Sandburgen-Künstler in New York Ganz nah am Wasser gebaut

Die Sandburgen von New York

New York - klar, das heißt Wolkenkratzer aus Stahl, Glas und Beton. An den Stränden entsteht dank Calvin Seibert dagegen eine kleine Skyline aus Sand. Fast jeden Tag aufs Neue. mehr... Bilder

Mal in Coney Island, mal in den schicken Hamptons: Im Sommer baut Calvin Seibert fast täglich an New Yorks Stränden Sandburgen. Wieso eigentlich?

Von Hakan Tanriverdi, New York

Die New Yorker entdecken ihre Strände wieder. Einer von ihnen hat seit längerem eine ganz besondere Art, sich dort die Zeit zu vertreiben. Seit fünf Jahren verbringt Calvin Seibert fast jeden Sommertag im Sand kniend und baut eine Burg nach der anderen. Sobald sie fertig ist, knipst er ein Foto. Am nächsten Morgen kommt er zurück. Wenn die Burg noch steht, baut er sie weiter aus. Wenn nicht, fängt er von vorne an. Seine Werke sind so eindrucksvoll, dass die New York Times den 57-Jährigen vor kurzem zum König der Sandburgen krönte.

SZ: Wann haben Sie Ihre erste Burg gebaut?

Calvin Seibert: Ich war sieben oder acht Jahre alt. Ich bin in Colorado aufgewachsen, das ist so weit von den Stränden entfernt wie nur irgendwie möglich. Doch unsere kleine Stadt wuchs schnell. Es gab also viele Baustellen und viel Sand. Wenn die Arbeiter ihre Schicht beendeten, ging ich rüber und baute meine Burgen. Sobald ich einen Führerschein hatte, fuhren meine Freunde und ich für zwei Wochen an die Strände von Kalifornien. Da habe ich an verschiedenen Stränden weitergebaut. 1979 bin ich nach New York gegangen, um Kunst zu studieren. Irgendwann bin ich auch dort hinaus an die Strände gefahren.

Gibt es auch Fotos aus dieser Zeit?

Nein. Das kam alles erst im Zuge der Digitalfotografie auf. Vorher dachte ich nicht daran. Aber plötzlich ging alles so leicht und es war so naheliegend.

Hat das Ihre Arbeit geändert?

Klar. Ich hatte ja plötzlich ein Publikum. "Besser, meine Burgen sehen gut aus", habe ich mir gedacht. Ich versuche mich ständig weiterzuentwickeln.

Wie lange dauert der durchschnittliche Burgbau?

Das hängt davon ab, wie viel Zeit ich habe. Wenn ich zum Mittagessen verabredet bin, baue ich kleine Burgen, in zwei bis drei Stunden. Wenn ich mein Essen mitnehme, dann arbeite ich bis zu acht Stunden an einer Burg.

Ganz schön lange.

Ich verbringe die Hälfte der Zeit damit, die Kanten geschmeidig zu bekommen. Ich fange an, indem ich einen Eimer Wasser heranschaffe, den Sand forme und dann die Struktur der Burg herausarbeite. Das muss alles sehr sauber sein. Wenn ich über den Rand streiche und es entstehen kleine Löcher, dann riesele ich Sand nach. Wenn der Sand teilweise nass und teilweise trocken ist, dann ergibt das zwei Farbtöne. Also packe ich Sand drauf und passe die Farben an, so dass es gleichmäßig aussieht. Das braucht seine Zeit.

Haben Sie spezielles Werkzeug?

Nein. Ich bin Künstler und habe mit vielen Materialien gearbeitet. Also habe ich mir eine Spachtel gebaut und mit der fahre ich über die Oberfläche.

Und dann?

Mache ich ein Foto. Manchmal komme ich am nächsten Tag zurück und je nachdem, wie weit der Strand von New York entfernt ist, ist die Burg vielleicht sogar noch da.

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Sie arbeiten also einfach weiter an der Burg?

Nicht wirklich. Meistens ist der Sand schon trocken, also baue ich die Burg eher aus. Aber es passiert ohnehin nicht oft, dass die Burgen noch da sind. Ich arbeite meist am exakt gleichen Ort weiter. Ich kann sehen, wie das Wasser um die Burg herumgeflossen ist und sie zersetzt hat. Nur Reste sind noch übrig.

Warum bauen Sie überhaupt so nah am Wasser?

Weil es einfacher ist. Je kürzer der Weg zwischen Burg und Wasser ist, desto besser kann ich die Burg bauen. Außerdem wird meine Burg so oder so kaputtgehen. Ob das nun nach zwei Tagen passiert oder nach zwei Minuten, ist mir egal. Ich mag es, sie zu bauen und am Ende des Tages, wenn das Sonnenlicht wärmer wird, ein schönes Foto zu schießen.

Sie sind also ein Fan von Vergänglichkeit.

Ich finde, das gibt diesen Burgen Kraft. In einer Galerie hätten sie keinen vergleichbaren Effekt. Dort würde das alles leblos wirken. Außerdem ist Sand kostenlos und man kann damit vollendete Werke erschaffen.

Auf einem Bild ist zu sehen, wie sich ein paar Jungs auf Ihre Burg gesetzt haben.

Ja, das war im Mai am Strand in Coney Island. Die Jungs kamen vorbei und fragten, ob sie die Burg kaputt machen dürften. Ich sagte ja, aber ich wollte vorher noch ein Foto schießen. So sind diese Bilder entstanden. Die Kinder haben um die Burg herum getanzt und alle haben gelacht. Das mag ich genauso sehr wie das Bauen selbst.

Einmal draufsetzen, bitte: Jugendliche aus Coney Island mit einer von Seiberts Burgen.

(Foto: Calvin Seibert)

Passiert es oft, dass Menschen Ihre Burgen zerstören wollen?

Nicht, wenn ich daran arbeite. Manchmal kommen Menschen und fragen, ob sie die Burg anfassen dürfen. Egal, wie stabil so eine Burg wirkt, sie zerfällt sehr schnell. Daher zeige ich ihnen Stellen, die ich später einfach reparieren kann.

Welche Stellen sind schwer zu reparieren?

Generell der obere Teil. Dort ist der Sand schon trocken. Unmöglich, das wieder hinzubekommen.

Unterscheiden Sie zwischen den Stränden, die Sie besuchen?

Ja. Früher bin ich nach Jones Beach gefahren. Aber das wurde mit der Zeit zu teuer. Also fahre ich mittlerweile nicht mehr so weit nach draußen.

Cool down

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Ist der Sand dort anders?

Je näher man am Hafen ist, desto dreckiger ist der Sand. In den Hamptons ist der Sand sehr schön und sauber. Das macht mehr Spaß. Aber ich baue die Burgen auch in Coney Island. Das Ergebnis ist dann urbaner. Dunkler.

Verkaufen Sie Ihre Fotos?

Nein.

Wie können Sie es sich dann leisten, den ganzen Sommer jeden Tag am Strand zu verbringen?

Ich arbeite zur Zeit als Assistent eines Künstlers. Das ist meist projektbezogen. Das sind dann Sieben-Tages-Wochen zu je zwölf Stunden, für mehrere Monate. So kommt man schnell an Geld. Außerdem lebe ich sehr bescheiden. Ich habe zu Hause weder Internet noch Kabelfernsehen.

Wie lange werden Sie dieses Jahr noch an die Strände fahren?

Noch bis Ende September.

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