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Reisen in der Pandemie:Von Frühbuchern und Balkon-Urlaubern

Urlaub, vier Frauen und ein Mann baden im Meer, 1920er Jahre, Usedom, Ostsee, Deutschland, Europa *** Holiday, four wome

Was sie wohl waren: Frühbucherinnen, Bausteinsammlerinnen, Minimalistinnen? Jedenfalls keine Balkonurlauberinnen. Frauen, die in den 1920er-Jahren Freude beim Bad in der Ostsee hatten.

(Foto: Imago Images/imagebroker)

Corona hat auch das Verhalten bei den Reisebuchungen verändert. Viele quält die Frage, wann der richtige Zeitpunkt ist, um sich festzulegen. Eine Typologie.

Von Dominik Prantl

Der März ist eigentlich einer jener Monate, in dem sich besonders viele Menschen mit ihrem Sommerurlaub beschäftigten. Die Pandemie hat allerdings auch das Buchungsverhalten verändert. Laut Umfrage einer Reise-Suchmaschine hat sich etwa der Zeitraum zwischen Buchung und Reise von 80 Tagen im Jahr 2019 durch die Pandemie mittlerweile auf 54 Tage reduziert. Dabei ist der richtige Buchungszeitpunkt ganz stark von den eigenen Bedürfnissen abhängig. Eine Übersicht über die wichtigsten, wie üblich nicht zwingend trennscharfen Buchungstypen.

Der Frühbucher

Eines ist sicher: Früher hatte es der Frühbucher einfacher. Termin fixieren, Ziel auswählen, Frühbucherrabatte sichern, fertig. Heute müssen Frühbucher schon ausgebuffte Spekulanten sein, die einst womöglich sogar eher dem Typus Last-Minute-Bucher (siehe Buchungsprokrastinierer) zuzuordnen waren; Hasardeure also, die in der Freizeit vor dem Basejumping noch schnell ein paar Leerverkäufe anleiern. Aber als pfiffiges Kerlchen oder pfiffiges Mädchen, also jedenfalls als pfiffiger Mensch, weiß der Frühbucher auch, dass mit diesem Corona zwar alles anders sein mag, die Grenzen und Hotels und das Leben überhaupt ja aber irgendwann mal wieder öffnen müssen, weil sonst die Rebellion der Tourismusindustrie und Touristen droht. Schließlich sind wir Deutschen vielleicht nicht vielfacher Weltmeister im Haareschneidenlassen oder Kinderzurschuleschicken, aber ganz sicher beim Reisen! Außerdem ist sich der Frühbucher bewusst, dass jeder vernünftige Anbieter gerade in Pandemiezeiten so Zeug wie Storno-Garantien und Geld-zurück-Angebote in seine Pakete schnürt. Da schaut jetzt auch der Basejumper unter den Frühbuchern genau hin. Er ist ja nicht blöd.

Tendenz: abnehmend

Lieblingswebseite: langfristwetter.com

Der Buchungsprokrastinierer

Zwei Herzen wohnen, ach, inzwischen sind es wahrscheinlich doch eher deren acht, in seiner Brust. Jetzt gleich oder kurz vor dem Urlaub buchen? Lieber die sichere Pauschalreise oder nur einzelne Bausteine? Heimat oder Südostasien? Und regt sich da nicht langsam wieder die Flugscham? Denn eigentlich juckt es den Buchungsprokrastinierer als Reiseprofi so dermaßen im Smartphone-geschulten Jetzt-kaufen-Daumen. Doch möchte er schon rein aus persönlichem Ehrgeiz zum besten Preis buchen - und zwar ohne die Reise verschieben oder die Anzahlung zurückfordern zu müssen. Tante Emma musste nach dem Lockdown im Frühjahr echt richtig lange warten, bis sie das Geld wiederbekam. Und hat die Freundin von der Gerlinde nicht erzählt, dass die Kollegin von deren Cousin immer noch in Südafrika, Simbabwe oder sonst wo festsitzt? Deshalb hängt der Buchungsprokrastinierer noch öfter im Internet ab als früher: Infektionszahlen, Impf-Ausweis, Irrsinn an den Grenzen, die Lage ist ja wirklich unübersichtlich geworden. Anders als in grauen Vorzeiten, als der Buchungsprokrastinierer unter dem Begriff Last-Minute-Bucher gelaufen wäre, muss man heutzutage nämlich doppelt vorsichtig sein. Sonst wäre man ja schön blöd.

Tendenz: zunehmend

Lieblingswebseite: rki.de

Der Bausteinsammler

Das Internet ist sein Zuhause. Hier fühlt sich der Bausteinsammler wohl, und natürlich weiß er, dass man dort etwa Städtetrips am besten abends oder samstags bucht, weil zu diesen Zeiten die Geschäftsreisenden nicht surfen. Deshalb organisiert der Bausteinsammler die einzelnen Elemente seiner oft teuren Reisen über einen längeren Zeitraum hinweg, heute den Flug, nächste Woche die Unterkunft in Cusco, irgendwann diesen wahnsinnig beliebten Schokoladenkurs in Arequipa. Oder sagen wir: So war es einmal. Denn die pandemiebedingte Unsicherheit weckt sogar bei dem eher optimistisch veranlagten Internetstöberer leise Zweifel. Muss es immer die Fernreise sein? Hat nicht neulich erst der vielgereiste Marketingkollege von dieser Bauernhof-Ferienwohnung im Allgäu geschwärmt? Vielleicht wäre das ja der erste schöne Baustein einer Deutschlandrundreise?

Tendenz: vorübergehend abnehmend

Lieblingswebseite: google.de

Der Sicherheitsfanatiker

Er ist der Liebling der Reisebüros und Pauschalreiseanbieter; nur die Reiseführer haben es nicht immer leicht mit ihm. Der Buchungszeitpunkt ist dem Sicherheitsfanatiker auch reichlich schnuppe, nur sicher muss es halt sein. Zwar hat ihm seine Tochter, die alte Bausteinsammlerin, erklärt, dass dieses Internet gar keine so schlechten, wenn auch volatile Preise hat und sogar vertrauenswürdig sein soll. Aber gerade in Covid-Zeiten bietet es ihm einfach nicht den unverzichtbaren persönlichen Kontakt. Und die Stornobedingungen erklärt ihm da auch keiner. Dabei ist der Sicherheitsfanatiker über Veranstalter, Kreditkarte und sein vom persönlichen Makler angedrehtes Rundum-sorglos-Paket im Grunde gleich dreifach reiserücktrittversichert. Sein aktuelles Dilemma: Üblicherweise sucht er gerne den Schutz der Herde, am besten in einem nicht zu billigen All-inclusive-Hotel oder gleich auf einem Kreuzfahrtschiff. Weil er nicht weiß, ob das heuer so schlau ist, und er sicher nicht irgendwo im Hafen von Dubrovnik als Quarantänefall stranden möchte, hat er für den Herbst vorsichtshalber im Schwarzwald gebucht. Mit Geld-zurück-Garantie bis zum Anreisetag.

Tendenz: vorübergehend stark zunehmend

Lieblingswebseite: auswaertiges-amt.de/de/ReiseUndSicherheit

Der Minimalist

Bruce Chatwin? Alexandra David-Néel? Alexander von Humboldt? Hat der Minimalist alle gelesen, denn er investiert seine Zeit lieber in Bücher als ins Buchen. Das heißt nicht, dass er nicht reisen würde. Im Grunde ist der Minimalist sogar ein Reisender im besten Sinne; das Spektrum seiner Fortbewegungsmittel reicht vom Segelboot über den Camper bis zu den eigenen Füßen. Gelegentlich benötigt er ein Bahnticket, einen ersten Platz für Zelt oder Wohnwagen oder auch eine Unterkunft. Meist wendet er sich dafür direkt und spontan an den Anbieter oder geht ins Reisebüro. Nach Jahren des Vergleichens weiß er schließlich, dass ihm die Angelika von "Hin und weg" um die Ecke immer faire Preise macht und kein anonymer Internetkrake im Hintergrund ein Fünftel seines Geldes absaugt. In Pandemiezeiten ist der Minimalist eindeutig im Vorteil, weil er bei unsicherem Infektionsgeschehen einfach mit dem Zelt auf dem Buckel Richtung Polen wandert - oder im Falle eines überraschenden Lockdowns zum Balkonurlauber wird.

Tendenz: leicht zunehmend

Lieblingswebseite: sueddeutsche.de

Der Balkonurlauber

Seit Jahren schon nervt den Balkonurlauber dieser ständige Aktionismus jener Urlaubssüchtigen, die schon Monate vor den Ferien in einen regelrechten Buchungswahn verfallen und kaum mehr etwas anderes im Kopf haben als den nächsten Trip in ein meist zweitklassiges Hotel. Deshalb ist der Balkonurlauber nicht zwingend ein Kapitalismuskritiker, notorischer Klimawandelwarner oder gar Kommunist, sondern ein feiner bis feinsinniger Zeitgenosse (was nicht ausschließt, dass er Kapitalismuskritiker, Klimawandelwarner oder Kommunist ist). Seit einiger Zeit sieht er sich trotz der weitgehend ungebremsten Urlaubslust seiner Mitmenschen jedoch als etwas bestätigt, das er nie sein wollte: als Trendsetter. Die Balkone neben dem seinen sind neuerdings sogar zur Urlaubszeit besetzt, Grillgeruch steigt in seine Nase - und ein längst verschollen geglaubtes Gefühl in ihm auf: Fernweh. Vielleicht sollte er mal wieder in ein Reisebüro gehen.

Tendenz: vorerst zunehmend

Lieblingswebseite: schoener-wohnen.de

© SZ/mai
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