Transsibirische Eisenbahn:In der Jogginghose durch Russland

Ein 150 Stunden dauerndes You-Tube-Video dokumentiert die 9288 Kilometer lange Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn von Europa ans Japanische Meer.

Oliver Bilger

Wer auf diese Reise geht, darf bequeme Kleidung nicht vergessen. Denn wer tagelang im Zug sitzt oder liegt, will keine Jeans tragen und erst recht keine unbequemen Stoffe. Russen wissen das nur zu gut. Denn wenn sie reisen, dann meist mit der Bahn - und das dauert. Die Züge fahren langsam, in dem Riesenland ist man Tage unterwegs.

Russlands längste Reise ist die Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn, kurz: Transsib. Sechs Tage braucht der Zug von Moskau nach Wladiwostok, quer durch zwei Kontinente und sieben Zeitzonen. Und wenn stolze 9288 Kilometer zurückgelegt werden, gehört die Jogginghose ebenso wie Zahnbürste und viel Lektüre ins Gepäck. Noch bevor sich der Zug schwerfällig aus dem Jaroslawler Bahnhof schiebt, sind die Passagiere umgezogen.

Für viele Touristen ist die Reise von Europa bis an die Küste des Japanischen Meeres immer noch ein faszinierendes Abenteuer. Wem dieser Trip jedoch zu aufwendig ist oder wem schlicht die Zeit dafür fehlt, kann sich jetzt zum Trost auf eine virtuelle Fahrt mit der legendären Transsib begeben. Denn der Internetkonzern Google und die Russische Eisenbahngesellschaft RSchD ermöglichen die Reise nun vom heimischen Schreibtisch aus. Das Beste daran: Die Jogginghose kann man natürlich auch in den eigenen vier Wänden tragen.

Monitor als Abteilfenster

Auf der Internetseite www.google.ru/transsib wird der Computermonitor gleichsam zum Abteilfenster. "Die Reise führt entlang der berühmten Route und Sie sehen den Baikal, das Bargusingebirge, den Fluss Jenissej und viele andere malerische Orte Russlands, ohne Ihr Haus zu verlassen", heißt es auf der Webseite. Die Fahrt auf einer der berühmtesten Bahnstrecke der Welt beginnt in Moskau - bei Kilometer null. Dort rollt der Zug vorbei an wartenden Reisenden, an grauen Plattenbauten und neuen bunten Hochhäusern. Immer weiter ostwärts. Jeder Kilometer bis in den Fernen Osten wurde abgefilmt, 150 Stunden dauert die Internet-Tour.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wie die Reise vor dem Computer authentisch wird und welches Konzept hinter der virtuellen Fahrt steht.

Die Schaffnerin mit der heißen Zitrone

Um die Reise vor dem Computer authentischer wirken zu lassen, kann der Zuschauer das Rattern der Räder ein- und ausschalten. Alternativ kann er "Russkoje Radio" einschalten und Popmusik hören, Balalaikaklängen lauschen oder sich russische Weltliteratur vorlesen lassen: "Krieg und Frieden" von Leo Tolstoi oder die "Toten Seelen" von Nikolai Gogol - allerdings nur in russischer Sprache.

Keine Sprachkenntnisse braucht man, um die lange Reise fortzusetzen. Die Fahrt führt über die Wolga bei Nischnij Nowgorod weiter nach Perm, durch den Ural, der Grenze zwischen Europa und Asien. Weit mehr als 7000 Kilometer liegen noch vor einem. Der Zug rattert auf einem You-Tube-Video gen Osten. Darunter ist am Monitor der Streckenverlauf wahlweise auf einer Landkarte oder einem Satellitenbild dargestellt. Fotos, Texte und Videos liefern viele ergänzende Informationen.

Völkerfreundschaft und Mythos

Die virtuelle Zugfahrt hat Vorteile. Denn sechs Tage im Zeitraffer lassen keine Langeweile aufkommen. Im Video gibt es keine Nacht und somit auch keinen monotonen Reiserhythmus aus Lesen, Essen und Schlafen. Und das Internet erlaubt Sprünge: von Moskau nach Nowosibirsk, ein kurzer Blick nach Ulan Ude und mit dem nächsten Mausklick gleich wieder zurück nach Tjumen.

Doch selbstverständlich fehlt am Computer die Atmosphäre, welche die Transsib-Reise erst zum Erlebnis, gar zum Mythos werden lässt: Der am Bildschirm Reisende muss beispielsweise auf die Schaffnerin verzichten, die ein Glas heißen Tee mit Zitrone serviert. Es fehlen ihm die Begegnungen mit einheimischen Mitreisenden, die mit dem Fremden gerne bei einem Gläschen Wodka auf die Völkerfreundschaft anstoßen. Und er kann auch nicht die Reise unterbrechen, nicht Städte und andere Sehenswürdigkeiten kennenlernen, wie etwa ein Spaziergang am Ufer des Baikalsees oder ein Besuch in der Heilig-Blut-Kathedrale in Jekaterinburg.

Selbst wenn der Google-Tourist sich nicht an Fahrpläne halten muss und der Bürostuhl bequemer ist als das Bett im Großraumabteil - letztlich kann die Reise am Computer die richtige Bahnfahrt nicht ersetzen. Und das wollen die Macher auch nicht: "Wir wollen zeigen, wie ungewöhnlich und faszinierend Russland ist und wie viel das Land einem neugierigen Touristen zu bieten hat", erklärt Konstantin Kusmin, Marketingchef von Google in Russland.

Viele Menschen schwärmten von dieser Reise, doch nur wenige begäben sich tatsächlich auf die Schienen. Und so hofft Kusmin, dass das Projekt die Begeisterung vieler Touristen für eine Reise durch Russland weckt. Nicht nur vor dem Computerbildschirm, sondern mit der echten Transsib. Die Jogginghose sollte dann nicht fehlen.

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