1. FC Köln Immer schwarz

Mit 1,81 Meter nicht der Längste, aber gegen Köln klar der herausragende Mann: Leon Bailey.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Altes Lied mit neuen Strophen: Der 1. FC Köln belohnt sich auch in Leverkusen nicht für eine über weite Strecken ansprechende Leistung.

Von Milan Pavlovic, Leverkusen

Mit dem Wort Evergreen verbindet man gemeinhin positive Schwingungen. Man erinnert sich sogleich an eine schöne Melodie, einen feinen Refrain und wahrscheinlich sogar an wärmende persönliche Erinnerungen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass künftig jemand so auf den Beginn der Saison 2017/18 des 1. FC Köln zurückblicken wird - selbst wenn Melodie und Refrain unverkennbar sind: Auch am Samstag wurde das Team gelobt, wie schon so oft in dieser Spielzeit. Gerade vom Gegner aus Leverkusen gab es ganz ohne Ironie anerkennende Worte wie "sehr gut" (Kevin Volland), "geschickt gestanden" (Julian Brandt) oder "überragend gemachtes Tor" (Bayer-Trainer Heiko Herrlich). Doch so wie einem diese Strophen bekannt vorkamen, ähnelten auch die letzten Textzeilen jenen der vergangenen Wochen.

Denn aller Aufwand hat dem Fünften der Vorsaison am Ende wieder nichts genutzt, trotz guter Ansätze blieb der Tabellenletzte zum zehnten Mal ohne Sieg, und weniger als vier Tore nach zehn Spielen hat auch nur Werder Bremen erzielt. Vom Zeug für einen Evergreen kann da keine Rede sein, eher von einem everblack.

Lamentieren bringt im Abstiegskampf allerdings nichts. Vielleicht auch deshalb versuchte Kölns Trainer Peter Stöger gar nicht nach Ausflüchten zu suchen. "Es hat das Team mit der klareren Struktur, dem besseren Passspiel und mit mehr Esprit gewonnen", sagte er schonungslos nach Leverkusens 2:1 (0:1)-Erfolg. Und er legte Grundsätzliches nach: "Du bist immer relativ nahe dran, und es gelingt nicht. Das Schwierige ist: Es fehlt immer ein bisschen. Und dadurch fehlt am Ende relativ viel." Der Österreicher wollte sich damit keineswegs von seinem Team distanzieren, er setzte vielmehr auf klare Worte, um den Blick darauf zu lenken, was schnell verbessert werden muss.

Als Öczan den Kölner Kollegen Maroh verletzt, kippt das Spiel. Bei Leverkusen glänzt Leon Bailey

Deshalb wollte Stöger sich auch nicht zu lange mit den Dingen aufhalten, die gut gewesen waren. Sein Team habe das "in der ersten Halbzeit ordentlich gemacht", was eine beachtliche Untertreibung dafür war, wie der FC die forsche Leverkusener Offensive kontrollierte - und im Sturm ausnahmsweise ein Glanzlicht setzte: Ausgerechnet dem zuletzt unglücklich agierenden Stoßstürmer Sehrou Guirassy gelang ein sehenswertes Tor und die erste Kölner Führung der Saison, als er sich um Nationalspieler Tah wand wie eine Python (23. Minute). Just in dieser bestechenden ersten Halbzeit lag aber der Schlüssel der Niederlage, auch weil das Kölner Dauerpech sich mit Wucht zurückmeldete: Zoller vergab in der Nachspielzeit eine Großchance, FC-Profi Özcan stürzte bei der anschließenden Ecke dem bis dahin überzeugenden Abwehrkollegen Dominic Maroh aufs rechte Sprunggelenk - und der zur Pause für Maroh eingewechselte Lukas Klünter hob vor dem 1:1 das Abseits auf.

Tatsache war aber auch, dass die Kölner nach dem Wechsel keine Antwort auf die noch offensivere Ausrichtung von Leverkusen hatten. Die Fehler häuften sich, die Konzentration ließ nach (wie beim Standard, der zum 2:1 durch Sven Bender führte), die Bälle wurden zu schnell verloren - und sie landeten zu oft bei Leon Bailey. Leverkusens jamaikanischer Stürmer ist nach einem schwierigen ersten Jahr beim Werksklub wie ein neuer Spieler: "Er ist eine Waffe", sagte Trainer Herrlich, "er ist enorm schwer zu verteidigen, wenn er mit dem Gesicht auf dein Tor zuläuft."

Bailey "fand die Lücken", traf zum 1:1 (53.), schloss mehrmals selbst gefährlich ab, steckte die Bälle aber auch durch; beim Stand von 2:1 lieferte er eine herrliche Vorlage zu einem ausgiebig gefeierten Tor, das geradezu klammheimlich per Video-Beweis annulliert wurde. Der Stadionsprecher musste darauf aufmerksam machen, dass es weiterhin nur 2:1 stand - und irgendwie war auch das typisch für die bisherige Kölner Saison: Erstmals wurde ein Video-Beweis zugunsten des FC gedeutet; doch er verhinderte bloß ein Gegentor, aber nicht die Niederlage. "Da ist der Video-Assistent einmal für uns, und dann kommt doch nichts bei raus", sagte Mittelfeldspieler Leonardo Bittencourt.

Was jetzt gefragt ist? "Irgendwann musst du mal anfangen zu punkten. Sonst brauchst du eine Serie, die fast unmöglich ist", sagte der erneut starke FC-Verteidiger Dominique Heintz: "Wir müssen auf jeden Fall zusehen, dass wir in der Winterpause nicht schon ganz abgeschlagen sind" - sonst hätten teure Winter-Einkäufe womöglich gar keinen Sinn mehr.

Köln gesellt sich zu fünf Bundesligisten, die nach zehn Spielen zwei Punkte (oder weniger) hatten. Vier dieser Klubs sind abgestiegen, nur der Hamburger SV konnte sich retten, in der Vorsaison kletterte er noch auf Platz 14. "Ich könnte jetzt sagen: Wenn der HSV das geschafft hat, können wir es auch schaffen", sagte Stöger ohne Boshaftigkeit oder Ironie. Er meinte das eher respektvoll: "Der HSV ist im Abstiegskampf erprobt, hat es immer wieder geschafft. Das ist ein Unterschied, wenn du solche Situationen kennst; für uns ist es eine neue Situation, deshalb ist es für uns ein Stück weit schwieriger." Man könnte es auch so sagen: Der HSV ist ein Evergreen. Wer hätte gedacht, dass ihn sich ein anderer Traditionsklub zum Vorbild nehmen muss?