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Promi-Ort Portofino:Hafen der 65 Farben

Bröckelnder Mörtel, grüner Rauputz, quietschgelbe Wände - Renovierungen sollen wieder den alten Fischerort ans Licht bringen. Wer nicht mitmacht, bekommt Ärger.

Eigentlich ist es doch unerhört, Portofino zu bekritteln. Man bemäkelt ja auch nicht die Venus von Botticelli. Zu dieser Ästhetik-Klasse aber gehört Portofino, der Adonis unter den Fischerorten. In aller Welt hängen Bilder des Dorfes, unzählige Restaurants tragen seinen Namen - und natürlich haben die Amerikaner Portofino nachgebaut.

Die Millionäre behandelten die wunderschönen Häuser von Portofino mit weitaus weniger ästhetischem Gespür als einst die Fischer.

(Foto: Foto: Gemeinde Portofino)

Zudem zieht es seit hundert Jahren Prominente aller Provenienz an die ligurische Küste, um den famosen Zwerghafen zwischen immergrünen Berghängen in seiner blauen Bucht zu bestaunen: von Guy de Maupassant bis Madonna, von Kaiser WilhelmII. bis Silvio Berlusconi.

Wer also wollte herummeckern an Portofino?

"Gewiss, wenn Sie mit dem Boot anfahren, wirkt alles herrlich", sagt Pino Milana. "Diese leuchtend bunten Farben der Fischerhäuser rund um das Hafenbecken! Aber wenn Sie die Fassaden aus der Nähe betrachten, sieht es anders aus."

Etwa 70 Prozent bräuchten einen neuen Anstrich, meint der Manager, während er an Bars, Boutiquen und den Staffeleien der Hobby-Maler vorbei den Kai entlangschlendert. Missbilligend prüft er die farbenfrohe Front aus schmalen, hohen Häusern.

"Schauen Sie hier, wie der Mörtel bröckelt; und dort, dieser bleigrüne Rauputz; oder da oben, die Keramikkacheln an der Fassade und diese quietschgelbe Wand. Das alles hat mit Portofino überhaupt nichts zu tun."

Seit Jahrzehnten bastle jeder an seinem Haus herum wie er wolle, kritisiert Milana. Oder man lasse alles vergammeln. "Dabei könnten die Eigentümer mit einer Monatsmiete ihre Fassade ordentlich renovieren." Wahrscheinlich hat er recht.

Schließlich gilt Portofino als teuerstes Pflaster Italiens. Wohnungen mit Meerblick sind nur für phantastische Summen zu haben. Schönheit hat ihren Preis. Damit alles so bleibt, soll sich der Fischerhafen nun einer Farbenkur unterziehen. "Was nicht authentisch ist, muss weg", fordert Milana.

2004 schrieb die 600-Einwohner-Gemeinde ein besonderes Projekt aus: Es galt, einen historisch genauen Farben-Plan zu erstellen. Akzo Nobel, der weltgrößte Hersteller von Farben, zog den Auftrag an Land. Dabei half dem Unternehmen, dass es schon etliche italienische Orte betreut. "Seit Jahren lassen sich die Kommunen von Farben-Firmen beraten, da sie ja selbst keine Experten sind", sagt Milana, einer der Direktoren von Akzo Nobel in Italien.

So hat sein Unternehmen Pläne für Turin, Prato oder Teile Roms erstellt. Die aufwendig ermittelten ,,passenden'' Farben wurden von den Kommunen dann gesetzlich festgelegt, damit sich die Eigentümer bei Renovierungen an die Palette halten müssen.

,,So wird verhindert, dass einer sein Haus neben dem Kolosseum knallblau anstreicht'', sagt Milana. Tatsächlich machen Farben den besonderen Reiz vieler italienischer Orte aus - ob es nun die bunten Inseln Murano und Burano sind, die weißen Dörfer Apuliens oder die feuerfarbenen Gassen Roms. Auch Portofino - der Name leitet sich vom lateinischen Portus Delphini, Delphinhafen, ab - lebt von seinen Farben. Ohne sie wäre es aller landschaftlichen Schönheit zum Trotz nie zu Weltruhm gelangt.

Montague Yeats-Brown, ein britischer Konsul in Genua, ,,entdeckte'' das Dorf 1870 und zog im Kastell über dem Hafen ein. Danach war kein Halten mehr.