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Reisebuch:Tel Aviv, die unwahrscheinliche Stadt

Jan Windszus zeigt in Fotografien die Sonderrolle Tel Avivs: Araber und Juden, Aufgeklärte und Orthodoxe leben friedlich zusammen. Doch das Modell steht unter Druck.

Von Stefan Fischer

Kann Tel Aviv standhalten? Diese Frage stellt der Schriftsteller und Essayist Marko Martin in seinem Vorwort zu Jan Windszus' Fotoband "Tel Aviv". Es ist ihm ernst damit. Dabei spielt die Corona-Pandemie in dem Buch noch nicht einmal eine Rolle. Aber auch sie denkt man natürlich mit als Leser, als Betrachter. Zuletzt ist die Zahl der Neuinfektionen wieder gesunken, insgesamt aber haben sich in Israel beinahe so viele Menschen mit dem Virus angesteckt wie in Deutschland - wo allerdings fast zehnmal so viele Menschen leben.

Für eine Stadt, die zu den am dichtesten besiedelten der Welt zählt und in der das Leben überwiegend in der Öffentlichkeit stattfindet, in den Bars und Restaurants, auf den Plätzen und an den Stränden, ist das Virus in einem besonderen Maß eine Bedrohung ihres Lebensnervs, ihrer Daseinsgrundlage.

Marko Martin meint etwas noch Grundsätzlicheres, eine Gefahr, die womöglich schwerer zu bannen ist als selbst die von der Pandemie ausgelöste. Er nennt die Stadt eine "Unwahrscheinlichkeit". Weil in Tel Aviv seit Jahrzehnten etwas gegen jede Wahrscheinlichkeit glückt, was ein paar Dutzend Kilometer weiter, in Jerusalem, so krachend scheitert: den jüdischen und den arabischen Bewohnern gelingt hier ein friedliches Neben-, sogar ein Miteinander. In gewisser Weise bilde die Stadt eine Blase nicht nur innerhalb Israels, sondern innerhalb des gesamten Nahen Ostens, so Martin.

Er befürchtet jedoch, dass deren Außenhaut nicht stabil genug ist angesichts des zunehmenden Drucks von außen, der immer heftigeren Attacken - und einer schwindenden Widerstandskraft im Inneren.

So nimmt er Bezug auf Debatten, die in der Stadt geführt werden und die genau das ausdrücken: Die sich immer wieder zuspitzende militärische Bedrohung Israels, die schwierige wirtschaftliche und die angespannte innenpolitische Lage beförderten, so sehen das etliche Bewohner, eine "mentale Brutalisierung", die auch Tel Aviv vergiften könne. Es gibt nicht wenige Beobachter im Land, die feststellen, dass Sicherheit zunehmend wichtiger genommen wird als persönliche Freiheit.

Wer das anders sehe, gerate stärker unter Rechtfertigungsdruck. Und müsse sich mitunter vorhalten lassen, dass allein Israels militärische Stärke einem toleranten Ort wie diesem die Existenz garantiere - ein "durchaus diskussionswürdiges Resümee", so Martin.

Der Fotograf Jan Windszus hat sich lustvoll in die Stadt gestürzt, er wendet sich dem Erwartbaren zu, aber auch den Gegenströmungen. Es gibt in Bnei Berak, außerhalb von Tel Aviv gelegen, aber mit der Stadt verschmolzen, ein wichtiges orthodoxes Zentrum. Auch dort hat er fotografiert und die Strenge dieser Gemeinschaft dokumentiert. Er spielt sie nicht aus gegen die Sinnlichkeit des liberalen Tel Aviv, zeigt eine Koexistenz. Die Stadt wirkt bei ihm immer ein wenig übermüdet.

Windszus zeigt sie in Gelb-, Weiß-, Beige- und Brauntönen, oft in Nacht- und Dämmerstunden. Von den vielen Palmen Tel Avivs ist auf den Aufnahmen wenig zu sehen. Grün sind nur ein paar Ampeln und ein paar lackierte Fingernägel. Die Lebenszugewandtheit drückt sich nicht in Farben aus, sondern in Körperhaltungen und der Nähe zu anderen Menschen.

Jan Windszus: Tel Aviv. Mare Verlag, Hamburg 2020. 132 Seiten, 58 Euro.

© SZ vom 22.10.2020/kaeb
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