Kolumne "Ende der Reise":Mehr Risiko!

Lisbon, Lissabon, Portugal, 16rd August 2020. Tourists and local people visit the beaches of Cascais and Estoril.

Ja, manchmal kommt eine große Welle. Aber sollten wir deshalb nicht mehr an den Strand gehen?

(Foto: Imago Images/Action Pictures)

In Zeiten, in denen dieses Wort so inflationär gebraucht wird, muss eine Lanze dafür gebrochen werden. Denn wo kämen wir hin, wenn alle zu Hause blieben. Nirgends, genau!

Glosse von Hans Gasser

"Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um", heißt es so schön. Aber ist das so? Der Spruch könnte vom Spahn Jens oder vom Söder Markus sein, ist aber viel älter. Was genau wollte uns der biblische Sprichwortklopfer damit sagen? Bleibt daheim, geht kein Risiko ein, dann werdet ihr 120?

Aber wollen wir das? Zudem hatte schon Blaise Pascal mit seinem zu oft zitierten Satz unrecht, alles Unglück des Menschen resultiere daraus, dass er es nicht mit sich allein in einem Zimmer aushalte. Der Mann kannte noch keinen Home-Office-Zwang, und Lockdown konnte er wahrscheinlich nicht mal buchstabieren! Und die Statistiken, dass die meisten schweren Unfälle im Haushalt passieren, waren damals noch nicht online abrufbar.

In Zeiten, in denen das Wort Risiko derart inflationär gebraucht wird, Nachbarländer im Wochentakt zu Risiko- oder gar Hochrisikogebieten erklärt werden, ist es höchste Zeit, eine Lanze dafür zu brechen! Wo stünden wir, wenn unsere Vorfahren immer im Zimmer geblieben und kein Risiko eingegangen wären? Ohne die mutigen Italiener Cristoforo Colombo und Amerigo Vespucci, ohne den kühnen Briten James Cook bestünde unsere Welt immer noch nur aus ein bisschen Eurasien.

Wo waren eigentlich die Deutschen bei der Entdeckung der Welt? Gut, bei Cook fuhr Georg Forster mit, der hat immerhin exotische Tiere und Pflanzen gezeichnet und ein Buch über diese risikoreiche Reise geschrieben. Gemeuchelt wurde dann aber der Captain selber, als er einmal zu viel an den Gestaden Hawaiis angelandet war. "So what?", würde er wohl sagen, "schließlich habe ich den halben Pazifik kartografiert. Soll ich da im Bett sterben?"

Heutzutage wird uns Reisenden das Risiko von allen Seiten abgenommen, sofern wir uns überhaupt aufmachen. Verreckt das Auto, holt uns der ADAC ab, bricht ein Vulkan aus, greift die EU-Pauschalreiserichtlinie, werden wir krank, ist da die Reiserücktrittsversicherung. Sicher ist sicher. Aber ist sicher auch spannend, aufregend, erhellend? Eher nicht.

Immerhin gibt es noch Menschen, die bewusst Risiken eingehen, weil sie sich dadurch lebendiger fühlen als im Home-Office. Und wir sprechen jetzt nicht von denen, die eine Flugreise ins Hochrisikogebiet Mallorca oder Ibiza buchen. Eher von denen, die auf hohe Berge steigen, mit dem Fahrrad nach Usbekistan fahren oder sich einen Gleitschirm umschnallen, um damit die Welt einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen.

Die allermeisten kommen heil zurück, aber manchen passiert auch mal was, das haben sie eingepreist. Und nicht immer wartet der Tod. So fiel unlängst ein Bergsteiger in Tirol fünf Meter tief in eine Gletscherspalte und verkeilte sich so unglücklich mit dem Bein im Eis, dass ihn die Bergrettung mit einem Presslufthammer freihämmern musste. Außer einer Unterkühlung war er unversehrt. Ebenfalls in Tirol verfingen sich zwei Tandem-Paraglider in einem Seilbahnkabel und blieben - unverletzt - daran hängen. Was sagt uns das? Wer sich in Gefahr begibt, hat was zu erzählen.

© SZ
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