bedeckt München
vgwortpixel

Odyssee eines Air-France-Passagiers:Gestrandet am schlimmsten Flughafen der Welt

Es gibt schönere Orte in Paris, um eine Nacht zu verbringen: der Flughafen Charles de Gaulle.

(Foto: AFP)

Jay Shah will von New York nach Mumbai fliegen, beim Zwischenstopp in Paris beginnen die Probleme. Sein Flug wird gestrichen, er kämpft mit wenig hilfsbereitem Airport-Personal um ein Visum für die Nacht im Hotel. Ohne Erfolg. Seinem Ärger macht er in einem furiosen Beschwerdebrief Luft.

Über den Flughafen Charles de Gaulle in Paris gibt es unzählige Horrorgeschichten. Laut dem Reiseportal CNN Go ist der Airport in der französischen Hauptstadt sogar der schlechteste der Welt. Fluggäste klagen über unfreundliches Personal, ein hässliches Gebäude, schlechte Gastronomie und eine irreführende Beschilderung. Kein Ort also, an dem man freiwillig mehr Zeit verbringt, als unbedingt notwendig.

Außer man wird dazu gezwungen. Wie Jay Shah, der eine ziemlich ungemütliche Nacht in der französischen Hauptstadt verbringen musste.

Eigentlich will der junge Mann aus dem indischen Mumbai von New York nach Hause fliegen. Und zunächst geht auch alles gut. Der Air-France-Flug AF 17 vom Airport John F. Kennedy nach Paris verläuft ohne große Zwischenfälle. Doch in Frankreich beginnen die Probleme, die Jay Shah nun in einem gepfefferten offenen Brief an den Vorstandsvorsitzenden von Air France, Alexandre de Juniac, zusammengefasst hat.

Stimmen die Fakten, die der wütende Fluggast detailreich aufgeschrieben hat, dann beginnt alles mit einer Information auf der Anzeigetafel: Der Weiterflug nach Mumbai ist verspätet. Informationen? Fehlanzeige. Jay Shah beschreibt, wie sich das Air-France-Personal hinter seinen Sprechgeräten versteckt und jegliche Auskunft verweigert. Schließlich - mehr als eine Stunde nach dem planmäßigen Start - dann die Nachricht, wegen "technischer Probleme" an der Maschine müsse der Flug ersatzlos gestrichen werden.

Eine Nacht in Paris steht den 35 Fluggästen bevor. Wer ein Schengen-Visum besitzt, darf ins Hotel. Der Rest soll ein Transit-Visum beantragen, um den Airport für die Nacht verlassen zu dürfen. Doch dann die nächste Enttäuschung: Nur ein paar wenige Reisende bekommen ein solches Visum, schreibt Shah: ältere Menschen, Frauen, Kinder. Der Rest geht leer aus. "Aus welchem Grund wurden uns die Visa verweigert? Wir werden es nie erfahren."

Brenzlige Situationen im Flugverkehr

"Adios, Amigo!"

Flug gestrichen, Transit-Visum verweigert, Hotelzimmer perdu - doch das ist nicht alles. Die gestrandeten Passagiere fragen, ob sie in die Air-France-Lounge dürfen. Nein, die ist nur für Business-Class-Reisende. Jay Shah und die anderen werden aufgefordert, in das Warteareal im anderen Terminal zu gehen. Doch es sind gebrechliche Menschen in der Gruppe. Sie sprechen kein Englisch. Jay Shah beschreibt, wie er ihnen einen Rollstuhl organisieren will. Nach anderthalb Stunden steht ein Rollstuhl vor ihnen. Zu wenig. Die Fluggäste machen sich selbst auf die Suche, finden Rollstühle - und werden vom Personal zurechtgewiesen. Die Rollstühle gehörten einer anderen Firma und dürften nicht benutzt werden.

Jay Shah ist sauer. Keine Unterstützung, nirgends, schreibt er: "Wenn wir etwas brauchten, mussten wir zwischen den Terminals umherfahren und immer wieder neue Air-France-Verantwortliche treffen."

Die Nacht verbringen einige Passagiere auf Stühlen, andere schlafen auf dem Boden. Eine weitere Dreiviertelstunde müssen sie auf Decken warten, weil die gerade aus sind. Am nächsten Morgen dann die nächste schlechte Nachricht: Auch der Ersatzflug ist verspätet. Dreieinhalb Stunden später kann Jay Shah schließlich doch nach Mumbai fliegen.

Flug-Erlebnisse unter Passagieren

"Schätzelein, sitzt du neben dat Scheich?"

Doch auch als er in Indien ankommt, ist der Ärger nicht verraucht. Jay Shah setzt sich hin und schreibt seine Pariser Erlebnisse auf, adressiert das Schreiben an den Air-France-Chef und stellt es auf die Facebook-Seite der Fluglinie. Auch auf Twitter verbreitet sich der Fall rasant.

Und Air France? Die Fluggesellschaft teilt mit, sie sei mit dem Passagier bereits in Kontakt. Der Fall sei in Bearbeitung, eine offizielle Stellungnahme gebe es aber noch nicht.

Vielleicht haben Jay Shah und die Gestrandeten von Paris auch Glück gehabt. Vor einem Vierteljahrhundert strandete Mehran Karimi Nasseri, nachdem er aus seinem Heimatland Iran ausgewiesen wurde, ebenfalls am Flughafen Charles de Gaulle. Seine Reiseunterlagen waren beim Zwischenstopp in Frankreich gestohlen worden, daher durfte er nicht nach Großbritannien einreisen. Als Staatenloser lebte Nasseri von August 1988 bis August 2006 am Pariser Flughafen - Stoff für Hollywood: Steven Spielberg verfilmte Terminal mit Tom Hanks in der Hauptrolle.

Update vom 30.10.2013: Air France äußert sich konkreter zu dem Fall. Bei dem Flugzeug, das eigentlich nach Mumbai fliegen sollte, war demnach ein technisches Problem aufgetreten, dessen Behebung länger dauerte als zunächst angenommen. Deshalb seien die Fluggäste umgebucht worden. Allen Passagieren, die ein Schengen-Visum bekamen, wurden Hotelzimmer für die Nacht zur Verfügung gestellt. Für die Erteilung von Schengen-Visa sei die Fluggesellschaft jedoch nicht verantwortlich, sagte eine Sprecherin. Diese seien jedoch zwingend notwendig, um den Airport zu verlassen. Am Flughafen Charles de Gaulle gebe es leider kein Hotel innerhalb der internationalen Transitzone.

Was haben Sie auf Ihren Flügen erlebt? Sagen Sie es uns hier.

© Süddeutsche.de/leja/sks
Zur SZ-Startseite