Abstiegskampf in der Bundesliga:Drei Minuten zu spät zum Frühstück

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Eintracht Braunschweig v FC Bayern Muenchen - Bundesliga

Mann mit Prinzipien: Braunschweig-Trainer Torsten Lieberknecht.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Während Braunschweigs Trainer zwei seiner besten Spieler aus dem Kader verbannt, wird es beim Hamburger SV schrecklich still. Andere Klubs sind fast gerettet. Der Abstiegskampf in der Fußball-Bundesliga spitzt sich zu.

Von Carsten Eberts, Braunschweig

Was den Abstiegskampf angeht, sieht die Bundesliga an diesem 31. Spieltag etwas klarer. Einige Klubs haben bekannt gegeben, dass sie dem Kreis der Kandidaten nicht länger zugehören möchten: Werder Bremen etwa, nach dem Sieg gegen Hoffenheim mit 36 Punkten ausgestattet. Auch dem SC Freiburg und Hannover 96 (beide 35) müsste noch großes Unglück widerfahren, um letztlich auf einem Abstiegsplatz zu landen.

Die Gruppe der Kandidaten hat sich geteilt, in die Fast-Geretteten (Bremen, Freiburg, Hannover) und eben jene, die bis zum Ende drinhängen dürften. Zwar kann Stuttgart (28) am Sonntag noch wichtige Punkte sammeln. Gemeinsam mit Hamburg (27), Nürnberg (26) und Braunschweig (25) dürften es jedoch diese vier Mannschaften sein, die die beiden direkten Absteiger und den Relegationsteilnehmer unter sich ausmachen. Viel Prophetie braucht es dazu nicht.

Dass sich im Fall von Eintracht Braunschweig an der Ausgangslage an diesem Spieltag nichts ändern würde, war vorhersehbar. Der Tabellenletzte hatte den FC Bayern zu Gast, hielt zwar über 75 Minuten verblüffend gut mit, musste am Ende aber feststellen, dass es richtig war, die Heim-Punkte gegen den Rekordmeister am besten gar nicht erst einzuplanen.

Die Laufleistung, der kämpferische Einsatz, sogar die vereinzelten Chancen gegen die Bayern - all das sah für Trainer Torsten Lieberknecht trotzdem nicht nach zweiter Liga aus. "Wenn man sieht, wie wir uns präsentieren, dann gibt das natürlich Grund zum Optimismus", sagte Lieberknecht. Auch Mirko Boland erklärte: "Wir haben nun drei Endspiele." Das erste am kommenden Wochenende bei Hertha BSC Berlin.

Mitten im Abstiegskampf hatte Lieberknecht zuvor ein bemerkenswertes Zeichen gesetzt. Seine Mannschaft ist nicht gerade gespickt mit fußballerisch hervorragenden Technikern - Lieberknecht war es egal. Er warf kurzerhand zwei seiner besten Kicker wegen eines vergleichsweise lappalienhaften Vergehens aus dem Kader.

Um 9.30 Uhr wollte sich die Mannschaft am Samstagmorgen zum Frühstück treffen. Doch es wurde 9.33 Uhr, ehe auch Marcel Correia und Karim Bellarabi am Frühstückstisch ankamen. Drei Minütchen also, zu viel für Lieberknecht. Wie wichtig ihm eigentlich Pünktlichkeit sei, wurde Lieberknecht nach dem Spiel gefragt. Der Coach pustete kurz durch.

"Wenn Regeln innerhalb einer Mannschaft gebrochen werden, musste ich zu Konsequenzen greifen. Und werde das auch in Zukunft tun", antwortete Lieberknecht: "Fakt ist, dass bei mir niemand Termine verschlafen darf. Und wer verschläft, der hat bei mir einen schlechten Tag." Eine Geldstrafe zog er offenbar nicht in Betracht.

Einen schlechten Tag hatten - mal wieder - die Angestellten des Hamburger SV. Dort ist mittlerweile ein Kreislauf zu beobachten, der tatsächlich mit dem ersten Abstieg der Klubgeschichte enden könnte. Der Kreislauf geht so: Unter der Woche redet Trainer Mirko Slomka seine Mannschaft in der Öffentlichkeit stark, beschwört so lange ihre guten Eigenschaften, bis die ganze Stadt glaubt, dass diese Mannschaft doch nie und nimmer ein Abstiegskandidat ist. Am besten melden sich auch noch Uwe Seeler und Rafael van der Vaart zu Wort - und fertig ist das neue Euphoriewellchen.

Am Wochenende liefert die Mannschaft dann eine Leistung ab, die ihr in negativer Hinsicht niemand in der Stadt mehr zugetraut hätte. So war es beim 1:2 in Hannover, so war es auch bei der 1:3-Heimpleite am Samstag gegen Wolfsburg. Gespickt mit individuellen Fehlern, wie vor dem Führungstreffer von Ivan Perisic schon in der zweiten Minute, als die Hamburger geistig noch gar nicht auf dem Platz schienen.

Hamburg wollte dieses Spiel ebenfalls wie ein Endspiel angehen. Doch als Kevin De Bruyne kurz vor der Pause mit einem feinen Treffer zum vorentscheidenden 2:0 erhöhte, legte sich Stille über die Hamburger Arena. Keine Pfiffe. Keine Unmutsbekundungen. Nur Entsetzen.

Erst nach dem Spiel brachen Wut und Enttäuschung der Anhänger durch. Rund 100 Fans versuchten den Parkplatz hinter der Arena zu stürmen. Knaller und Leuchtraketen flogen, doch die Polizei brachte die Situation unter Kontrolle. "Ich werde zu Gott beten, dass wir in der Liga bleiben", gab Hakan Çalhanoğlu einen Einblick in sein Gefühlsleben, "ich denke, dass nur noch Gott uns jetzt noch helfen kann."

Angesichts des schweren Restprogramms hat die Mannschaft verstanden, dass das Erreichen des Relegationsplatzes, auf dem der HSV aktuell noch steht, sogar ein Erfolg wäre. Die Auswärtsbilanz unter Slomka ist miserabel, in den verbleibenden Spielen geht es noch nach Augsburg und Mainz. Zum einzig verbleibenden Heimspiel kommt ausgerechnet der FC Bayern in die Hansestadt.

Mögliche Relegationsgegner wie Paderborn oder Fürth hat Slomka bereits beobachten lassen. "Wenn wir am Ende diese Spiele machen dürfen, werden wir vorbereitet sein", erklärte er am Samstagabend im Aktuellen Sportstudio. Slomka hat "dürfen" gesagt. So viel Demut gab es beim HSV lange nicht mehr.

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