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Neuseeland:"Manche Touristen sind dreist"

An image of the very steep Baldwin Road in Dunedin New Zealand *** An image of the very steep Baldwi

Jetzt keinen Einkaufswagen loslassen. Die Baldwin Street ist für die Anwohner, für ganz Dunedin, Fluch und Segen zugleich.

(Foto: Markus Gann/imago/Chromorange)

Manch ein Hausbewohner winkt freundlich aus dem Garten auf die Straße. Viele Neuseeländer machen nichts lieber als ein Schwätzchen mit Besuchern von "da oben" abzuhalten, von der anderen Hälfte der Erdkugel. Sie amüsieren sich darüber, wie sich alle die Straße hinaufquälen. Anderen Baldwin Street-Bewohnern ist die Gastfreundschaft abhanden gekommen. Foto-Verbotsschilder kleben an ihren Gartenzäunen.

"Manche Touristen sind dreist", sagt Ashraf, "sie klettern über die Gartenzäune, um sich besser mit Straße fotografieren zu können." 300 Menschen besuchen täglich die Baldwin Street, heißt es offiziell. "Zu Höchstzeiten sind es mindestens 8000", sagt Ashraf.

Die Rekordstraße ist gut für Rekorde, Freaks und Tragödien: Manche quälen sich auf Inlineskates rauf, einer hat's im Einrad geschafft. Der Bayer Thomas Hugenschmidt stellte mit seinem Fahrrad bergab den Geschwindigkeitsrekord von 117,3 Stundenkilometern auf. Ein verrückter Amerikaner im Jesuskostüm schleppte ein Kreuz hinauf und verkündete oben das Wort Gottes. Einmal im Jahr findet ein Stelzenrennen statt. Eines nachts setzten sich zwei betrunkene Studenten, ein Junge und ein Mädchen, in eine Mülltonne und rollten damit hinab. Sie prallten gegen einen Anhänger. Das Mädchen starb.

Der Umzugslaster rollte, Ashkon Ashraf ließ den Karton sofort fallen, stolperte auf die Straße hinaus. "Achtung!", rief er. Dann: "Hilfe!"

Eintrittsgeld wäre eine Kapitulation

"Wir haben versucht, das Chaos auf der Straße einzudämmen", sagt Michael Harrison, der jahrelang in der Stadtverwaltung von Dunedin für Verkehrswesen und damit auch die für Baldwin Street zuständig war. "Wir haben Toiletten aufgestellt, Verbotsschilder, damit niemand in die Gärten pinkelt. Wir wollen die Straße nicht sperren, keinen Eintritt verlangen. Das wäre eine Kapitulation. Dann wäre die Straße ein Stück Disneyland." Die Bewohner, sagt Harrison, seien hin- und hergerissen.

Einerseits sind ihre Vorfahren im 18. Jahrhundert hierher gekommen, um ihre Ruhe zu haben. Andererseits war es irgendwann so ruhig, dass man stolz war auf die steile Baldwin Street und sogar den Rummel, den sie anzog. Manche sehnen sich nach den alten Zeiten, als sie die Straße noch für sich hatten. Andere hält das nicht davon ab, ihr Geschäft mit den Touristen zu machen. Auch Ashraf versucht sein Glück. Sein zur Backpacker-Herberge umgewandeltes Haus ist stets ausgebucht. Nun plant er, eine Kamera zu installieren. Für Facebook. Blick auf die Straße, Tag und Nacht.

Ashkon Ashraf wohnt inzwischen ein paar Straßen weiter. Immer noch steil. Aber nicht ganz so steil. Kein Problem für Handbremsen. Damals, so erzählt er die Geschichte seines Einzugs zu Ende, habe er Glück gehabt. Der Laster krachte nach wenigen Metern in den Zaun eines Nachbarn.

© SZ vom 03.01.2019/kaeb
Maori bearbeitet

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