100. Tour de France 1886 der erste Dopingtote

Der Radsport, die Tour, sie haben den Einsatz leistungsfördernder Mittel nicht erfunden. Schon in der Antike griffen Athleten ja zu einer Art Testosteron-Doping: Stierhoden. Im Pferdesport lagen da bereits Opium und Narkotika im Trend. Im späten 19. Jahrhundert übernahmen Radfahrer jedoch die Rolle des Gladiatorentums. 1875 fand in Birmingham das erste Sechstagerennen statt, gefahren wurde fortan im Holzoval: rund um die Uhr, sechs Tage lang. Schnaps, Zaubertränke aus Koffein, Heroin, Nitroglyzerin und anderen Geheimsubstanzen - anders war das aberwitzige Pensum gar nicht zu schaffen.

1886 beklagte der Radsport den ersten Dopingtoten, der Engländer Arthur starb beim Rennen Bordeaux - Paris an einer Überdosis Trimethyl. Der Wettbewerb auf zwei Rädern geriet von Beginn an zum Sport der Exzesse. Die ersten Straßenrennen waren nicht selten länger als 600 km. Wobei es sich weniger um Straßen handelte. Sondern um unbefestigte Geröllwege.

Und die Tour 1924, bei der die Pélissiers streikten? 15 Etappen, 5425 km. Der kürzeste Abschnitt, Nizza - Briancon, war 275 km lang. Die Tour-Premiere führte 1903 über 2428 km - zurückzulegen an sechs Tagen. Die Sportzeitung L'Auto, Vorgängerin von L'Équipe, veranstaltete das Etappenrennen als PR-Maßnahme, das tatsächlich viel Aufmerksamkeit erregte und die Auflage steigerte. So begann die Tour der Leiden. Als unlauterer Überlebenskampf. Eine kranke Geldmaschine.

Es hat eine Weile gedauert, bis das große Publikum begriff, was da wirklich vor sich ging. Dass die Profis, deren Grimassen des Schmerzes, das Archaische ihres Alltags, die Leute faszinierten, nicht nur mit Wasser und Brot die Höllenqualen überstanden. Sondern auch dank Chemie und Pharmazie. Dabei hat das Rennen früh und immer wieder erhellende Bilder produziert, von surrealen Bergsprints oder eben kollabierenden Fahrern, die von der Wahrheit kündeten. Wie jener Zusammenbruch des Bretonen Jean Malléjac, der bei der Tour 1955 als Klassement-Achter plötzlich mit dem Leben rang im Anstieg des Provence-Giganten Mont Ventoux.

Rennarzt Pierre Dumas, der sich seines Hemds entledigte, kniete vor dem reglosen Malléjac, vor dem mit Amphetaminen vollgepumpten, zur verkrümmten Fratze entstellten Körper. Mit Wasser und Herzmassagen vertrieb er den Tod.

Radsport "Kurz vor der Tour ist so etwas extrem schädlich"
Reaktion auf Ullrichs Dopinggeständnis

"Kurz vor der Tour ist so etwas extrem schädlich"

Während Jan Ullrich Doping zugibt, trifft sich die Szene zur Straßenrad-Meisterschaft im Allgäu. Die Reaktionen der Fahrer sind kritisch, zeigen aber auch: Die Vergangenheit des Radsports und die Gegenwart bleiben miteinander verbunden.   Von Andreas Burkert, Wangen im Allgäu

Dumas sah viel in seinen fast zwei Jahrzehnten als Tour-Doktor: Morphium-Spritzen in Oberschenkeln, die Roulette-Spiele der mit ihren ganz speziellen Flakons jonglierenden soigneurs, der berüchtigten Pfleger des Radsports. 1967 war er machtlos. Wieder der Mont Ventoux, die sengende Hitze über dem steinernen Koloss. Der britische Mitfavorit Tom Simpson stirbt. Aufputschmittel, auch bei ihm, er dehydrierte. Doktor Dumas' Mund-zu-Mund-Beatmung rettete ihn nicht.

Simpson, 29, der erste Tote der Tour, hat Massen an Dopingmitteln dabei gehabt. "Tom fuhr zur Tour mit einem Koffer für seine Kleidung und einem zweiten für sein ganzes Zeug", berichtete später sein Teamkollege Alan Ramsbottom.