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Norwegen:Übers Wasser sehen

Der norwegische Abenteurer Børge Ousland hat sich einen Südseetraum im Norden erfüllt. Er besitzt nun eine Insel, die er mit Gästen teilt.

Die Kinder rennen auf das Boot zu, kichern und lachen und entern den stolzen Trimaran. Es ist September 2010, die Northern Passage hat gerade das südgrönländische Aappilattoq erreicht, und die vier bärtigen Männer an Bord lassen die Kinder auf der Bespannung herumhüpfen, als sei das Boot ein Trampolin. Es ist das Jahr, in dem die Northern Passage als erstes Boot die Nordost- und Nordwestpassage in einer Saison durchsegeln wird, einmal rund um den Nordpol - ein Meilenstein in der Seefahrtsgeschichte, absolviert in Rekordzeit. Darunter macht es Børge Ousland nicht.

Extreme Segelei, die Besteigung von Achttausendern, Nordpol-Expeditionen auf Skiern, solo, von Sibirien aus, unter anderem auch im Winter, was vor ihm als unmöglich galt - der Norweger ist einer der verwegensten Abenteurer unserer Zeit. 54 Jahre ist Ousland jetzt alt. Im vergangenen Jahr hat er sich in seiner Heimat eine Insel gekauft. Zur Ruhe setzen will er sich dort aber nicht: Er hat ein Urlaubsresort darauf gebaut. Manshausen heißt die Insel, sie gehört zur Kommune Steigen, die jenseits des Polarkreises in der Provinz Nordland liegt. "Ich liebe die großartige Natur Nordnorwegens schon immer", sagt er. "Und es fühlt sich toll an, eine eigene Insel zu besitzen."

Rot-weiße Ferienhäuschen und Blümchengeschirr: Genau das haben sie hier nicht gemacht

Diese karge, windumwehte Gegend beschaulich zu nennen, ist noch untertrieben. Drei Einwohner leben hier pro Quadratkilometer, und es werden immer weniger. Auf Ouslands Insel lebt so richtig niemand, sein Sohn Max betreibt die Anlage, zwei Frauen - Margretha Flatland und Solveig Jacobsen - helfen mit, zum Beispiel bei den Kajak- und Wandertouren. Platz ist für etwa 20 Gäste, daneben gibt es neun wollig-runde Schafe, die auf ihren dünnen Beinen umherstaksen und die Insel mähen. Ansonsten bewegt sich hier nur das Gras im Wind. Ein Ort, wie gemacht, um einige rot-weiße Skandinavien-Ferienhäuschen darauf zu klecksen, Blümchengeschirr inklusive. Genau das aber hat Børge Ousland nicht getan. Er hat den Architekten Snorre Stinessen engagiert, und der hat vier Kuben auf die Insel gestellt, halb aus Glas, halb aus Holz, eigens für Manshausen entwickelt. In diesen sitzt man nun über dem Wasser, mit Blick auf ein paar Fische direkt unter den Füßen und auf die Lofotenkette, die draußen im Meer liegt. Diese "Sea Cabins" heißen, passend zu Ouslands Abenteuern und ihrer Lage auf der Insel: Sydpolen, Nordpolen, Svalbard (Spitzbergen) und Everest. Everest thront auf dem etwa zehn Meter hohen Gipfel der höchsten Erhebung der Insel. "Genau so wollte ich die Cabins haben", sagt Ousland. "Wenn du in einer der Cabins bist, bist du trotzdem Teil des Meeres und der Berge. Du bist auf sehr komfortable Weise drinnen und doch draußen." Die Kuben wurden mit Preisen überhäuft, sobald sie aufgestellt waren: Gleich vier von zehn der norwegischen Architektur-Oskar-Kategorien gingen 2016 an Stinessen.

Das Haupthaus ist ein umgebautes altes Farmgebäude; hier essen die Gäste gemeinsam an massiven Holztischen. Im ersten Stock stehen Bronzeskulpturen der norwegischen Polarhelden Fridtjof Nansen und Roald Amundsen, auf dem Boden liegt ein Eisbärenfell und in einer Ecke lehnt ein Narwalzahn. Meterlange Bücherregale sind gefüllt mit nahezu allem, was es über die Polargebiete zu lesen gibt. Sollte es regnen, kann man hier einige Jahre mit der Lektüre zubringen. Mit Regen ist aber nicht zu rechnen. Das erste, was Margretha Flatland sagt, als sie uns von Nordskot nach Manshausen übersetzt, ist: "In Manshausen gibt es kein schlechtes Wetter."

Daran erinnert man sich, als man tags darauf im Kajak durch die Inselchen schnürt und schwarzblaue Wolkentürme am Horizont einen eindrücklichen Kontrast zum tiefen Festlandgrün bilden. Mit dem Kajak erreichen wir nach drei Stunden einen Sandstrand, an dem in den nächsten zwei Stunden nur ein Seeadler vorbeikommt. Das Wasser ist so türkis wie in der Karibik, am weißen Strand liegen grüne, blaue und lilafarbene Seeigel und dazwischen viele Korallen. Max Ousland empfiehlt zu schnorcheln: "Hier ist die kalte Version von Thailand", sagt er. Dabei ist es gar nicht so kalt. 14 Grad hat das Wasser und die Luft in der Sonne fast 20. Auf dem Rückweg treffen wir auf zwei Schweinswale. Sie begleiten uns eine Weile, aber dann sind wir ihnen doch zu lahm.

Ouslands Plan, aus Manshausen ein Abenteuer-Resort zu machen, wollen gar nicht alle Gäste umsetzen. Man könnte jetzt das Abendessen erjagen oder einen Berg erklimmen - aber es ist auch schön, sich in leichter Trägheit dieser Sommerinsel hinzugeben. Bisweilen ist es vollkommen still, manchmal knabbert ein Fischschwarm am Seegras. Oder man hört Solveig Jacobsen laut darüber nachdenken, wie wohl der Zaun aussehen könnte, der die Schafe von dem Kartoffelfeld fernhält.

SZ-Karte

In Manshausen kann man auch in einem Fischerboot schlafen und in der Northern Passage, die am Pier liegt. An einer Seite klafft ein Loch. Margretha Flatland blickt betreten darauf. "Das ist mir beim Anlegen passiert", sagt sie. "Das Boot hat es um den Nordpol geschafft, und dann fahre ich hier ein Loch rein." Ousland nimmt die Blessur gelassen. "Wenn man keine Fehler macht, lernt man nichts." Der Vorratsraum des Trimarans ist heute ein Schlafplatz, in dem man zu zweit Platz findet, wenn man beweglich ist und sich mag. Dass die Männer auf dem engen Raum zu viert 100 Tage verbracht haben: Respekt!

In der letzten Nacht kommt dann doch noch ein Sturm. Er fegt um das Glashaus, lässt schwere Tropfen auf das Dach klopfen. Das Wasser ist jetzt nicht mehr karibikgrün, es ist atlantikschwarz. Die Sonne verschwindet für zwei Stunden hinter dem Horizont, hinterlässt dort aber einen roten Streifen. Margretha Flatland hat recht behalten: Es gibt kein schlechtes Wetter in Manshausen.

Hinweis der Redaktion

Die Recherchereisen für diese Ausgabe wurden zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.