Brenzlige Situationen im Flugverkehr:"Adios, Amigo!"

Kindliche Fluglotsen, tollpatschige Kopiloten und beschwipste Kapitäne: Wer im Flugverkehr arbeitet, trägt eine große Verantwortung. Doch mitunter lässt das Pflichtbewusstsein der Berufsvertreter zu wünschen übrig. Zehn gefährliche Szenen aus Cockpit und Tower - die nur mit Glück nicht in einer Katastrophe endeten.

Daniela Dau

10 Bilder

-

Quelle: AFP

1 / 10

Bevor die Fahrt losgeht, ist die optimale Sitzposition einzustellen, damit gute Sicht auf Instrumente und sicheres Fahren gewährleistet ist. Das lernen Fahrschüler und wohl auch angehende Piloten am Anfang der Ausbildung, verbunden mit dem Hinweis, dass man den Sitz nicht während der Fahrt beziehungsweise des Fluges justieren sollte. Ein Kopilot der indischen Fluglinie Air India Express hat diesen Teil der Ausbildung offensichtlich übersprungen. 

Auf dem Weg von Dubai in die südwestindische Stadt Pune wollte der erst 25-Jährige seinen Sitz nach vorne verschieben und geriet dabei an einen Knopf auf der Instrumententafel: Das mit 113 Passagieren besetzte Flugzeug stürzte abrupt mit 26 Grad Neigung in einen Sturzflug.

Anstatt die Maschine wieder in eine normale Flugposition zu manövrieren, tat der Kopilot - nichts. Zum Zeitpunkt des Vorfalls saß er allein im Cockpit, der Kapitän war zur Toilette gegangen. In seiner Panik konnte der junge Pilot noch nicht einmal die Cockpittür öffnen, die aus Sicherheitsgründen von innen verriegelt war.

Mit Hilfe eines Geheimcodes verschaffte sich der Chefpilot schließlich Zutritt und übernahm das Steuer. Hätte die Boeing 737 ihren Sturzflug fortgesetzt, so die indische Luftfahrtbehörde in einer Stellungnahme, wäre sie wohl auseinandergebrochen. Und weiter: Der junge Pilot sei auf den Umgang mit einer solchen Situation nicht vorbereitet gewesen.

Mit Material von AFP

Bei anderen Fluglinien keine Selbstverständlichkeit: das mit Pilot und Kopilot besetzte Cockpit einer Qantas-Maschine

Antitrust Hearing Held On United Continental Airlines Merger

Quelle: AFP

2 / 10

Falscher Pilot

Der Hochstapler machte auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol gerade eine Maschine mit mehr als 100 Menschen an Bord startklar, als die Polizei zuschlug. Mehr als 13 Jahre lange hatte er für verschiedene Fluggesellschaften Passagiere befördert - ohne eine gültige Fluglizenz zu haben.

Der 41-jährige Schwede, der für die türkische Corendon Airlines eine Boeing 737 nach Ankara fliegen sollte, zeigte sich bei seiner Festnahme erleichtert. "Er nahm sich sofort selbst die Kapitänsstreifen auf seiner Uniform ab", sagte ein Sprecher der niederländischen Polizei.

Die Behörden waren durch einen Tipp schwedischer Ermittler auf den Betrüger aufmerksam geworden. Er hatte vor längerer Zeit tatsächlich einen Flugschein gemacht, aber nur für kleinere Privatmaschinen. Wie er es geschafft hatte, auch größere Maschinen zu beherrschen und mit einer gefälschten Lizenz für Verkehrsflugzeuge offensichtlich mehrere Fluggesellschaften in Belgien, Großbritannien und Italien zu täuschen, blieb zunächst unklar.

Mit Material von dpa

Stewardessen an Bord einer Lufthansa Maschine

Quelle: dpa

3 / 10

Wird UA 940 entführt?

"Da schlafen einem ja die Füße ein!" In der Regel klagen Passagiere über die wässrige Flüssigkeit, die in Flugzeugen als Kaffee ausgeschenkt wird - dieses Heißgetränk aber bescherte 255 Menschen an Bord ordentliches Herzklopfen.

Flug UA 940 von United Airlines befand sich auf dem Weg von Chicago nach Frankfurt, als die kanadische Flugsicherung über Funk plötzlich mehrere Notfallcodes aus dem Cockpit empfing - darunter auch das Signal für eine Flugzeugentführung. Sofort wurde auf dem Flughafen Toronto eine Landebahn für die vermeintliche Notlandung gesperrt.

Die Fluggäste erfuhren von technischen Problemen, die den ungeplanten Stopp notwendig machten - doch der wahre Grund stellte sich erst später heraus: Einem Piloten der Boeing 777-200 war der Kaffeebecher entglitten. Die heiße Flüssigkeit hatte sich über die Instrumententafel ergossen und zu einer Reihe von Kurzschlüssen und Fehlfunktionen geführt - unter anderem der Aussendung des Entführungscodes. Erst am folgenden Tag konnten die Passagiere endgültig ihren Flug nach Frankfurt fortsetzen.

Mit Material von dpa

Reise zum Mond?

Quelle: ddp

4 / 10

Ups, zu weit geflogen

Bisweilen tut es gut, die Zeit einfach mal zu vergessen. Sollte man dabei gerade am Steuer eines Airbus A320 mit 147 Passagieren an Bord sitzen, kann es einen den Job kosten.

Die beiden Piloten steuerten eine Maschine der Northwest Airlines auf dem Weg von San Diego nach Minneapolis. Gegen 19 Uhr verlor die US-Flugsicherung den Funkkontakt zu der Maschine: eine Entführung, technische oder medizinische Probleme im Cockpit - gar ein Absturz?

Erst eineinhalb Stunden später kam wieder eine Verbindung zustande - die Piloten waren putzmunter. Eine Auswertung der Cockpitgespräche ergab: Die beiden Kapitäne waren mit ihren Laptops und einer hitzigen Diskussion über neue Dienstplanregelungen so beschäftigt, dass sie Funksprüche überhört, ihre Position aus den Augen verloren und alle Warnsignale ignoriert hatten. Erst 240 Kilometer hinter dem Zielflughafen landeten die Flugzeugführer wieder in der Wirklichkeit, mit für sie drastischen Konsequenzen.

Wegen der langen Funkstille war man bei der Flugaufsichtsbehörde von verschiedenen Szenarien, auch einer Entführung, ausgegangen und hatte die Air Force verständigt. Die Streitkräfte versetzten Kampfflugzeuge an zwei Standorten in Alarmbereitschaft, in Wisconsin stiegen Abfangjäger auf. Sogar das Weiße Haus war über den Irrflug informiert worden.

Die beiden erfahrenen 53 und 54 Jahre alten Piloten brachten das Flugzeug mit einstündiger Verspätung sicher nach Minneapolis und wurden umgehend vom Dienst suspendiert. Inzwischen ist ihnen die Pilotenlizenz entzogen worden.

Mit Material von AP, AFP

Pistole

Quelle: dpa

5 / 10

Und plötzlich knallt ein Schuss

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 durften US-Piloten zu ihrer Sicherheit Waffen im Cockpit mit sich führen - nach psychologischen Tests, einer entsprechenden Einweisung und einwöchigen Ausbildung, um Vorfälle zu vermeiden. Es ist dann doch etwas passiert: Beim Landeanflug eines Airbus A319 auf Charlotte in North Carolina durchbohrte ein Schuss aus der Waffe des Kapitäns die linke Seite des Cockpits. Trotz des Lochs landete das aus Denver kommende Flugzeug sicher, von den 129 Menschen an Bord wurde niemand verletzt.

Von der Fluggesellschaft US Airways gab es kein Statement zur Ursache des Vorfalls, auch der Pilot wurde zum Schweigen verdonnert. US-Air-Marshals erklärten jedoch, dass sich aus der mitgeführten halbautomatischen Pistole vom Typ Heckler & Koch USP unmöglich von selbst ein Schuss hätte lösen können. "Eine ordnungsgemäß verstaute Waffe feuert nicht von selbst, da muss jemand mit der Waffe hantiert haben", hieß es in US-Medien.

Kind im Cockpit

Quelle: iStock

6 / 10

Mini-Lotse

"Adios, Amigo!" piepst die Stimme aus dem Äther, "Jet Blue 171, Sie können starten!" Auch zwei weitere Maschinen auf dem Kennedy-Flughafen in New York bekommen Startfreigaben in ungewohnter Stimmlage zu hören. Kein Wunder, das zarte Stimmchen gehört einem etwa zehnjährigen Kind!

Auf der Aufnahme aus dem Tower, die von US-Fernsehsendern ausgestrahlt wurde, hört man im Anschluss an die Kommandos eine Männerstimme, die sagt: "So ist das, Leute, wenn die Kinder schulfrei haben."

Die US-Luftverkehrsbehörde FAA zeigte kein Verständnis für die Nöte berufstätiger Väter: Die verantwortlichen Fluglotsen wurden suspendiert.

Mit Material von AFP/AP

Dieser Knirps hat es (als Besucher) sogar bis ins Cockpit geschafft - wobei seine Kommandos jedoch ins Leere laufen dürften.

-

Quelle: AP

7 / 10

Zu tief ins Glas geschaut

Zehn Stunden vor einem Flug dürfen Piloten keinen Alkohol mehr trinken. Trotzdem kommt es immer wieder vor, dass sich Flugzeugführer alkoholisiert ins Cockpit setzen wollen. Passagieren in Russland gelang es erst nach heftigen Protesten - und dank der guten Verbindungen zweier Journalistinnen - einen beschwipsten Kapitän gegen einen nüchternen Kollegen auszutauschen.

Unverständlich lallend hatte sich der Pilot vor dem Abflug einer Aeroflot-Maschine in Moskau mit Flugziel New York aus dem Cockpit zur Begrüßung gemeldet. "Man merkte nicht mal, welche Sprache er sprach", berichtete ein Fluggast. Die Passagiere beschwerten sich so hartnäckig, dass schließlich ein Aeroflot-Vertreter an Bord erschien. Sein Versuch, die aufgebrachten Reisenden zu beruhigen, erscheint jedoch fast so fragwürdig wie das Verhalten des angeheiterten Kapitäns: "Es ist doch keine große Sache, dass er betrunken ist", argumentierte der Abgesandte der Fluggesellschaft. Schließlich müsse der Pilot nur einen Knopf drücken - und der Jet fliege von selbst.

Dank der guten Kontakte einer russischen Fernsehjournalistin wurde dann jedoch die Auswechslung des Piloten angeordnet, das Flugzeug konnte mit zehnstündiger Verspätung abheben. Die Fluggesellschaft konnte auch im Nachhinein keinen eigenen Fehler feststellen: Der Kapitän sei nicht betrunken gewesen, die Passagiere wären in "Massenhysterie" verfallen. Russischen Medien zufolge hatte der Pilot am Abend vor dem Abflug seinen Geburtstag gefeiert.

Mit Material von AFP

Tarifstreit legt Flugzeuge lahm

Quelle: ddp

8 / 10

Sind so viele Knöpfe

War es ein Versehen oder Unkenntnis? Als der Kopilot einer All-Nippon-Airways-Maschine seinem von der Toilettenpause zurückkehrenden Kapitän die Cockpit-Tür mit Hilfe eines Drehknopfs am Instrumentenpanel öffnen wollte, erwischte er nach Angaben der Fluggesellschaft den falschen Knopf - den für die Seitenrudertrimmung. Die Boeing 737 mit 117 Fluggästen an Bord neigte sich in einen Sturzflug, die Maschine drehte sich halb um die eigene Achse und verlor innerhalb von 30 Sekunden 1900 Meter an Höhe. Zum Glück gelang es der Crew, das Flugzeug zu stabilisieren und schließlich sicher zu landen.

Zwei Flugbegleiter wurden leicht verletzt, mehrere Passagiere mussten sich übergeben. Andere hingegen hätten gar nichts mitbekommen, so die japanische Flugaufsichtsbehörde, die eine Video-Simulation des Sturzflugs veröffentlichte. Der Vorfall habe sich auf einem Nachtflug von Südjapan nach Tokio über dem Pazifik ereignet, müde Fluggäste hätten den Achterbahn-Moment schlicht verschlafen.

Mit Material von dapd

Ratgeber Familie: Ausgeschlafen zum Erfolg

Quelle: ddp

9 / 10

Eingeschlafen hinterm Steuerknüppel

Seine Probleme mit dem Blutdruck bekam ein Pilot der israelischen Fluggesellschaft El Al in der Regel ganz einfach in den Griff: Er nahm eine Tablette und die Beschwerden besserten sich. Doch dieses Mal griff er aus Versehen zur falschen Schachtel - der mit den Schlaftabletten.

Auf dem Flug von Kiew nach Tel Aviv kämpfte der Kapitän mit der einsetzenden Müdigkeit, schließlich fielen ihm die Augen zu. Sein Kopilot übernahm das Flugzeug und landete die Boeing 737 mit etwa 100 Passagieren an Bord.

Dass Piloten wegen falscher Medikamente hinter dem Steuerknüppel einschlafen, ist wohl eher die Ausnahme. Doch eine Befragung von 389 Linienpiloten in Norwegen ergab: Jeder Zweite von ihnen war schon einmal während der Arbeit eingenickt, ohne den Kopiloten gewarnt zu haben. Einige erklärten, dass ihnen dies schon häufiger passiert sei.

Auch die deutsche Pilotenvereinigung Cockpit kam in einer Befragung ihrer Mitglieder zu alarmierenden Ergebnissen: 36 Prozent der Piloten gaben an, im Cockpit eingeschlafen zu sein. 90 Prozent der Flugkapitäne führten einen Fehler im Dienst auf Übermüdung zurück.

Schuld an den hohen Prozentsätzen, so die Pilotenvereinigung, seien die geltenden europäischen Flugdienstzeitregelungen. Diese sollen 2013 geändert werden - allerdings zum weiteren Nachteil der Piloten. Schon jetzt seien die aktuellen Bestimmungen für Ruhe- und Wachzeiten nicht akzeptabel, so Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg. Das neu geplante Dienstmodell gestatte unter Umständen sogar Wachzeiten von mehr als 21 Stunden, bei Bereitschaftsdiensten sogar über mehr als Stunden.

Mit Material von AFP

In anderen Berufen gibt es für ein Nickerchen am Arbeitsplatz maximal eine Schelte vom Chef - fallen einem jedoch als Pilot die Augen zu, wird es für die Passagiere lebensgefährlich.

Tegel Airport To Close In 2012

Quelle: Getty Images

10 / 10

Tower, bitte aufwachen!

Auch Fluglotsen sind vor Übermüdung während langer, einsamer Nachtschichten nicht gefeit. So geschehen auf einem Flughafen von Washington D.C.: Es war kurz nach Mitternacht, als der Pilot einer Passagiermaschine der American Airlines versuchte, mit dem Tower auf dem Inlandsflughafen Reagan National Airport Kontakt aufzunehmen - ohne Erfolg. Die Lotsen einer regionalen Leitstelle in Virginia probierten es ebenfalls - vergebens.

Schließlich landete die Boeing 737 mit 97 Menschen an Bord im zweiten Anlauf auf eigene Faust und ohne Freigabe vom Tower, genauso wie eine Maschine der United Airlines eine Viertelstunde später. Angestellte der Airlines lotsten die Flugzeuge zu den richtigen Gates.

Erst 30 Minuten danach meldete sich der Lotse wieder im Funkverkehr, dabei hatten die Kollegen in Virginia sogar versucht, ihn über die shout line aufzuwecken: Die Lautsprecher-Verbindung reicht direkt zum Arbeitsplatz der Fluglotsen.

Die US-Luftfahrtbehörde FAA suspendierte den Lotsen, einen langjährigen Mitarbeiter mit Leitungsfunktion. Nun soll die personelle Besetzung kleinerer US-Flughäfen während der Nachtstunden überprüft werden. In der Regel tut dort zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens nur ein Lotse Dienst.

Mit Material von dapd

© sueddeutsche.de/jobr
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema