bedeckt München 24°

Segeln beim America's Cup:Der Flug des Kraken

2021 PRADA Cup Final: Races 7 & 8

Der Traum vom Fliegen: Die "Luna Rossa" vor dem Hafen von Auckland.

(Foto: Fiona Goodall/Getty Images)

Prada-Chef Bertelli hat schon Hunderte Millionen Euro versenkt beim America's Cup, nun soll seine "Luna Rossa" endlich den Titelverteidiger schlagen. Die vielleicht wichtigste Personalie ist ein Spezialist für Strömungslehre.

Von Thomas Gröbner

Zum Glück hat Prada-Patron Patrizio Bertelli ein Faible fürs Scheitern, er wäre sonst ein recht trauriger Mann. Niederlagen finde er interessanter als Siege, "ein Sieger triumphiert, nur lernt er nichts", sagte er einmal, und Bertelli muss es wissen. Kaum einer hat so viel Lehrgeld bezahlt beim Segel-Wettbewerb um den America's Cup wie der Chef des italienischen Modeunternehmens.

75 Jahre alt wird Patrizio Bertelli im April, ein Vierteljahrhundert seines Lebens jagt er schon hinter dem hässlichen Zinkbecher mit dem riesigen Henkel her, der auld mug hat es ihm angetan. Doch sein Team hat dabei selten bella figura gemacht, sondern Millionen Euro versenkt.

-

Mal wieder der Herausforderer der Neuseeländer: Prada-Chef Patrizio Bertelli, 74.

(Foto: Giuseppe Cacace/AFP)

Diesmal soll es anders laufen, Bertelli hat alles vorbereiten lassen. Er hat als Herausforderer mit dem Titelverteidiger Neuseeland die Regeln ausgebrütet. Er hat Jimmy Spithill als Steuermann engagiert, der schon 2010 und 2013 den Cup holte. Und vielleicht seine wichtigste Personalie: Er hat den Deutschen Martin Fischer zum Chef-Designer gemacht. Der studierte Physiker und Spezialist für Strömungslehre ist ein Tragflächenspezialist, er hat der Luna Rossa, dem roten Mond, das Fliegen gelehrt.

Es gibt kein Zurück mehr zu Booten, die nicht fliegen können

Längst geht es in der Entwicklung eines Bootes beim America's Cup nicht mehr darum, wie es sich im Wasser schlägt - sondern in der Luft. "Es war klar, dass wir nicht zurück können zu Booten, die nicht fliegen", sagt Fischer. Zu spektakulär ist die Technik, in der die Faszination des Meeres mit dem Traum vom Fliegen verschmilzt. An die 100-km/h-Marke kratzen die Boote schon, wenn sie sich auf ihren Foils aus dem Wasser heben und ihre Tragflächen wie Krakenarme ausfahren. Elf Mann Besatzung braucht es, um die 22,7 Meter langen und 6,5 Tonnen schweren Boote ohne Kiel zu steuern. "Sie sind extrem schwierig zu segeln", sagt Fischer, "für Normalsterbliche ist das nicht machbar".

Das berüchtigte Regelwerk, das Herausforderer und Verteidiger zusammen festlegen, soll einen spannenden Wettkampf garantieren und eine reine Materialschlacht auf dem Wasser vermeiden. Doch der jüngste Wechsel von Katamaranen mit zwei Rümpfen hin zu klassischen Einrümpfern machte aus einer teuren Angelegenheit eine Luxus-Veranstaltung: Die Entwicklungskosten für die neuen Boote können sich fast nur noch Milliardäre leisten. Deshalb haben sich nur drei Herausforderer gefunden, die das Budget stemmen konnten. "Unter hundert Millionen", sagt der österreichische Segel-Olympiasieger Hans-Peter Steinacher, "braucht man gar nicht anfangen."

*** BESTPIX *** 2021 PRADA Cup Round Robins

Fast gesunken: Die Crew von American Magic risikierte zu viel im Duell mit Luna Rossa.

(Foto: Fiona Goodall/Getty Images)

Die Amerikaner, die früher als als unbesiegbar galten, scheiterten früh. Die Briten, finanziert vom Gründer des Chemie-Giganten Ineos, Jim Ratcliffe, hatten Spezialisten eingeflogen vom Formel-1-Team Mercedes, als ihnen drohte, abgehängt zu werden - vergeblich. 1:7 verlor der viermalige Olympiasieger Sir Ben Ainslie das Milliardärs-Duell gegen die Luna Rossa von Prada-Zar Bertelli. Nun wartet Gastgeber Neuseeland, der ohne Milliardär-Mäzen auskommt und sich mit Steuergeldern, Sponsoren und Spenden finanziert.

Die Regatta wird selten nur auf dem Wasser entschieden

Mittlerweile ist der Ton rau geworden zwischen den Finalgegnern, jetzt, wo es um alles geht vor Auckland. Luna Rossa hatte die Ellbogen schon mal ausgefahren während der Entscheidungsrennen gegen die Briten. Nachdem eine einzige Corona-Infektion in Auckland bekannt wurde, hatte die 1,7-Millionen-Stadt die Alarmstufe zwei ausgerufen, Public Viewing und Zuschauer waren verboten, der Veranstalter wollte die Rennen aussetzen, bis wieder Zuschauer erlaubt sind - doch Luna Rossa drohte, man würde sich zum Sieger ausrufen, sollte nicht weitergesegelt werden. Die Veranstalter ließen wissen, sie würden "Ehre und Respekt für dieses Land" vermissen. "Unfair" und "populistisch" sei das, schoss das Team Luna Rossa zurück.

Der America's Cup wird selten nur auf dem Wasser entschieden, sondern immer auch durch geschickte Manöver durch die Lücken im Regelwerk. Das hat Bertelli selbst erlebt. 2015 wurde er ausgebremst, als Oracle-Chef Larry Ellison kurzerhand die Bootsgröße ändern ließ. Die Entwicklungsarbeit der Italiener war vergeudet, Bertelli zog sich schmollend zurück und unterstützte die Neuseeländer. Im Gegenzug ließ er sich zusichern, im Falle ihres Sieges den Herausforderer geben zu dürfen.

America's Cup Match Presented by Louis Vuitton - Day 5

Soll für Neuseeland den Cup verteidigen: Steuermann Peter Burling mit dem Pokal, den er 2017 vor den Bermudainseln stemmte.

(Foto: Clive Mason/AFP)

Nun treffen sich die beiden tatsächlich im Finale. Die Italiener gelten bei schwachen Winden als stärker; Steinacher, der die Rennen für Servus TV (ab Mittwoch, 4 Uhr) kommentiert, sieht aber die Neuseeländer als Favorit, die mehr Geschwindigkeit aufs Wasser bringen. Mit Glenn Ashby haben sie einen Mann an Bord, der eine Gabe besitzt, das Boot zu lesen und die Limits zu spüren.

Das ist wichtiger als bisher, denn die Steuerleute und Taktiker müssen sich herantasten an die Grenzen ihrer Boote - ohne darüber hinauszuschießen, wie es den Amerikanern passierte, die dann ein hübsches Loch im Rumpf hatten. Viel Erfahrung hat die Crew nicht, denn die Vorbereitung war durch die Corona-Pandemie kurz. Manches ist in Simulationen erprobt, muss der Wirklichkeit aber noch standhalten. Nur eins ist sicher: Fehler kann sich keiner leisten, Zeit für Reparaturen gibt es nicht, denn es geht nun Schlag auf Schlag vor Auckland.

Für Bertelli ist das Finale eine Rückkehr an den Ort, wo seine Reise mit der Luna Rossa begann. Bei ihrer Premiere im Jahr 2000 erreichte sie das bisher beste Resultat: Im Finale vor Auckland verlor Bertellis Team gegen Neuseeland. "Das Geheimnis", glaubt Bertelli, liege wohl darin, so lange um den Cup zu segeln, bis er gewonnen ist: "Es scheint, als wäre das unser Weg."

© SZ/moe/pps
Zur SZ-Startseite
SAILING - VENDEE GLOBE 2020 - BORIS HERRMANN MALZIA II TRAINING

SZ PlusBoris Herrmann
:"Auf dem Meer bin ich in einer idealen Freiheit"

Boris Herrmann ist wieder an Land und denkt schon an die nächsten Abenteuer bei der Vendée Globe. Im Interview erzählt der Weltumsegler von der Faszination des Ozeans, einer Rettungsaktion bei Nacht - und warum er jetzt erst mal pleite ist.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB