Reisepionierin Nellie Bly Schnellste Frau der Welt

Willensstarke Reporterin: Nellie Bly (1867-1922) brach vor 125 Jahren zur schnellsten Reise um die Welt auf.

(Foto: H. J. Myers)

Die US-Journalistin Nellie Bly wollte Ende des 19. Jahrhunderts beweisen, dass es möglich war, in weniger als 80 Tagen den Globus zu umrunden. Mit nur einer Handtasche als Gepäck raste sie gegen Vorurteile gegenüber Frauen an. Heute wird ihr Rassismus vorgeworfen.

Von Katja Schnitzler

"Ich will die Welt umrunden - schneller als Phileas Fogg, der in Jules Vernes Roman 80 Tage brauchte", verkündete Nellie Bly ihrem Redakteur bei der New York World. Dieser war nicht abgeneigt, der Geschäftsführer der Zeitung schon: "Das ist unmöglich für Sie: Erstens sind Sie eine Frau und bräuchten einen Beschützer. Und selbst wenn Sie allein reisen könnten, würden Sie so viel Gepäck mit sich herumschleppen, dass es Sie am schnellen Umsteigen hindern würde. Außerdem sprechen Sie keine Sprache außer Englisch. Wir müssen gar nicht weiter diskutieren: Das schafft nur ein Mann."

Serie Reisepioniere

In loser Folge stellen wir Ihnen hier denkwürdige Weltenbummler vor.

"Nun gut", war die Antwort der wütenden Reporterin, "schicken Sie den Mann los. Ich starte die Reise am selben Tag, aber für eine andere Zeitung. Und ich schlage ihn."

Nellie Bly brach im November 1889 für die New York World auf. Allein. Und mit leichtem Gepäck: Mantel, maßgeschneidertem Reisekleid und einer Handtasche.

Nellie Bly kurz vor dem Start ihrer Weltreise in ihrem maßgeschneiderten Reisekleid - die Tasche war ihr einziges Gepäckstück.

(Foto: Library of Congress; Aviva Verlag/Library of Congress)

Diese Frau musste wahnsinnig sein. Auf jeden Fall war sie verrückt genug, sich in ein Irrenhaus einweisen zu lassen. Nellie Bly, die eigentlich Elizabeth Jane Cochran hieß, ließ sich überzeugen, dass sie nur so als Journalistin über die Zustände in der Nervenheilanstalt in New York schreiben konnte.

Dass Nellie Bly überhaupt als Reporterin arbeitete und den investigativen Journalismus vorantrieb, verdankte sie ihrer Willens- und vor allem ihrer Meinungsstärke: Nachdem sie sich in einem wütenden, aber wortgewandten Leserbrief gegen eine frauenfeindliche Kolumne wehrte, bot ihr der Herausgeber des Pittsburgh Dispatch an, als Reporterin für die Zeitung zu arbeiten. Weil sie sich nicht auf "Frauenthemen" beschränken wollte, wechselte Nellie Bly zur New York World, der Zeitung von Joseph Pulitzer. Gleich ihr erster Auftrag brachte sie in die Irrenanstalt: Sie sollte über nervenkranke Frauen auf Blackwell's Island (heute Roosevelt Island) im East River schreiben. So wurde sie eine von ihnen, für zehn lange Tage.

Ihre Reportage über die Missstände dort machten sie berühmt. Wer das durchstehen konnte, den sollte auch eine globale Mission nicht schrecken - selbst wenn sie damit die erste Frau sein sollte, die allein um die Welt reiste. Eigentlich überrascht es nicht, dass Nellie Bly die fiktiven 80 Reisetage von Jules Verne unterbot: Nach 72 Tagen, sechs Stunden und elf Minuten erreichte sie am 25. Januar 1890 ihr Ziel.

Denn sie war nicht nur willensstark, sondern auch strategisch: Sie hatte Indien umschifft, statt es wie Romanfigur Phileas Fogg in Zügen und auf Elefanten zu durchqueren.

Gestartet war die 25-Jährige am 14. November 1889 in New York, dann ging es nach London und weiter nach Calais (mit einem Abstecher nach Amiens, um den Autor Jules Verne zu besuchen). Es folgten Brindisi in Italien, Port Said, Ismailia und Suez in Ägypten, Aden im heutigen Jemen, Colombo auf Ceylon (Sri Lanka), Penang auf der Malaiischen Halbinsel, Singapur, Hongkong, Yokohama in Japan und schließlich ging es von San Francisco wieder zurück nach New York.

Wie das Vorbild Phileas Fogg hatte Nellie Bly einen Konkurrenten im Wettlauf um die Welt - keinen Mann, sondern eine Frau: Die New Yorker Cosmopolitan entsandte Elizabeth Bisland am selben Tag gen Westen, als Bly nach Osten aufbrach - was diese erst unterwegs erfuhr. Einige Zeit lag die Konkurrentin vorne, kam aber letztlich vier Tage nach Bly an.

USA im Nellie-Bly-Fieber

Es war keine stille Recherchereise, sondern ein Medienevent - zumindest daheim in den USA: Etwa eine Million Menschen nahm an einem Preisausschreiben der World teil; wer die genaue Ankunftszeit von Nellie Bly voraussagte, durfte selbst durch Europa touren. Beim Endspurt durch die Vereinigten Staaten wurde sie vom Volk gefeiert, wie man es heute nur von Popstars kennt. Damals wurden auf diese Weise sonst höchstens US-Präsidenten an den Bahnhöfen bejubelt. Fans deckten sich mit Nellie-Bly-Brettspielen, Nellie-Bly-Globen und Nellie-Bly-Reisekleidern ein. Nie zuvor war eine Frau derart schnell um die Welt gereist, hatte moderne Dampfschiff- und Eisenbahnverbindungen genutzt und auch die länderverbindende britische Kolonialherrschaft, um Jules Vernes fiktiven Rekord zu brechen.

So rasten zwei Frauen um die Welt, doch waren die Reisen an sich, nicht aber das Wettrennen Thema in den Zeitungen: Entweder berichteten sie über die eine oder die andere. Nach ihrem Erfolg wurde vor allem Nellie Bly zum feministischen Vorbild. Dabei spielte es keine Rolle, dass sie im Gegensatz zu anderen Reisepionierinnen weniger als Entdeckerin denn als zeitnotgeplagte Touristin über die Kontinente eilte - und dabei ziemlich herablassend über weite Teile der Welt urteilte.

Räuber, Sümpfe, wilde Tiere? Nichts wie hin!

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Andere Abenteurer waren wirklich auf sich und ihre Chuzpe gestellt, wie etwa die Britin Gertrude Bell (1868-1926), die in entlegenen Wüstengegenden räuberische Stämme austrickste. Da brauchte Nellie Bly trotz der Vorurteile ihres Geschäftsführers etwas weniger Mut: Sie reiste stets mal mehr, mal weniger bequem Erster Klasse, meist in britischer Gesellschaft.

Wohl unter anderem deshalb verbindet sie mit anderen Pionieren des Reisens diese Überzeugung:

"Nichts ist unmöglich, wenn man nur ein gewisses Maß an Tatkraft in die richtige Richtung aufbringt. Wenn ich etwas brauche - was immer im letzten Moment der Fall ist - und ich bekomme zur Antwort: 'Es ist zu spät. Das ist wohl nicht mehr zu schaffen', dann erwidere ich einfach: 'Unsinn! Wenn Sie wollen, schaffen Sie es. Die Frage ist, wollen Sie?'"

In den Medien wurde sie mit großer Berichterstattung bedacht, in der sie als strahlende Heldin gefeiert wurde. Vor ihrer Abfahrt hatte jemand ihr geraten, zur Sicherheit einen Revolver einzustecken. Doch sie lehnte ab:

"Im festen Glauben daran, dass die Welt mir ebenso begegnen würde, wie ich ihr begegnete, lehnte ich es ab, mich zu bewaffnen. Ich war mir sicher, dass ich bei schicklichem Verhalten immer Menschen finden würde, die mich beschützen, seien sie Amerikaner, Engländer, Deutsche oder welcher Nationalität auch immer."

Und tatsächlich standen ihr wechselnde Reisebegleiter zur Seite, die aber nicht Angreifer abwehren mussten, sondern ihr halfen, Zug oder Schiff rechtzeitig zu erreichen. Und ihr die Zeit vertrieben. So wirken weite Teile ihres Reiseberichts wie die Erlebnisse einer frühen Pauschalreisenden, die sich über die Eigenheiten ihrer Mitreisenden amüsiert und kurze, wenn auch detaillierte Eindrücke von den Zwischenstopps in fremden Ländern gibt. Dass sie sich nicht auf Land und Leute eingelassen hat, war ihr damals nicht vorzuwerfen: Es ging ihr um Rekordgeschwindigkeit, nicht um das Studium fremder Sitten.

Doch liest man ihren Reisebericht heute kritischer - auch die von amerikanischen Verlagen gerne gekürzten, besonders herabwürdigenden Passagen -, überrascht die kolonial-rassistische Einstellung von Nellie Bly: Während sie sich in ihrem Reporter-Coup noch auf die Seite der unterdrückten Frauen in der US-Nervenheilanstalt gestellt hatte, blickte sie hier mit Verachtung auf die Einheimischen herab, die sie auf ihrer Reise traf. Und das, ohne mögliche Gründe für deren Verhalten, deren Armut oder Krankheit zu hinterfragen, geschweige denn diese Umstände anzuprangern.