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Reisepionierin Nellie Bly:"Alles war schmutzig"

So schreibt sie etwa über Chinesen im kolonialisierten Hongkong:

"Die Stadt schien insgesamt in einem unsauberen Zustand zu sein. Die Straße war schmutzig, die Gruppen von Einheimischen, die wir trafen, waren schmutzig, die Häuser waren schmutzig, die zahllosen Boote, die an den Anlegeplätzen lagen und unweigerlich mit schmutzigen Menschen überfüllt waren, waren schmutzig, und unsere Träger waren schmutzige Gesellen, deren unsaubere Zöpfe um ihre halbrasierten Schädel geschlungen waren."

In Ägypten war sie mit ihrem Mitgefühl ganz am Ende - auch wenn sie anders als die anderen Schiffsreisenden davon absah, mit Stöcken und Schirmen nach allzu eifrigen Fuhrleuten, Bootsführern und Bettlern zu schlagen:

"Wir sahen eine große Anzahl von Bettlern, die ihrem Gewerbe gemäß jammernd und mit ausgestreckten Händen ihre Bitten hervorbrachten, aber sie waren nicht so aufdringlich und lästig, dass es erforderlich wurde, ihnen statt Almosen den Stock zu geben. Die Mehrheit dieser Bettler wies derart abstoßende Formen des Leidens auf, dass sie, anstatt wie üblich mein Mitgefühl zu erregen, eine verhärtende Wirkung auf mich hatten. Sie schienen uns ihre Missbildungen geradezu ins Gesicht zu halten, damit wir ihnen Geld gäben, um uns ihre Abwesenheit aus unseren Blicken zu erkaufen."

Mit ihrer Reise zeigte Nellie Bly also nicht nur, dass man mit den damals modernen Transportmitteln in Rekordzeit um den Globus rasen konnte - und dass die Welt auch alleinreisenden Frauen offenstand. Zugleich lässt sich an ihrer eigenen Person ablesen, mit welcher Arroganz und Verachtung die Vertreter von Kolonialmächten Ende des 19. Jahrhunderts den Menschen in den von ihnen unterdrückten Ländern begegneten.

Allerdings: Nellie Bly verfasste ihren Reisebericht in dem ihr eigenen lakonisch-bissigen Stil. Es fehlt zwar eine klare Kritik an zum Teil menschenunwürdigen Zuständen in den britischen Kolonien, die sie im Detail schildert. Doch wird der reisenden Reporterin im Nachhinein auch wegen einiger Textpassagen Rassismus und "menschenverachtende Ignoranz" vorgeworfen. Möglich ist das, möglich ist aber auch: Ironie, die eher versteckt auf Missstände hinweist. Wie sie in folgender Passage vielleicht zu finden ist:

"Ich hatte der Versuchung widerstanden, in Port Said einen Jungen zu erstehen, und ich hatte auch den Wunsch unterdrückt, in Colombo ein singhalesisches Mädchen zu kaufen, doch als ich (in Singapur) den Affen sah, schwand meine Willensstärke dahin, und ich begann sogleich, um den Affen zu handeln. Und ich bekam ihn."

Eine Kritik am Rande, die durchaus deutlicher hätte ausfallen dürfen. Doch wer Nellie Bly für dieses Versäumnis als Rassistin brandmarkt, tut der Weltreisenden womöglich unrecht.

Nellie Bly (1864-1922)

Elizabeth Jane Cochran(e) - das "e" hängte sie später selbst an ihren Geburtsnamen - war das 13. und jüngste Kind eines Richters in Pennsylvania. Ihr Vater starb, als sie sechs Jahre alt war; der Stiefvater brachte das Erbe durch. So war kein Geld da, um Elizabeth eine Ausbildung zur Lehrerin zu finanzieren. Umso glücklicher war die Fügung, dass Elizabeth nach einem Leserbrief zur Reporterin des Pittsburgh Dispatch wurde. Dort erhielt die 20-Jährige ihren Künstlernamen Nellie Bly. Nach ihrer Weltreise für die New York World hielt sie zahllose Vorträge und hatte nach "Around the world in 72 days" einen Vertrag mit einem Verlag - doch kein weiteres Buch erschien.

1895 heiratete Nellie Bly überraschend - vor allem für die Familie des Bräutigams - nach zwei Wochen Bekanntschaft den 40 Jahre älteren Stahlbaron Robert L. Seaman. Nach dessen Tod übernahm sie den Betrieb. Als Journalistin hatte sie stets kritisch über harte Bedingungen für Arbeiter berichtet, in der Stahlfirma verbesserte sie diese nun: Sie richtete ein soziales Fürsorgesystem ein, eine Leihbibliothek, eine Turnhalle und eine Bowlingbahn. Auch neue Techniken in der Stahlproduktion setzte sie ein. Auf ihrer Visitenkarte soll laut Literaturhistoriker Martin Wagner gestanden haben: "die einzige Frau der Welt, die ein Industrieunternehmen von solcher Größe persönlich leitet".

Doch der Erfolg blieb nicht von Dauer, auch weil ein Vertrauter in der Firma sie um viel Geld betrog. Während ihre Firma bankrott ging, nutzte Nellie Bly 1914 eine Geschäftsreise nach Wien, um wieder als Journalistin von den Anfängen des Ersten Weltkrieges zu berichten. Erst 1919 kehrte sie in die USA zurück. Drei Jahre später starb Nellie Bly in New York an einer Lungenentzündung.

(Alle Zitate aus: "Around the World in 72 Days - Die schnellste Frau des 19. Jahrhunderts", Nellie Bly, Aviva Verlag)

Künftig stellen wir Ihnen auf SZ.de Pioniere des Reisens vor - in loser Folge.