Reisepionierin Amelia Stewart Knight:"Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie"

Lesezeit: 9 min

Reisepionierin Amelia Stewart Knight: Abbruch eines Camps bei Sonnenaufgang

Abbruch eines Camps bei Sonnenaufgang

(Foto: Gemälde von Alfred Jacob Miller. Quelle: Wikimedia commons)

Amelia Stewart Knight reiste 2000 Meilen im Planwagen auf dem Oregon Trail in den Wilden Westen, durch reißende Flüsse und über die Rocky Mountains - mit sieben Kindern und schwanger mit dem achten.

Von Katja Schnitzler

Knapp 30 Stunden, so lange dauert es, wenn man heute mit dem Auto vom Monroe County mitten in Iowa an die Westküste der USA möchte. Genauer, nach Portland in Oregon. Auf den 2000 Meilen sind zu ertragen: Baustellen, Staus und die Müdigkeit, die sich beim monotonen Fahren zwangsläufig einstellt.

Was sich der moderne Reisende erspart: Eisiges Wasser, das in den Planwagen schwappt. Flüsse, die durchschwommen werden müssen, weil es weder Brücke noch Furt gibt. Gestank von verwesenden Rindern, die wortwörtlich auf der Strecke geblieben sind. Staub, Hitze und Gewaltmärsche, um die Ochsenwagen zu entlasten. Das alles mit sieben Kindern, und hochschwanger mit dem achten.

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

So machte sich Amelia Stewart Knight im Jahr 1853 auf den Weg - und berichtete in ihrem Tagebuch zwar detailliert über die Strapazen der Reise, verlor aber kein Wort über ihre Schwangerschaft, und auch kaum ein Wort der Klage.

Bis 1869 die Eisenbahn den gezähmten Osten und den Wilden Westen der USA verband, waren Siedler der neuen Gebiete auf die beschwerliche Reise in Planwagen angewiesen, gezogen von Pferden und vor allem von starken Ochsen. Da die Wagen mit dem ganzen Hausrat für den Start in ein neues Leben schwer genug waren, fuhren oft nur die Kleinsten oder Schwächsten darin mit. Alle anderen ritten oder gingen zu Fuß.

30 Jahre mühseliges Reisen auf dem Oregon Trail

Präsident Thomas Jefferson hatte die Lewis-und-Clark-Expedition beauftragt, im Jahr 1804 einen Weg über die Berge nach Westen zu finden (lesen Sie hier, wie dies nur mithilfe einer jungen indigenen Frau möglich war). Die Abenteurer waren zwar erfolgreich, aber die entdeckten Routen waren ungeeignet und zu gefährlich für Siedlertrecks. Doch nun machten sich Trapper auf den Weg - und fanden dank hilfsbereiter Ureinwohner weiter südlich leichter zugängliche Bergpässe.

Die neuen Möglichkeiten sowie die zunächst falsche Darstellung, der Weg nach Westen sei kaum anstrengender als ein munterer Spaziergang, lösten eine regelrechte Wanderbewegung aus. Dies war durchaus politisch gewollt, denn die Wildnis, welche "Oregon Country" genannt wurde und das heutige Oregon, Washington und Teile Idahos umfasste, gehörte noch den Briten. Je mehr Amerikaner sich dort niederließen, umso eher konnten die Vereinigten Staaten dieses Gebiet für sich beanspruchen. An manchen Engstellen sind noch heute die Spuren der schweren Wagen im Fels sichtbar, insgesamt sind etwa eine halbe Million Menschen zwischen 1840 und 1860 hier entlanggekommen. Nach konservativen Schätzungen erreichten 20 000 von ihnen niemals ihr Ziel.

Reisepionierin Amelia Stewart Knight: Oregon Trail

Oregon Trail

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Bis Amelia Stewart Knight und ihr Mann Joel, ein Arzt und Hutmacher, sich mit ihren sieben Kindern 1853 auf den Weg machen, hatte sich zwar schon herumgesprochen, dass der Oregon Trail wahrlich keine Picknickfahrt war. Vielleicht hätten sich die Knights aber auch nicht abschrecken lassen, wenn sie vorher genau gewusst hätten, was sie zu überwinden und durchzustehen hätten. Schließlich wollten sie nach 16 Jahren in Iowa den dortigen eisigen Wintern entgehen und sich an der gemäßigten Westküste niederlassen.

Einmal jedoch lässt sich die Pionierin im Tagebuch doch hinreißen: "Oh, Oregon, du musst schon ein wundervolles Land sein." Dies notiert sie im Dauerregen, wegen dem die Ochsen vom Joch aufgescheuerte Nacken haben, ihr Mann hat sich zudem den Magen am schlammigen Flusswasser verdorben. Und das noch, bevor sie staubtrockene Gegenden erreichen, in denen das einzige Wasser giftig für Mensch und Vieh ist.

Trotz der Strapazen, ihrer Kopfschmerzen und Erschöpfung legt sich Amelia Stewart Knight eine Chronistenpflicht auf, jeden Abend in einigen Sätzen knapp den Tag zu beschreiben. Sätze, die jede romantische Vorstellung zerplatzen lassen, die man von so einer Planwagen-Tour haben könnte, die in Wahrheit eine Tortur ist. Umso erstaunlicher, dass die Pionierin immer wieder mal die Schönheiten der Landschaft würdigt - bisweilen mit einer Prise Eigennutz: "Wir reisten heute 20 Meilen, immer auf und ab, es war sehr warm und staubig. Wir campen an einer herrlichen Quelle in einem Zedernwäldchen. Während ich schreibe, nehmen wir alle eine wunderbare Dusche." Zuvor hat ein Gewittersturm fast alle Vorräte zerstört - fast jeder Tag bringt kleinere und große Dramen mit sich, die an den Nerven zerren und allen die Kraft rauben.

Reisepionierin Amelia Stewart Knight: Amelia Stewart Knight

Amelia Stewart Knight

(Foto: oh)

Schon der Start im April 1853 ist holperig: Am dritten Tag ist alles vom Regen durchnässt, das Vieh brüllt die ganze Nacht und zwei der Kinder haben Mumps. Tatsächlich gehörten Krankheiten zu den größten Gefahren auf dem Treck, oft breiteten sie sich wie eine Epidemie in der ganzen Wagenkolonne aus. Auch Unfälle endeten oft tödlich: Aus Waffen lösten sich auf holperigen Wegen Schüsse, Pferde warfen ihre Reiter ab. Menschen stürzten vom Wagen und wurden unter den Rädern zermalmt. Einmal fällt Amelia Stewart Knights jüngster Sohn Chatfield unter den Planwagen, genau in dem Moment als die Ochsen anziehen. "Ich hatte noch niemals so viel Angst in meinem Leben." Ein anderes Mal vergessen die Eltern die Tochter Lucy im Trubel der Abfahrt - jeder denkt, ein anderer schaue nach ihr im anderen Wagen. Erst bei einer Pause holt sie ein nachfolgender Treck mit dem völlig aufgelösten Kind ein, das am Ufer das Treiben an einer Furt beobachtet und so die Abfahrt verpasst hat.

An anderer Stelle kommt Amelia Stewart Knight eine trauernde Familie entgegen: Der Vater ist beim Überqueren eines Flusses ertrunken, den die Knights am nächsten Tag durchschwimmen müssen. Dieses Mal mit noch mehr Angst. "Mit Trauer und Bedauern fuhr ich an ihnen vorbei, die wohl ein paar Tage zuvor noch so wohlauf und froh waren wie wir." Feindselige Ureinwohner sind da das kleinste Problem - ganz im Gegenteil.

"Ich war froh, von so einem gesetzlosen Volk wegzukommen"

Einige Flüsse können die Siedler mit ihren riesigen Viehherden nur deshalb überwinden, weil Männer der Stämme entlang der Route sich ein wenig Geld verdienen und mit den Pferden und Ochsen am Halfter durch die Stromschnellen schwimmen, "von frühmorgens bis spät in die Nacht". Jedes Mal in der Hoffnung, dass der Herdentrieb stark genug ist, dass die anderen Tiere folgen. Und nicht in der Mitte des Flusses voller Angst umkehren und dabei die Planwagen zum Kentern bringen. "Drei Pferde und einige Rinder ertranken hier allein gestern."

Konflikte gibt es seltener mit indigenen Stämmen, dafür aber mit anderen Siedlern auf dem überfüllten Weg gen Westen, der nur bewältigt werden kann, solange wenig Schnee auf den Bergpässen liegt:

"Als wir heute losfuhren, waren vor uns zwei große Viehherden und etwa 50 Wagen. Wir hätten entweder in der Staubwolke dahinter bleiben müssen oder uns beeilen und sie überholen. Es war eine Mordsarbeit, zwischen hunderten Rindern auf nur einer Straße zu steuern. Und die Fahrer davor drohten, dass ihre Herden uns niedertrampeln, wenn wir überholten. Sie zückten sogar ihre Pistolen. 'Der Mann' überriss die Situation und führte unsere Gruppe ganz weg von dem Pfad. Auch unser Vieh schien zu verstehen, worum es ging, es trabte schnell hinterher. Ich hatte eine harte Fahrt, aber war froh, von so einem gesetzlosen Volk wegzukommen. Mittags hatten wir sie überholt, egal wie sehr sie ihr eigenes Vieh antrieben, und ließen fluchende Männer hinter uns."

Ein Wettrennen bei über 30 Grad Celsius. Doch auch wenn die Pioniere zäh sein müssen, sind nicht alle knallharte Kerle und Frauen: Sowohl "der Mann" (sie schreibt über Joel Knight konsequent als "husband") als auch die älteren Söhne reiten nach gewaltigen Tagesmärschen nochmals zurück, um den erschöpften Familienhund zu suchen. Und auch wenn Amelia Stewart Knight ihren Ehemann im Tagebuch niemals beim Namen nennt, ist das kein Zeichen für eine schlechte Beziehung: Er kümmert sich doch aufmerksam um sie. Als sie an heiße Quellen kommen, sucht er mit ihr nach einer erträglich warmen Stelle, an der seine schwangere Frau ein Bad nehmen kann.

Reisepionierin Amelia Stewart Knight: Fürs Foto nachgestellt: ein Planwagen auf dem Oregon Trail

Fürs Foto nachgestellt: ein Planwagen auf dem Oregon Trail

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Je mühsamer das Gelände, je weniger Futter und trinkbares Wasser, desto mehr Kadaver säumen den Weg: "Nichts als sandige Wüste so weit das Auge reicht, die Straße ist übersät mit totem Vieh, der Gestank ist furchtbar. Trotzdem frühstücken hier manche Leute." Immer wieder erwähnt Amelia Stewart Knight, wie leid ihr die Tiere tun: "Heute fiel einer unserer Ochsen tot im Joch um. (...) Schande über denjenigen, der diese armen Kreaturen nicht bedauert, die Monat um Monat auf dieser wüsten Straße reisen müssen. Ich konnte kaum die Tränen zurückhalten, als wir um unseren armen Ochsen herumfuhren, der uns half, so weit zu kommen und seinen letzten Schritt im Leben für uns machte." Sie sind gezwungen, eine Kuh und ihr Kalb einzutauschen, um sich einen jungen Ochsen als Ersatz für das Zugtier leisten zu können. "Nach einem halben Tag stellten wir fest, dass wir betrogen worden sind. Der Ochse kann Reisen nicht ausstehen."

In einem Tal ist sie beeindruckt von gut aussehenden Cayuse-Indianern "auf ihren schönen Ponies", sie kaufen ihnen frischen Lachs ab. Zugleich muss sie sich in den Blue Mountains wegen der Scharlach-Erkrankung eines Sohnes sorgen, die Beine ihrer Töchter versorgen, die in giftigen Efeu geraten sind. Und an den steilsten Passagen steigt sie nicht nur aus dem Wagen, sondern trägt auch ihren jüngsten Sohn. Den stets wachsenden Bauch erwähnt sie nicht.

Nach den Blue Mountains zieht der Treck durch eine staubige Prärie, die den Tieren kaum Futter bietet. Die Freude über ein schönes, fruchtbares Tal mit einem kleinen Fluss als Lager währt nicht lang. Ein nächtlicher Sturm verwüstet das Lager; Töpfe und Eimer, die ungesichert unter den Planwagen lagen, verweht der Wind. Während am nächsten Tag die Männer und Jungen versuchen, Ochsen und Pferde wieder einzufangen, wartet Knight mit den Kindern zitternd vor Kälte im Wagen. Wieder in der Prärie zerbrechen sie ein paar Holzbretter des Wagens, um überhaupt Feuer machen zu können. Weil das Geld ausgegangen ist, muss "der Mann" seine Fuchsstute für 125 Dollar verkaufen.

Vor den Cascade Mountains werden die Wagen nochmal so leicht wie möglich für die Überquerung gemacht. Amelia Stewart Knight ist die ganze Nacht übel, weil das Waschen und Arbeiten zu anstrengend war - auch diese Information am Rande setzt sie noch bescheiden in Klammern, sich selbst stellt sie in ihrem Tagebuch nicht in den Mittelpunkt. Trotzdem wird die Mühsal immer deutlicher: "Wir mussten einen steilen Hügel bewältigen, was sehr schwer für das Vieh war - und für mich selbst. Ich dachte, ich erreiche den Gipfel nie, obwohl ich zwei oder dreimal Pause machte."

Durch die Berge führt "der schlechteste Weg, den wir je hatten", durch Matschlöcher, jeder Stoß rüttelt alles im Wagen durch; an umgestürzten Bäumen vorbei und an zurückgelassenen Wagen sowie toten Pferden, Ochsen, Mulis, die nicht alle vor Erschöpfung gestorben sind: Die hungrigen Tiere haben giftigen Lorbeer gefressen. Der dichte Wald aus Kiefern, Tannen, weißen Zedern und Redwood "ist bis zu 300 Fuß hoch und schließt fast das Licht des Himmels aus und ich wage kaum, zu ihren Wipfel zu blicken aus Furcht, mir das Genick zu brechen".

Reisepionierin Amelia Stewart Knight: Blick durch den Pass Scotts Bluff, Nebraska, Juli 1858

Blick durch den Pass Scotts Bluff, Nebraska, Juli 1858

(Foto: Quelle: Wikimedia commons)

Einer der schlimmsten Wegabschnitte kommt aber erst noch: "Stellen wir uns einen Wagenzug mit Vieh vor, der durch einen krummen Kamin muss, und wir haben Big Laurel Hill." In dem Hohlweg ist gerade so Platz für die Wagen, die Tiere rutschen aus, da ein Bach hier hinabrinnt. Und die Ungeduld der anderen macht es nicht besser: Ihr Wagenzug musst immer wieder halten, weil der davor alle paar Minuten stoppt - und dahinter wird schon von den nächsten Kutschböcken herab geflucht, dass es endlich weitergehen solle. Während die Männer und Jungen die Tiere vorantreiben, muss Amelia Stewart Knight für sich und die Jüngsten einen Weg durch das Chaos finden, über und unter Baumstämmen durchklettern, den kleinen Chatfield auf dem einen Arm. Mit der anderen Hand hält sie sich die Nase zu. Auch diesen Weg säumen verwesende Kadaver. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Geburt ihres achten Kindes.

Kein Wunder, dass ihr am nächsten Tag die Prärie umso schöner vorkommt. Nun ist es nicht mehr weit bis zur ersten Ranch im Oregon Country, doch dort wartet eine Enttäuschung: Wucherpreise. Ein Dollar für ein Dutzend Eier, ebenso für Butter, ein paar Zwiebeln für fünf Dollar - sie müssen sich auf Rüben beschränken. Nun kostet sie die Erschöpfung doch die Euphorie, "und hier sind wir also in Oregon, schlagen unser Camp in einer hässlichen Talsohle auf, mit keinem Heim außer unseren Wagen und dem Zelt." Sieben Meilen vor Milwaukie gebiert Amelia Stewart Knight ihr achtes Kind. "Danach packten wir und setzen mit Kanus und Ruderbooten über den Columbia River. Das dauerte drei Tage."

So lakonisch, wie sie ihr Tagebuch geführt hat, beendet sie es im September im Clark County nach mehr als fünf Monaten auf dem Oregon Trail: "Hier tauscht 'der Mann' zwei Ochsenjoche für ein wenig Land mit einer kleinen Blockhütte mit Pultdach ohne Fenster. Das ist das Ende der Reise."

Sie war nicht die erste, die diese beschwerliche Reise auf dem Oregon Trail machte, und bei weitem nicht die einzige. Aber Amelia Stewart Knight steht für die vielen, für die nicht der Weg das Ziel war. Sondern die erst den Weg mit all seinen Widrigkeiten überstehen mussten, um anzukommen.

Das detaillierte Tagebuch von Amelia Stewart Knight finden Sie hier. Die Pionierin starb am 25. Januar 1896 und überlebte "den Mann" um fast drei Jahrzehnte. Über ihre Zeit im Westen hat sie keine Tagebücher geführt oder diese sind nicht erhalten.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB