bedeckt München 24°

Nepal:Das Wunder von Bandipur

Nepal Bandipur

Auch Nepalesen schätzen den Ort wegen seiner klaren Luft als Sommerfrische.

(Foto: Samrat Khadka/Unsplash)

Der kleine Ort in Nepal ist freiwillig autofrei - obwohl es eine Straße gibt. Aber die Bewohner hatten keine Lust mehr auf Dreck und Lärm.

Hähne krähen, eine Tempelglocke ertönt. Gut, gelegentlich bellt ein Hund, aber ansonsten: Stille. So beginnt der Tag in Bandipur, einem Dorf in Zentralnepal. Ringsherum steil abfallende, terrassierte Hänge, auf denen Gemüse, Mais und Hirse wachsen. Das Klima ist mediterran, Orangen und Pfirsiche gedeihen hier auch. Die Menschen bestellen das Land wie eh und je mit Ochsen und Wasserbüffelgespannen.

Ist das schon das Nirwana? Zumindest wähnt man sich nach dem Lärm in Kathmandu in der kleinen, auf 1030 Metern gelegenen Gemeinde fast wie im Paradies. Freilich, der Weg dorthin ist steinig und mühsam. Der Highway 4, der Kathmandu mit Pokhara verbindet, ist ein harter Test für Nerven, Ohren und Bandscheiben. Was heißt schon Highway: Auf der engen, abschüssigen Bergstraße drängen sich Autos, Motorräder, grellbunte Busse und Trucks. Sie sorgen, wie auf allen Straßen des Landes, für eine immerwährende Kakofonie aus Hupen, kreischenden Bremsen und röhrenden Auspuffen.

Seit dem verheerenden Erdbeben von 2015 herrscht rege Bautätigkeit. Es qualmt aus den Schloten archaischer Backsteinfabriken, die unentwegt Nachschub für die Baustellen im Ballungsgebiet im Kathmandutal produzieren. Und China baut auch in Nepal emsig an der neuen Seidenstraße, was weitere Engstellen und Umleitungen nach sich zieht und die ohnehin dicke Luft in den tieferen Lagen weiter verpestet.

Reisequiz Was wissen Sie wirklich über den Mount Everest?
Reisequiz der Woche

Was wissen Sie wirklich über den Mount Everest?

Vor 40 Jahren bezwangen Reinhold Messner und Peter Habeler den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff. Wie dünn ist dort oben eigentlich die Luft? Und wie heißt der Berg auf Tibetisch? Testen Sie sich auf die Schnelle in sieben Fragen.

Deshalb mutet das autofreie Bandipur an wie ein kleines Wunder. Nepalesen schätzen den Ort wegen seiner klaren Luft als Sommerfrische. Auch Rucksacktouristen lassen hier gerne nach einem Trekking im Himalaja ihren Urlaub ausklingen.

"Bandipur ist die einzige Ortschaft in Nepal, die Autos aus ihren Straßen verbannt hat", sagt Ram Sharan Shrestha. Er ist Hotelmanager im Old Inn. Mit seinen kunstvollen Holzschnitzereien, niedrigen Decken, vielen Treppen und Innenhöfen ist das Old Inn ein prachtvolles Beispiel für den Newari-Baustil. Die Mehrheit der Dorfbewohner gehört zum Volk der Newari, die hervorragende Handwerker und Händler sind.

Sicher, Shrestha unterschlägt, dass es auch im Hochgebirge viele Dörfer gibt, die autofrei sind, notgedrungen, weil keine Straßen dorthin führen. Doch die Bürger von Bandipur haben vor gut zehn Jahren bewusst entschieden, den Verkehr auszusperren aus dem historischen Ensemble von gut erhaltenen Häusern, Geschäften und Tempeln. "Die Leute waren genervt vom Verkehr", sagt Shrestha rückblickend. Von fünf Uhr früh bis spät in die Nacht verstopften Fahrzeuge die Hauptstraße.

Der Parkplatz liegt außerhalb. Von dort müssen auch die Touristen zu Fuß weitergehen

Für Autos und Lieferwagen ist auf einem 50 Meter tiefer gelegenen Parkplatz am Ortsrand Endstation. Von hier gehen die Menschen zu Fuß, Warenlieferungen werden mit Sackkarren oder auf dem Rücken ins Dorf gebracht. Bhatta Devi arbeitete viele Jahre als Träger bei Trekkings im Hochgebirge. 40, 45 Kilo habe er als junger Mann zum Everest-Basecamp geschleppt. Nun ist er Koch im Old Inn, "eine gute Arbeit", sagt er. Jetzt trägt er nur noch die Rucksäcke ankommender Touristen vom Parkplatz ins Hotel.

Die Neuankömmlinge staunen: Eine Steinschwelle blockiert die Zufahrt in den Ort. Auf der großen Basarstraße und in den kleinen Gassen lärmen und spielen Kinder, Bewohner machen Besorgungen oder unterhalten sich auf den Bänken vor dem Tempel. Die alten Holzhäuser stammen aus der Zeit, als Bandipur noch eine wichtige Station auf der Handelsroute von Tibet nach Nordindien war. Wo wohlhabende Kaufleute lebten, sind nun Cafés, kleine Läden, Garküchen, Schneidereien und Schuhmacher eingezogen. Bei Sonnenuntergang blicken die Touristen von den Dachterrassen auf die weißen Gipfel des Himalaja, der von hier nur eine ferne Ahnung ist.

Heute liegt Bandipur ein wenig abseits von den wichtigen Verkehrsverbindungen. Das führte zunächst zu einer Verarmung der Stadt, es fehlte an Geld für Neubauten. Die Ruhe und die intakte alte Bausubstanz erweisen sich nun als Vorteil. "Heute ist Bandipur ein Vorbild für andere Orte in Nepal", sagt Hotelmanager Shrestha. Ein Schritt zurück ist manchmal ein Fortschritt.

Der Veranstalter Erlebe Fernreisen bietet Bandipur als Modul einer individuellen Nepal-Reise an. Zwei Nächte im Hotel Old Inn kosten von 170 Euro p. P. an, im DZ mit Frühstück und Tageswanderung mit Guide, www.erlebe-fernreisen.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Tourismus Abschied vom Himalaja

Tourismus in Nepal

Abschied vom Himalaja

1864 Kilometer, fünf Paar Schuhe und die Gewissheit, eine bedrohte Welt zu durchlaufen: Peter Hinze ist durch das höchste Gebirge der Erde gewandert. Er musste lernen: Das Nepal, das man kennt, gibt es bald nicht mehr.   Interview von Jochen Temsch