Salzburg Berliner Wind

In Bad Gastein übernehmen Großstädter alte Hotels - zum Vorteil für alle.

Von Titus Arnu

Bröckelnder Putz, blinde Fensterscheiben, verrammelte Türen: Das Zentrum von Bad Gastein strahlt morbiden Charme aus, um es freundlich auszudrücken. Riesige Hotelkästen aus der Belle-Époque-Zeit schimmeln vor sich hin, einige davon stehen seit Jahren leer. Um die Jahrhundertwende verbrachten hier der österreichische Kaiser Franz, der deutsche Kaiser Wilhelm, Könige, Fürsten, großbürgerliche Familien und Künstler aus ganz Europa die Sommerfrische. Zuletzt war vom alten Glanz des Salzburger Kurortes nicht mehr viel übrig.

Doch die angestaubte Kleinstadt hat sich zu einem Treffpunkt einer neuen Hipster-Boheme entwickelt. Bad Gastein ist wieder ein Lieblingsziel von intellektuellen Großstädtern, denen Ischgl zu rambazambig und St. Moritz zu etepetete ist. Der Berliner Elektropop-Entertainer Friedrich Liechtenstein hat sich zu einer Art Markenbotschafter des Städtchens entwickelt und eines seiner Alben "Bad Gastein" genannt, New York Times und Monocle schwärmen von dem Ort. Münchner Journalisten, Wiener Literaten und Berliner Modeblogger verbringen dort gerne Kurzurlaube. Umtriebige Hoteliers wie Evelyn und Ike Ikrath (Haus Hirt, Miramonte) und Olaf Krohne (Das Regina) haben mitgeholfen, das verstaubte Image des Orts aufzupolieren. Der Aufschwung Bad Gasteins ist zu einem guten Teil mit ihrem Engagement, ihrem Geschmack und ihrer Gastfreundschaft zu erklären.

Auch das Waldhaus Rudolfshöhe, 20 Minuten oberhalb von Bad Gastein am Fuß des Graukogels gelegen, gehört zu den uralten Adressen in Bad Gastein, die neu belebt wurden. Das Ausflugsgasthaus hat eine 642 Jahre lange Geschichte, es existiert seit 1375. Kaiserin Sisi veranstaltete dort gerne Luxus-Picknicks, was man verstehen kann, wenn man auf der Terrasse vor dem Lokal steht: Die Aussicht geht über die Prachtbauten des Orts hinweg hinüber zum Stubnerkogel und über das ganze Gasteiner Tal. Zuletzt war das Waldhaus einigermaßen heruntergekommen. Die Berliner Stefan Turowski und Jan Breus haben es 2016 übernommen und zu einem kleinen, feinen Berghotel gemacht.

"Ich konnte mir eigentlich überhaupt nicht vorstellen, in die Berge zu ziehen", sagt Stefan Turowski, der beim RBB als Fernsehjournalist gearbeitet hat. Jan Breus war in der gehobenen Gastronomie tätig, hat als Designer gearbeitet und kannte Bad Gastein von vielen Besuchen. Als die beiden von Olaf Krohne, dem ebenfalls aus Berlin stammenden Wirt des Hotels Regina, hörten, dass die Rudolfshöhe frei werde, fuhren sie nach Bad Gastein - und verliebten sich sofort in das alte Häuschen, das abgeschieden am Waldrand auf 1200 Metern Höhe steht. Sie kündigten ihre Jobs und verwandelten die Rudolfshöhe innerhalb weniger Wochen in ein Schmuckstück. Espressotassen, Geschirr, Möbel und Accessoires brachten sie von ihrem Haus in Brandenburg mit. Alles andere kam nach und nach dazu.

Es gibt nur vier Gästezimmer, aber die sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet

Die Stube ist ebenso gemütlich wie modern eingerichtet, mit einem großen Kaminofen, runden Balken, gepolsterten Sitzbänken, Designer-Stehlampen und Panoramafenstern. Es gibt nur vier Gästezimmer, individuell eingerichtet und 30 bis 42 Quadratmeter groß. Zum Abendessen servieren Breus und Turowski ihre Spezialitäten, etwa stundenlang geschmortes Schwein, karamellisierte Karotten mit Koriandersamen und im Ganzen angebratenen Blumenkohl mit Butter. Dazu gibt es regionales Bio-Bier oder ausgesuchte Weine.

Jan Breus' Lieblingsdessert heißt "Pavlova", eine Baiser-Masse, gefüllt mit Mascarpone und Sahne, benannt nach einer Primaballerina. Außen bröckelig, innen weich, warm und luxuriös - ein süßes Sinnbild für Bad Gastein.

Doppelzimmer mit Frühstück ab 160 Euro, www.rudolfshoehe.at