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Sprachlabor (73):Der Geheimrat und seine Ecken

SZ-Redakteur Hermann Unterstöger mahnt zu mehr Gerechtigkeit an und erklärt das Verb "umnieten" genau.

DER GEHEIMRAT selbst ist schon etwas ziemlich Wunderliches, umso mehr die nach ihm benannten Ecken. Als der Kunstsammler Werner Schmalenbach starb, wurde er im Nachruf als "der große Mann mit den wehenden Geheimratsecken" geschildert, was unsere Leserin S. zwar lustig fand, aber auch kryptisch. Recht hat sie, denn wenn die Geheimratsecken irgendwas auszeichnet, dann dass sie weder selbst wehen noch dass dort etwas weht. Seitlich von ihnen freilich weht das Haar, und dass dies immer noch so ist, erfreut den Geheimrat.

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Zwei Schülerinnen der fünften Klasse der Gesamtschule am Gluckenstein schauen in einem Duden etwas nach.

(Foto: ag.dpa)

"GEBETSMÜHLENARTIG" soll die OECD "angemahnt" haben, "dass Kinder aus bildungsfernen Schichten hierzulande geringere Erfolgschancen haben als anderswo". Als Dr. B. das las, mahnte er mehr Gerechtigkeit für die OECD an, die doch wohl die geschilderte Misere weniger eingefordert als vielmehr bemängelt haben dürfte. Recht hat auch er, und der Autor wurde in brüderlicher Kollegialität abgemahnt.

DAS VERB "UMNIETEN" wird vom Duden in der Güteklasse "salopp" geführt und durch drei Synonyme näher erklärt: niederschießen, niederschlagen und umfahren . In der dritten Bedeutung kam es auch bei uns vor, und zwar in einem Artikel über Elektroautos, die bei niedriger Geschwindigkeit so leise seien, dass sie von Fußgängern und Radfahrern nicht gehört würden und diese umnieten könnten. Leser B. war das um einen Dreh zu salopp, er sah "eine erschreckende Entmenschlichung" am Werk. Wer den Kollegen kennt, wird dieses harsche Urteil zurückweisen. Gedankenlos war die Verwendung des Ausdrucks aber schon, darüber hinaus technisch falsch, denn diese Art des Umnietens ist, um es ebenfalls salopp zu sagen, in aller Regel mit hohen Geschwindigkeiten gekoppelt.

UND DIE AL-QAIDA? Sie steht, so wie sie hier steht, falsch da, denn das "al" ist gleichbedeutend mit dem Artikel "die". Wir bauen also eine Doublette, wenn wir "die al-Qaida" sagen, weil unserem Leser V. zufolge "al-Qaida" allein schon "die Basis" heißt. Karl-May-Leser wüssten das angeblich. Wikipedia-Leser wissen übrigens auch etwas: Dass al-Qaida bei langer und betonter Aussprache des "i" so viel wie "die Partnerin" bedeutet und dass man in der arabischen Welt herzlich lacht, wenn man Westler so reden hört.