Sprachlabor (105) Wie Hasen gejagt

SZ-Redakteur Hermann Unterstöger unterscheidet mit Respekt.

GOING TO THE DOGS? Ein großer Teil der Sprachglossen lebt von den Anglizismen, denkt aber nicht daran, ihnen dafür dankbar zu sein, im Gegenteil: Man jagt sie wie die Hasen. Ohne Zubilligung auch nur der geringsten Schonzeit wird seit einiger Zeit auf die Wendung "nicht wirklich" angesessen, die als unpassende Übernahme des englischen "not really" gilt und von den deutschen Sprachwiesen vertrieben werden soll. Unser Leser W., der selber eine ausgedehnte Sprach-Website betreibt, hat sich in dieser Sache mit Rainer Erlinger vom Magazin angelegt. Dieser hatte auf die Frage nach dem Preis für ein Geburtstagsgeschenk geantwortet, dass er die Frage am liebsten beiseitegelegt hätte: "Ich mochte sie nicht wirklich . . ." Es soll hier nicht der Sprachgockelei das Wort geredet, wohl aber für eine etwas gelassenere Sicht der Dinge geworben werden. Schon manches, das dem "Sprachkompost" (Herr W.) zugewiesen worden war, machte später dieser Zuweisung alle Ehre und führte dem Deutschen frischen Dünger zu. Ob "nicht wirklich" das Talent dazu hat, wird sich zeigen. Erste Hörproben lassen den Schluss zu, dass daraus eine neue Nuance zu gewinnen ist. Wenn einer zum Beispiel gefragt wird, ob ihm das Konzert gefallen habe, eröffnet die Antwort "nicht wirklich" einen weiteren Raum des Ungesagten als das abweisende "eigentlich nicht", das fast beleidigende "wirklich nicht" oder das nüchtern strenge "nein/nö". "Nicht wirklich" könnte bedeuten, dass mich das Konzert zunächst durchaus in Euphorie versetzt, dann aber, bei dem abschließenden Brahms, enttäuscht hat. Es könnte aber auch bedeuten, dass ich keine Lust habe, über das Konzert zu reden, was mit dieser komisch bombastischen Floskel kundgetan sei. In einer an der Universität Münster entstandenen Arbeit wird der Konstruktion bescheinigt, dass sie nicht der vollständigen Negation, sondern der Abschwächung eines Sachverhaltes diene, wobei der genaue Grad dieser Abschwächung vage bleibe (http://noam.uni-muenster.de/gidi/arbeitspapiere/arbeitspapier16.pdf). Rudi Kellers Essay über den "so genannten Sprachverfall" trägt in der englischen Version den Titel: "Is the German Language Going to the Dogs?" Not really, wie es aussieht, nicht wirklich.

Zwei Schülerinnen schauen  in einem Duden etwas nach. Immer mehr Englisch im Verbraucheralltag.

(Foto: ag.dpa)

ÜBER GUNTER SACHS war bei uns, zur Erheiterung unseres Freundes E., zu lesen, er habe "aggressive Amazoninnen" an die Wand seines Turmzimmers malen lassen. Bei allem Respekt vor dem Autor, der den Nachruf in größter Eile schreiben musste: Amazonen sind immer Frauinnen, der einzige männliche oder sächliche Amazon ist ein Internet-Versandhaus.