ein Wandgemälde von Brown in dessen Haus im Umland von Pittsburgh anzufertigen. Er sei während der Arbeit nackt zu ihr gekommen, er habe sich lediglich ein Handtuch vor den Penis gehalten und eindeutige Avancen gemacht. "Ich bin leider sehr häufig von Männern angemacht worden, also bin ich ruhig geblieben und habe weiter gearbeitet", wird die Künstlerin im Artikel von Sports Illustrated zitiert: "Danach war es aber ganz schnell vorbei." Sie habe ihre Arbeit nicht beenden dürfen und sei auch nicht von Brown bezahlt worden.

Die Liga hat angekündigt, eine eigene Untersuchung des Falls einzuleiten

Schlimmer noch: Nach dem Erscheinen des Artikels in der vergangenen Woche soll Brown der Künstlerin Textnachrichten geschickt haben, in denen er sie beschimpft und bedroht haben soll. Als Patriots-Eigentümer Robert Kraft davon erfuhr, soll er die Geduld verloren und auf eine Entlassung Browns gedrängt haben. Von den ursprünglich im Vertrag vermerkten zehn Millionen Dollar dürften die Patriots wohl lediglich 158.333 Dollar bezahlen müssen. Brown ist nun ein so genannter "Free Agent", er darf bei jedem NFL-Klub einen Vertrag unterschreiben - was zum Twitter-Eintrag von Browns Manager Rosenhaus führt.

Nur: Es gibt da noch immer den Vorwurf der Vergewaltigung, und die NFL hat angekündigt, eine eigene Untersuchung des Falls einzuleiten. Die beiden wichtigsten Sätze im Statement der Liga: Sollte er einen Vertrag bei einem Verein unterzeichnen, könnte es je nach Stand der Ermittlungen passieren, dass er nicht eingesetzt werden dürfe. Und sollte herauskommen, dass er gegen die Richtlinien der Liga oder das Gesetz verstoßen habe, dürfte er dementsprechend bestraft (also neben möglichen juristischen Konsequenzen auch suspendiert) werden. Heißt übersetzt: Jeder Klub sollte sich bitteschön genau überlegen, ob er Brown wirklich verpflichten und das nächste Kapitel öffnen will.

Es ist Brown bislang gelungen, sich bei allen Episoden dieser Seifenoper als Opfer darzustellen. Schuld sind in seinem Weltbild immer die anderen gewesen: Mitspieler, Trainer, Neider, gierige Frauen. Er ist aufgrund seiner außerordentlichen Fähigkeiten auf dem Spielfeld daran gewöhnt gewesen, dass sein Umfeld diesem Narrativ folgte und ihn stets als unschuldig an den Pranger gestellt zeigte. In einer Seifenoper mag das funktionieren, in einem Drama womöglich auch noch - nicht aber in einem Krimi, bei dem Brown derzeit im Verdacht steht, der Täter zu sein.