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Reisepioniere auf der Grand Tour:Wie fürchterlich, wieder daheim zu sein

Endlich auf der anderen Seite angekommen, geht es möglichst schnell Richtung Florenz, Rom und in den Golf von Neapel mit seinen Inseln, dem Vesuv und Pompeji. Die Spuren der Jahrtausende dort gelten als absoluter Höhepunkt. Nach einem Schlenker über Sizilien kann man auf der Rückreise Orte wie Venedig mitnehmen. Zentren von Kultur und Wissenschaft wie Wien, München, Weimar, Berlin oder weiter im Westen Heidelberg oder Baden-Baden runden die Route ab. Als eines der letzten Naturhighlights steht der Rhein hoch im Kurs, über die Niederlande erreichen die Briten schließlich wieder die Heimat.

Damals wie heute gilt: Je mehr man von den Reisen anderer liest, desto mehr wünscht man sich selbst dorthin. Eine wachsende Zahl an Reiseberichten etabliert die Bildungsreise in den höheren Kreisen, ein eigenes Genre entsteht. Entsprechende Bücher heißen zum Beispiel "The Gentleman's Guide in His Tour Through Italy - with a Correct Map and Directions for Travelling in This Country" (aus dem Jahr 1777). Das Versprechen einer fehlerlosen Landkarte ist dabei kein Zufall, denn der Mangel daran stellt für viele ein ewiges Ärgernis dar.

Gentleman hin oder her, weder ist die Grand Tour je eine rein britische Angelegenheit, noch bleibt sie Männersache. Auch feine Damen wie die Markgräfin von Bayreuth (1709 - 1758), eine Schwester Friedrichs des Großen, machen sich auf. Wilhelmine wird mit Anfang 20 verheiratet, ihr Gatte hat die Grand Tour zu dem Zeitpunkt schon unternommen. Sie selbst muss wegen diverser Krankheiten lange warten, bis ihre heiß ersehnte eigene Reise wahr wird. Erst mit Mitte 40 bricht sie endlich mit ihrem Mann nach Frankreich und Italien auf - zwar inkognito unter einem Decknamen, aber doch mit einem Gefolge von mehreren Dutzend Dienstboten.

Wie zu ihrer Zeit üblich, teilt sie ihre Eindrücke in vielen Briefen mit. Aus Florenz schreibt sie an ihren Bruder, sie sei "wie ein Blinder", der nun langsam die Welt erkennt: "Was ich von Italien gesehen habe, übertrifft alles, was man mir davon erzählt hat. Ich bin oft wie verzaubert und wähne, alles was ich sehe, sei nur ein Traum." Umso stärker der Dämpfer bei der Heimkehr nach Bayern, wo sie alles nur noch im Vergleich zum Süden sehen kann: "Die abgeschmackte Einförmigkeit des Landes hier, die düstere Traurigkeit des Himmels, die Verschlossenheit der Bewohner, das alles zersetzt mein Sein."

Grand Tour

Paar bei der Planung seiner Tour - ein Gemälde von Emil Brack aus dem späten 19. Jahrhundert.

(Foto: Wikimedia Commons)

Solche Rückkehrerdepressionen schrecken andere aber nicht ab, sich selbst auf den Weg zu machen. Ausgedehnte Reisen werden für wohlhabende Europäer zunehmend üblich. Je weiter es ins 19. Jahrhundert geht, desto öfter sind nicht mehr nur reiche, junge Menschen mit ihrer Entourage auf großer Fahrt, sondern auch Familien, junge Paare und Ältere. Es entwickeln sich nach und nach professionelle Reiseanbieter, es gibt Ratgeber für passende Reisemode, sogar Vorläufer praktischer Outdoorkleidung.

Doch das Geheimnisvolle, Unentdeckte scheint immer schwerer zu finden. Die Schriftstellerin Anna Jameson klagt bei der Abreise aus Paris: "Ist nicht alles, was noch über Paris (...) gesagt werden könnte, schon in den getreuen Berichten vieler berühmter Reisender erzählt worden?" Es ist das Jahr 1826.

Die Zitate beziehungsweise ihre Übersetzungen wurden entnommen aus "Als Reisen eine Kunst war" von Attilio Brilli, erschienen 1997 im Verlag Klaus Wagenbach, sowie "Adlige auf Tour" von Thomas Freller, erschienen 2007 im Jan Thorbecke Verlag.