Städtereise-Serie "Bild einer Stadt" Wie tickt ... New York?

New York, New York

(Foto: Rob Bye/Unsplash.com; Illustration Jessy Asmus)

Halten New Yorker mal inne, dann nie ohne Grund - meist stehen sie für den neuesten Trend an: Etwa wenn sie den Tag zur Nacht machen. In unserer neuen Serie verraten SZ-Korrespondenten Tipps für ihre Stadt.

Von Johanna Bruckner

Eine Stadt zu bereisen, bedeutet nicht nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Sondern einen Blick in ihre Seele zu werfen - und dabei schöne Orte kennenzulernen, die auch Einheimische lieben. Wir haben unsere SZ-Kollegen in fernen Metropolen gebeten, "ihre" Stadt anhand eines Fragebogens zu präsentieren. Diesmal verrät Johanna Bruckner, wofür New Yorker geduldig Schlange stehen, was es mit "Day Drinking" auf sich hat und wie Sie eine der wichtigsten Straßen im Big Apple richtig aussprechen.

Was ist das Besondere an dieser Stadt?

In New York werden Trends geboren. Während anderswo noch wild getindert wird, hängen im hippen Williamsburg Flugblätter an Laternenpfosten und öffentlichen Briefkästen: "Ich suche eine Freundin. Das ist kein Witz. Ich habe einfach keine Lust mehr auf die Single-Szene und hoffe, so die richtige Person zu treffen." Wisch und weg war gestern, die Zukunft der Liebe gehört der abreißbaren Telefonnummer.

Eines aber bleibt: New York ist die Stadt der Gegensätze. An der Wall Street werden Millionen gewonnen und verloren, komplett virtuell. Anderswo werden Mieten jeden Monat cash in Kellern mit niedrigen Decken bezahlt. Hier glitzern die Hochhäuser in der Sonne, dort stinkt der Müll auf den Straßen. Alle arbeiten viel, je nach Lohn wird auch ausgiebig gefeiert - wie viele Stunden hat noch mal ein Tag? Arm trifft auf Reich, Schön auf Hässlich, Verzweifelt auf Überglücklich. Big Apple - little wonder. Viele haben die Stadt besungen, Frank Sinatra, natürlich, und auch die großartige Alicia Keys in ihrem Hit "Empire State of Mind": These streets will make you feel brand new / Big lights will inspire you / Hear it for New York, New York, New Yooork!

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Und wie ticken die Einwohner?

Es gibt ein höchst unterhaltsames Etikette-Büchlein für New York, geschrieben von Nathan Pyle, der einst aus dem vergleichsweise dörflichen Ohio hierher zog. Sein Fazit nach sechs Jahren: Es gibt eigentlich nur eine Sache, die New Yorker wirklich nicht abkönnen - nämlich Leute, die sinnlos im Weg herumstehen. Um mit Herbert Grönemeyer einen Sänger zu zitieren, der zwar keine Hymne auf New York geschrieben hat (sondern auf Bochum), aber das Lebensgefühl der Einwohner trotzdem zu kennen scheint: Stillstand ist der Tod, geh voran, bleibt alles anders. Was New Yorker dagegen sehr gut können: sinnvoll herumstehen, nämlich in einer Warteschlange (für angesagte Restaurants, angesagte Partys, angesagte Klamottenläden, you name it), in Sportbekleidung den kompletten Alltag bestreiten, brunchen, wunderbar kreative, tolerante und hilfsbereite Menschen sein.

Wie kommt man am besten mit ihnen in Kontakt - und wo?

In der Regel reicht es, ein wenig verloren auszusehen. Dabei wichtig: nicht an einem Fußgängerknotenpunkt wie beispielsweise einem U-Bahn-Aufgang stehen bleiben (siehe: Wie ticken die Einwohner?). Lieber mit dem Reiseführer in der Hand einen Schritt zur Seite treten - Sie werden garantiert angesprochen. Dann einfach mal fragen, wo man abends gut hingehen kann, abseits jener Restaurants und Bars, die in sämtlichen Reiseführern angepriesen werden. Sie werden vermutlich nicht zweimal dieselbe Antwort bekommen, aber mit etwas Glück eine Einladung auf ein Rooftop in Brooklyn. Weitere Spots mit hoher Stadtbewohnerdichte: hochpreisige Supermärkte, Waschsalons, Pilates- und Yoga-Studios, U-Bahnen, 24-Stunden-Drogeriemärkte.

Wohin gehen Einheimische ...?

  • zum Frühstücken: BLVD Bistro in Harlem, 239 Lenox Avenue (Malcolm X Boulevard). Hier gibt es samstags Frühstück von 9 bis 16 Uhr, sonntags von 10 bis 18 Uhr (speziell am Wochenende gilt: unbedingt reservieren!). Serviert wird "American Soulfood", "Buttermilk Biscuits and Sausage Gravy" (die amerikanische Variante der englischen Scones, dazu dicke Soße mit grober Wurst), "Crab Cake Benedict" (eine Art Krabben-Bulette mit pochierten Eiern und Sauce Hollandaise) und "Seven Cheese Macaroni" (das amerikanische Nationalgericht geht zu jeder Tageszeit). Schmecken lassen sich das sowohl herausgeputzte Kirchgänger als auch Hipster im Wühltisch-Chic.
  • zum Mittagessen: Harry & Ida's Meat and Supply Co., 189 Avenue A. Der gestresste New Yorker hat keine Zeit für einen ausgedehnten Lunch. Für die schnelle Gaumenfreude zwischendurch: Pastrami-Sandwich mit "Krautsalat" aus sauren Gurken, Sardellen-Senf und frischem Dill, dazu eine kleine Tüte Chips - und die nächsten 25 000 Schritte auf der Fitness-Uhr können in Angriff genommen werden.
  • am Feierabend: Nach der Arbeit ist vor dem ersten Drink. Im Sommer nimmt man den in einer der unzähligen Rooftop-Bars (zum Beispiel "Jimmy" im The James Hotel, 15 Thompson Street in Manhattan). Hier sind alkoholische Getränke meist noch ein bisschen teurer als sowieso schon. Aber die schmerzhaften Preise sind schnell vergessen. Nicht der Alkohol macht selig, sondern der Ausblick. Alternative für Herbst und Winter: Kaltes Bier schmeckt bei jeder Außentemperatur und besonders gut in Brooklyn, wo die meisten New Yorker Brauereien beheimatet sind. Bei "Randolph Beer" in Williamsburg (104 S 4th Street) zapft der Gast selbst - an der Bierbar. Einfach Bier auswählen, Kreditkarte durchziehen und laufen lassen.
  • in der Nacht: Wer wirklich hip sein will, macht den Tag zur Nacht. "Day Drinking" ist ein großes Thema in New York, besonders am Wochenende: Die meisten Brunch-Karten weisen spezielle Tagescocktails aus - mindestens aber sind "Mimosa" und "Bloody Mary" im Angebot. So gestärkt kann die Party bei Tageslicht kommen: Das "Output" in Williamsburg (74 Wythe Avenue) wurde jüngst unter die besten zehn Clubs Amerikas gewählt - hier wird unter freiem Himmel zu elektronischer Musik getanzt. Und auf der anderen Seite des East River wippt Manhattan mit. Für alle, die über eine crazy New York experience berichten wollen (und nichts gegen Anstehen und ein paar andere Touristen haben): Im "Le Bain" im Meatpacking District/West Village (Standard Hotel, 848 Washington Street, direkt unterhalb der High Line) gibt es auf der Tanzfläche einen Whirlpool - und immer etwas zu gucken.

Was finden die Menschen in dieser Stadt gar nicht komisch?

Wie gesagt: dumm rumstehen. Außerdem: sich schlauer geben, als man ist. Die "Houston Street" ist eine der zentralen Straßen in Lower Manhattan. Sie trennt SoHo von NoHo und ist gleichzeitig Namensgeberin der beiden Viertel: "SoHo" steht für "South of Houston Street", NoHo für "North of Houston Street". Wer mit diesem Wissen angeben will, sollte allerdings vorsichtig sein: Die Straße wird nämlich nicht wie im berühmten Weltraum-Zitat ausgesprochen ("Houston, wir haben ein Problem"), auch nicht wie die bekannte Sängerin oder das lästige Kratzen im Hals. Sondern: Houston wie "Hausten". Wer das nicht beachtet, steht nicht nur vor den Mitreisenden dumm da - sondern auch vor mithörenden New Yorkern.

Und wofür werden sie den Urlauber aus Deutschland lieben?

Für seinen Hang zur Regelübererfüllung: Der deutsche Urlauber gibt lieber zu viel Trinkgeld, als etwas falsch zu machen. Übrigens auch dann noch, wenn er schon eine Weile hier lebt und es eigentlich besser wissen müsste. (Tipp, um den Geldbeutel zu schonen: Auf den meisten Rechnungen wird die Tax aufgeführt - die einfach verdoppeln, das entspricht etwa 17 Prozent.)