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1. FC Nürnberg:Ein Fan und kein Tor

*** BESTPIX *** 1. FC Nürnberg v FC Erzgebirge Aue - Second Bundesliga

Am Boden: Der 1. FC Nürnberg hat Chancen ausgelassen – und muss so gegen Aue Punkte abgeben, nachdem Torhüter Felix Dornebusch (l., mit Fabian Nürnberger) einmal vom FC Erzgebirge überwunden wurde.

(Foto: Matthias Hangst/Getty Images)

"Ernste Situation": Nürnberg kämpft nach dem 1:1 gegen Erzgebirge Aue weiter gegen den Absturz aus der zweiten Liga, der Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz beträgt nur zwei Punkte.

Es liefen die letzten Minuten im Max-Morlock-Stadion, der 1. FC Nürnberg versuchte gerade, ein Unentschieden gegen Erzgebirge Aue abzuwenden, als laut und deutlich etwas vermeintlich Verbotenes zu hören war. Es ist ja bekanntlich die wichtigste Bedingung, unter der dem Profifußball die Fortsetzung der Saison gestattet wird, dass sich keine Fans in den Stadien aufhalten dürfen. Doch die Rufe vom Oberrang waren unmissverständlich: "FCN, FCN!"

Allerdings war es Thomas Grethlein, der da schrie. Dem Aufsichtsratsvorsitzenden des 1. FC Nürnberg ist es auch bei Spielen ohne Zuschauer weiterhin gestattet, im Stadion auf der Tribüne zu sitzen - und dabei zu schreien.

Es gehört zu den Erkenntnissen des zweiten Geisterspieltags der zweiten Bundesliga, dass Grethlein, 61, der Chef des Nürnberger Clubs, die Spiele seines Vereins sehr emotional zu verfolgen pflegt - ein wenig wie ein sehr motivierter Spielervater in der Bezirksliga. Die Rufe in den Schlussminuten waren keine Ausnahme, er feuerte die Spieler fortwährend mit deren Spitznamen an, er brüllte: "Weiter, weiter!" Und nach dem Spiel verließ er die Tribüne sichtlich enttäuscht. Denn auch das gehört zu den Erkenntnissen des Spieltags: Für Nürnberg, Bundesliga-Absteiger 2019, bleibt es eine schwere Aufgabe, den Zweitliga-Abstieg 2020 zu vermeiden. Oder wie es Kapitän Hanno Behrens nach dem 1:1 am Freitag ausdrückte: "Es ist eine ernste Situation."

Schon vor der Corona-Pause war der FCN in einer misslichen Lage: Angetreten im vergangenen Sommer mit dem Ziel, nach dem Abstieg oben mitzuspielen, spielte die Mannschaft unten mit, trotz insgesamt 16 Zugängen und eines Trainerwechsels im Herbst. Zum Auftakt nach zwei Monaten Pause verlor Nürnberg wieder, mit 0:1 beim FC St. Pauli, es war die elfte Saisonniederlage. Trainer Jens Keller lobte danach aber die fußballerische Qualität der Mannschaft, die in Hamburg gut gespielt, aber zahlreiche Chancen vergeben hatte.

Nun, nach dem Remis gegen Aue, das erneut ein Spiel der vergebenen Gelegenheiten war, sagte Keller: "Ich will nicht mehr von Pech reden. Die Dinger muss man machen." Vor dem Spiel bei Jahn Regensburg am Dienstag stehen die Nürnberger auf Rang 15, mit nur zwei Zählern Vorsprung auf die Abstiegsplätze.

Das Nürnberger Tor am Freitag hatte der Gegner geschossen: Aues Verteidiger Sören Gonther hatte einen Rückpass von Behrens im Fünfmeterraum ins eigene Tor gelenkt. Vorher war Behrens einmal selbst frei vor dem Tor am Auer Keeper Martin Männel gescheitert, kurz vor Schluss traf er noch mal den Pfosten. Außerdem vergab Robin Hack eine große Kopfballchance. Woran es lag, konnte Behrens danach auch nicht sagen. Aber er beteuerte, woran es nicht liege: Keineswegs daran, dass sich die Spieler nicht auf den Kampf gegen den Abstieg einlassen könnten.

Für das Spiel in Regensburg droht Innenverteidiger Mühl auszufallen

Die Mannschaft ist auf vielen Positionen für die Liga sehr gut besetzt. Da ist zum Beispiel der kantige Innenverteidiger Dinos Mavropanos, 22, vom FC Arsenal ausgeliehen, Johannes Geis, 26, im defensiven Mittelfeld, auf dem Flügel der ausgesprochen talentierte Dribbler Hack, 21, mit sieben Treffern bislang bester Nürnberger Torschütze der Saison. Und natürlich Behrens, 30, seit Jahren das Gesicht der Mannschaft, der zwischen Angriff und Mittelfeld oft so wirkt, als würde er am liebsten überall auf dem Feld gleichzeitig sein.

Doch es ist ein wenig wie bei einem teuren Hemd, das bei zu heißer Wäsche eingelaufen ist: Wenn man zieht, dann sieht es auf der einen Seite zwar vielleicht noch gut aus - aber auf der anderen ist es zu kurz. Gute Einzelspieler in jedem Mannschaftsteil ergeben in Nürnberg gerade keine gute Mannschaft. Keller lobte die Moral seines Teams, aber er sprach auch über die Probleme: Innenverteidiger Mavropanos sei genau wie sein am Freitag eingewechselter Nebenmann Asger Sörensen in der Corona-Pause zwischenzeitlich angeschlagen gewesen, das merke man. Lukas Mühl, für Sörensen wegen einer Fußverletzung ausgewechselt, fällt gegen Regensburg wohl aus. Vielleicht ist Georg Margreitter wieder einsatzbereit.

Probleme gibt es natürlich auch weiter vorne. Geis, zum Beispiel, ließ die Flanke vor dem Tor geschehen, und er ließ große Lücken für den konterstarken Gegner. Hack hatte wenige Aktionen. Und in der vordersten Spitze, wo sich gegen Aue zunächst Adam Zrelak und dann der am Dienstag gelbgesperrte Michael Frey versuchten, bräuchte es jemanden, der für konstanteren Angriffsdruck den Ball behaupten und verwerten kann; der bestenfalls vielleicht sogar mal ein Tor schießt.

In der Abstiegssaison 2019 war es die Unterstützung der Fans, die zwischenzeitlich eine kleine, am Ende erfolglose Aufholjagd begünstigte. Nun, ein Jahr später, muss die Mannschaft die Wende alleine schaffen. Auch wenn man davon ausgehen kann, dass Thomas Grethlein noch sieben Spiele alles geben wird.

© SZ vom 25.05.2020

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