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Trentino:Brot für alle

Mit einem mobilen Backofen wollen die Mitstreiter des Projekts "La Foresta" in Rovereto die Menschen wieder zusammenbringen - und gleichzeitig ökologische und soziale Vorhaben anpacken.

Von Helmut Luther

Das Erdgeschoss ihres Hauses in Nomi, einem Dorf im Vallagarina, wie das Etschtal bei Rovereto heißt, nutzen Bianca Elzenbaumer und Fabio Franz als Lagerraum. Neben Brennholz, Holzkisten und Blumen, die hier in Tontöpfen überwintern, haben sie ein interessantes Vehikel geparkt: ein dreirädriges Lastenfahrrad mit Kiste über den Vorderreifen. Oben drauf ein gewölbtes Ding, das wie ein Iglu aussieht, ein Backofen. Dieser "Wanderofen", Forno Vagabondo auf Italienisch, reiste voriges Jahr auf Dorfplätze und Festwiesen im Vallagarina. 2021 soll es weiter gehen, wenn das Leben auf den Piazze wieder möglich ist.

"La Foresta" heißt die Vereinigung aus Wissenschaftlern, Mitgliedern von Sozial- und Bürgergenossenschaften, Praktikanten sowie Erasmus-Absolventen und der Gemeinde Rovereto, zu deren Gründungsmitgliedern Elzenbaumer und Franz gehören. Nach langem Planen und Verhandeln ist es ihnen gelungen, ein leer stehendes Gebäude am Bahnhof von Rovereto nutzen zu dürfen. "Nach zehn Jahren in England" - wo sie unter anderem am Royal College of Art in London ihren Master machten - "wollten wir zurückkehren, um hier unsere Ideen zu verwirklichen", erzählt das Paar. Foresta bedeutet auf Italienisch Wald, aber auch die Fremde, sagt Franz. Die Vallagarina um die Stadt Rovereto mit ihren 37 000 Einwohnern umfasst 17 Gemeinden, von denen einige, wie etwa das von Weinbergen umgebene Nomi, noch stark ländlich geprägt sind. "Wir wollen neue Formen der Gemeinschaft fördern, partizipative Prozesse, um Alt und Jung, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur zusammenzubringen." Der wandernde Backofen eignet sich dabei bestens als Sesam-öffne-dich.

Inzwischen hat sich Flora Mammana per Videokonferenz zugeschaltet. Sie ist vor zwei Jahren für einen Erasmus-Austausch nach Bozen gekommen, dort hat sie ein Semester Eco-Social-Design eingeschoben. Auch Mammana spricht von gesellschaftlicher Veränderung, nachhaltigem Wirtschaften, neuen Wegen des Miteinanders. Sie hat eine Zeitlang als "Designer in Residence" in Rovereto gearbeitet. "Über meine Begeisterung für Brot ist dann beim Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten die Idee des Forno Vagabono entstanden." Brot sei ja ein Thema, das alle verbinde, ein uraltes Symbol für Frieden und Gastfreundschaft. "Das Tolle am Forno Vagabondo ist, dass er wie ein Magnet wirkt. Über Brot kann jeder etwas erzählen. Die Alten wissen noch, wie früher am Backtag der Gemeinschaftsofen eingeheizt wurde. Die Jungen interessieren sich für seltene Getreidesorten."

Wann immer sie im vergangenen Jahr mit dem rollenden Backofen auf einem Dorfplatz in der Vallagarina aufkreuzte, habe sie stets in heitere Gesichter geblickt, erzählt Mammana. "Als dann der Duft von frischem Brot in der Luft lag und die Leute um den Wagen standen, haben wir die Diskussion immer auf ein Thema gelenkt, etwa gesunde Ernährung, Wasserressourcen oder ökologische Landwirtschaft." Die Wörter, die sie dabei am häufigsten zu hören bekommen habe, seien "hey, cool!" gewesen, oder: "So gutes Brot habe ich noch nie gegessen, das inspiriert mich!" Eine Neuauflage 2021, "mit kleinen Änderungen", sei schon deshalb unverzichtbar, "weil die Experimente mit Gemeinschaftsökonomien so erfreulich waren".

Am Nachmittag ist dann Lokalaugenschein am Bahnhof von Rovereto. "LA FORESTA" steht in bunten Holzlettern an der Fassade neben einem Seiteneingang des Bahnhofsgeländes. Der jahrzehntelang ungenutzte Bau gehört der Italienischen Staatseisenbahn. 200 000 Euro hat die Gemeinde für Renovierungsarbeiten ausgegeben. Nun werden im noch kahlen Innenbereich die Einrichtungspläne begutachtet, zusätzliche 30 000 Euro will die Gemeinde dafür locker machen. Neben dem Versammlungsraum wird es bald eine Küche, einen Eventsaal sowie Büromöbel und eine Spielecke geben. Im Freien neben dem Eingang soll ein didaktischer Garten entstehen. Im nur wenige Gehminuten entfernten Stadtteil Brione gibt es bereits einen solchen Gemeinschaftsgarten. Mitglieder der Partnerorganisation "Prickelnde Gemeinschaft / Comunità Frizzante" organisieren hier Workshops und ernten neben Gemüse auch Kräuter, um zusammen Getränke zu kreieren.

© SZ vom 04.02.2021
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