bedeckt München
vgwortpixel

Rodrigues im Indischen Ozean:Zum Glück nicht Mauritius

Rodrigues

Wie aus dem Entschleunigungs-Buch: Die Wildheit konnte der Mensch der Insel Rodrigues nicht nehmen.

(Foto: Tourist Office Rodrigues)

Rodrigues ist so schön und entschleunigt wie Mauritius vor 25 Jahren. Doch Menschen mussten die kleine Insel erst wieder zum Paradies machen.

Vom Heute ins Damals reisen? Stephen Kirsakye schafft das in vier Schritten. Geht er einmal quer durch das Besucherzentrum von Grande Montagne und schaut durch das geöffnete Fenster, dann sieht er, wie Rodrigues heute ist: Straßen, knatternde Roller, betonierte Hütten, ein paar Bananenbäume, darüber der Rauch schwelender Lagerfeuer.

Stapft er in seinen Gummistiefeln zur anderen Seite durch eine große, schwere Holztür nach draußen und steigt ein paar Stufen nach oben, dann steht er mitten in der Vergangenheit. Um ihn herum wildes Grün, in dem es raschelt und zirpt, Palmen, Farne, Lianen. Einheimische Pflanzen und Sträucher, die es schon auf Rodrigues gab, bevor überhaupt ein Mensch einen Fuß auf die Insel gesetzt hat.

Es sind zwei Welten, und doch gehören sie beide zu Rodrigues, der östlichsten Insel Afrikas, mitten im Indischen Ozean und gerade einmal 18 Kilometer lang und höchstens acht Kilometer breit - etwas größer als Sylt. Sogar nach Mauritius, zu der sie offiziell gehört, sind es eineinhalb Flugstunden. Wen interessiert schon, was dort passiert, könnte man denken. Aber im Kleinen zeigt sich hier, womit viele Regionen auf der Welt zu kämpfen haben: Wie holt man das zurück, was ausgerottet und zerstört war? Und wie bewahrt man es?

Rodrigues Mauritius Insel Indischer Ozean Fernreise Urlaub Strand Schildkröten

Mauritius, nur ohne Menschen: Strand auf Rodrigues.

(Foto: Tourist Office Rodrigues)

Stephen Kirsakye ist in der Vergangenheit verschwunden. Hinter Palmblättern und Farnen ist er kaum noch zu sehen - aber sehr wohl zu hören. Er pfeift. Er horcht. "Manchmal kommen sie", sagt der 44-Jährige. Die Rodrigues-Weber, kleine olivgrüne Vögel mit orangen Tupfern, die fast ausgestorben wären - 1968 gab es nur noch sechs Pärchen.

Nur ein paar Jahre später wurde das Grande-Montagne-Naturschutzgebiet gegründet, rund um den höchsten Gipfel der Insel - wenn man bei nicht mal 400 Metern überhaupt von Gipfel sprechen kann. Mehr als 150 000 einheimische Pflanzen wurden rekultiviert. Seitdem gibt es wieder ein paar Tausend Rodrigues-Weber. Zurück kamen auch die Flughunde, die in der Dämmerung über die Palmwipfel jagen.

Stephen Kirsakye - Ecotour-Office Reserve Grande Montagne

Naturschützer Stephen Kirsakye in "seinem Schatz": das Reserve Grande Montagne.

(Foto: OH)

Stephen Kirsakye ist Ecotour Officer des Parks. Erst seit Kurzem führt er Touristen durch seinen "Schatz" - "mon trésor", wie er das 25-Hektar-Naturschutzgebiet nennt. Bisher, so sagt er, sei er immer morgens im Dickicht verschwunden, er schaufelte, holte Erde, holte Setzlinge, lief auf und ab. Bis es dunkel wurde. Er verbrachte so viel Zeit im Unterholz, dass ihn mal jemand auf der Straße fragte: Bist du neu hier? Erst hergezogen? "Ach wo", winkte Kirsakye ab, "ich lebe seit 15 Jahren hier."

"So viele Schildkröten, man könnte auf ihren Panzern gehen, ohne den Boden zu berühren"

Will man Kirsakyes großen Stolz auf seinen Wald verstehen, dann muss man ein paar Hundert Jahre zurückgehen. Damals war ein Mann ähnlich begeistert von der Natur der kleinen Insel: "An manchen Stellen", so schrieb François Leguat, "liegen so viele Schildkröten beieinander, dass man mühelos über hundert Schritte auf ihren Panzern gehen könnte, ohne den Boden zu berühren." Es war das Jahr 1691, eine Gruppe Hugenotten, darunter der Anwalt Leguat, war aus Frankreich geflohen.

Mit einer kleinen Fregatte stachen sie in See, durchquerten den Indischen Ozean und landeten an einem Ort, überwuchert von Urwäldern und durchzogen von Flüssen. So war Rodrigues damals.

Viel übrig ist davon nicht. Die letzten Reste, sie liegen hinter Glas im Besucherzentrum von Grande Montagne. Als wären es offene Särge, treten die paar wenigen Touristen vor die Vitrinen, senken die Köpfe fast andächtig, sie schweigen und betrachten, was darin liegt. Lange und kurze, kräftige und dünne Knochen auf rotem Stoff. Das, was von der Landschildkröte und dem Rodrigues-Solitär, einem großen Laufvogel, geblieben ist. Beide sind ausgestorben.