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Senioren:Muss das jetzt sein?

Urlaub auf Sylt

Wohltuendes Bad: Viele Senioren würden gerne verreisen, sind aber verunsichert, weil ihnen Ärzte und Angehörige raten, zu Hause zu bleiben.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Reisen innerhalb Europas sind wieder möglich, aber viele ältere Menschen zögern noch. Auch, weil ihnen von Ärzten und besorgten Verwandten abgeraten wird.

Von Monika Maier-Albang

Jeden Tag während der Corona-Hochphase trudelten Mails ein, gab es Telefonate zu beantworten. "Alle haben uns versichert, dass sie so schnell wie möglich kommen wollen", sagt Birgit Kreuzhuber-Zöls vom Kur- und Gästeservice in Bad Füssing. Die Leute wollten wissen, wann die Thermen wieder öffnen, wann die Hotels. Während dieser "harten Zeit", so Kreuzhuber-Zöls, habe sich gezeigt, wie groß die Verbundenheit mit den Stammgästen sei - und die machen in normalen Zeiten 94 Prozent der Touristen hier im Kurort im Niederbayerischen Bäderdreieck aus.

Und dann? Tröpfelten die Buchungen. Obwohl die Thermen wieder geöffnet hatten. Allerdings nur im Außenbereich, mit kalten Duschen. Und das Wetter war schlecht. Doch daran allein habe es nicht gelegen, glaubt Kreuzhuber-Zöls. Nach Bad Füssing kommen hauptsächlich Senioren, sie sind als Hochrisikogruppe eingestuft, und das ist noch immer ein Problem - ein mentales. Mal sind es Hausärzte, die sagen: "Bleibt besser noch daheim." Oft bekommen die Senioren von den eigenen Kindern zu hören: "Muss das jetzt sein? Kannst du nicht warten bis zum Herbst?" Das sagen die Senioren zumindest, wenn sie erklären, warum sie nun doch nicht kommen, obwohl sie gerne kämen, weil Anwendungen und Heilwasser ihnen gut tun. "Die Bereitschaft zu verreisen ist bei vielen da, aber es wird ihnen abgeraten", sagt Kreuzhuber-Zöls.

Belastbare Erhebungen zum Reiseverhalten der Älteren in der Corona-Zeit gibt es noch nicht. Aber Erfahrungswerte wie die aus Bad Füssing. Sie decken sich mit dem, was Holger Kähler beschreibt. Kähler hat in Augsburg den gemeinnützigen Verein Videlis aufgebaut, der betreutes Reisen für ältere, auch seh- oder gehbehinderte Menschen anbietet. Vor Corona ging es mit dem behindertengerechten Schiff über die Donau oder nach Hamburg in die Elbphilharmonie, in der pro Aufführung acht Rollstuhlfahrer Platz finden. "Wir haben eine zähe Stammkundschaft", sagt Kähler. Und doch verhält es sich mit der Reiselust der Senioren nun wie in anderen Alterskohorten auch: Die Senioren gibt es nicht. "Es gibt zwei Gruppen", sagt Kähler. "Die einen, die ängstlich sind. Die absagen oder hoffen, dass wir absagen." Für sie habe er "vollstes Verständnis", so Kähler; er hat selbst MS. Und es gebe die anderen, die jetzt unbedingt endlich rauswollen. "Und die sagen: Man weiß doch nie, was noch kommt."

Am 7. Juli nun wird Videlis die erste Reise starten; es geht für zehn Tage in den Schwarzwald. Sieben Gäste haben gebucht, das Doppelte wäre möglich. Die Gruppe wird Baden-Baden anschauen, gemeinsam Wein trinken, viele Ruhepausen einlegen. Ein Hoffnungsschimmer für den Verein, der wie alle kleinen Reiseveranstalter keine staatliche Kompensation für die Ausfälle der vergangenen Monate bekommen hat. Aus Freiburg ist auch zu hören, dass eine andere Urlaubsform bei Senioren an Beliebtheit zunimmt: Urlaub auf dem Bauernhof. Neben der klassischen Zielgruppe, Familien mit kleinen Kindern, interessierten sich zunehmend auch junge Paare und Senioren dafür, so die Landesarbeitsgemeinschaft Urlaub auf dem Bauernhof in Baden-Württemberg. Aber nicht nur Natur-, auch Städtereisen sind wieder im Kommen. Beim Münchner Studienreiseanbieter Studiosus ist Wien gut gebucht. Zudem das Baltikum und Island, Regionen also, die dünn besiedelt sind und kaum Neuinfektionen haben.

Bei den Thermen in Bad Füssing sind mittlerweile auch die Innenbereiche geöffnet. So langsam belebe sich der Kurpark, sagt Kreuzhuber-Zöls. "Die Buchungen ziehen an. Es geht bergauf."

© SZ vom 02.07.2020

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