Aigüestortes-Nationalpark in den Pyrenäen:Spanien: Die Schönheit der "verschlungenen Wasser"

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Aigüestortes-Nationalpark in den Pyrenäen: Aigüestortes bedeutet "verschlungene Wasser". Und das ist auch das Besondere am gleichnamigen Schutzgebiet Aigüestortes i Estany de Sant Maurici: unzählige Bergseen, Wasserfälle, Bäche.

Aigüestortes bedeutet "verschlungene Wasser". Und das ist auch das Besondere am gleichnamigen Schutzgebiet Aigüestortes i Estany de Sant Maurici: unzählige Bergseen, Wasserfälle, Bäche.

Bergseen, Wasserfälle, Kletterfelsen: Wo einst Diktator Franco auf die Jagd ging und Staudämme bauen ließ, liegt heute einer der vielseitigsten Nationalparks der Pyrenäen.

Von Hans Gasser

Wie ein Bergmensch sieht Roc Sagristà García auf den ersten Blick nicht aus: Skater-Kappe, Sweatshirt, Tätowierungen. Wer aber genau auf den rechten Unterarm schaut, erkennt seine wahre Leidenschaft. Dort hat er sich die Gipfel stechen lassen, die das Refugi D'Amitges, seine Berghütte, umgeben. "Schau mal, das ist das Couloir, durch das ich im Winter immer mit meinem Splitboard runterfahre", sagt der 26-Jährige und fährt mit dem Finger über das Tattoo. "Ich bin hier oben aufgewachsen, schon wenn ich mal unten im Dorf bin, fühle ich mich am falschen Platz." Seine Mutter kommt aus Barcelona, wo seine Oma die älteste und erste Bergbuchhandlung der Stadt führt. "Aber ich mag Barcelona nicht besonders, da bin ich höchstens mal zum Skateboardfahren."

Roc hat hier oben seinen Traumjob gefunden. Zusammen mit seinem Vater Valentin betreibt er die Amitges-Hütte. Sie liegt auf knapp 2400 Metern an einer besonders schönen Stelle im Aigüestortes-Nationalpark. Keine 50 Meter vor der Hütte ist ein Stausee, darüber wachsen zwei Felsnadeln aus festem Granit in die Höhe, verlockend für jeden Kletterer. "Eigentlich darf man keine neuen Kletterrouten einrichten hier im Nationalpark", sagt Roc grinsend, "mache ich natürlich trotzdem, denn die alten bin ich ja alle schon geklettert." Dann drückt er seine Zigarette aus und geht von der Hüttenterrasse hinein. Gleich beginnt das Abendessen, und die Hütte ist bis auf den letzten der 74 Plätze gefüllt. Zwei, drei Monate im Sommer ist hier viel los, die Wanderer kommen aus ganz Katalonien, schließlich ist das hier der einzige Nationalparks der Region.

Aigüestortes-Nationalpark in den Pyrenäen: Hüttenwirt Roc García liebt vor allem die Kletterfelsen.

Hüttenwirt Roc García liebt vor allem die Kletterfelsen.

(Foto: Gasser)

Es ist ein besonderer Nationalpark. Wegen des wasserundurchlässigen Granits gibt es hier mehr als 200 Gebirgsseen, unzählige Bäche und Wasserfälle. Aigüestortes bedeutet "verschlungene Wasser". Dazu kommen Stauseen, die teilweise immer noch zur Stromproduktion genutzt werden. Eigentlich unvereinbar mit einem Nationalpark. Aber der Park entstand auch auf recht unkonventionelle Weise. Diktator Franco richtete ihn per Dekret im Oktober 1955 ein. Das meiste Land war in Privatbesitz, wurde zur Forstwirtschaft und Stromproduktion durch Wasserkraft genutzt. Das scherte den Diktator wenig. Es gibt die Legende, wonach der fanatische Jäger kurz zuvor einen Absturz seines Jeeps von einer der eigens für ihn gebauten Bergstraßen überlebt hatte und aus Dankbarkeit das Gebiet unter Schutz stellte.

Heute hat der Park großen Zulauf. Man erschrickt zuerst über die Menschenmassen, die am Wochenende in Espot auf die Jeeptaxis warten, um bis zum Sant-Maurici-See hinaufgefahren zu werden. Einer der Chauffeure ist der Bürgermeister von Espot, Josep Sebastia Canal. Obwohl er bei der Partei ist, die sich für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzt, verliert er bezüglich des Nationalparks kein gutes Wort über die Regionalregierung in Barcelona. "Die vergessen uns hier oben. Es wäre besser, wenn der Nationalpark noch von spanischer Seite gemanagt würde." Seit der Übertragung des Nationalparks an die autonome Region Katalonien fließe kaum noch Geld hierher. So gibt es wenig Führungen und kaum Forschung im Park. Stattdessen muss der Biologe Gerard Jimenez als One-Man-Show im Infozentrum von Espot den Besuchern die Wanderwege erklären: "Wir sind eben anders hier", sagt er mit einem schiefen Lächeln.

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Wer erst einmal oben ist am smaragdgrünen Sant-Maurici-Stausee, überragt vom Encantats, dem Symbolberg des Parks, der vergisst solch unerfreuliche Dinge schnell. Hat man dann noch den See und den Ratera-Wasserfall hinter sich gelassen, wo sich die meisten Besucher ballen, wird es wild, einsam und immer schöner. Es geht vorbei an mächtigen Schwarzkiefern, die hier an der Pyrenäen-Südseite noch auf 2400 Höhenmetern wachsen, an unzähligen Seen, die grün und blau leuchten und die weiter oben tatsächlich noch von Eisresten bedeckt sind. Der Winter kam, wie in den Alpen, erst spät, vielerorts liegen auch noch Schneefelder. Was natürlich nicht heißt, dass es etwas weiter unten nicht wie wild blühen würde.

Alpenrosen, Steinbrech, Enziane und Glockenblumen gibt es zuhauf. Den Park kann man eigentlich (inklusive Jeep-Zubringer) an einem Tag von Ost nach West durchqueren. Gemütlicher und schöner ist es, sich zwei Tage Zeit zu nehmen, weil man dann erstens auf der Amitges-Hütte übernachten kann und zweitens den ein oder anderen Gipfel besteigen. Den Tuc de Ratera zum Beispiel, 2862 Meter hoch und mit einem einzigartigen Blick auf das Seengebiet von Colomers, in dem auf kleiner Fläche zwei Dutzend Bergseen in den unterschiedlichsten Blautönen leuchten. Colomers gilt vielen Einheimischen als der schönste Teil des Parks.

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