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Namibia:Der Lockruf des schnellen Geldes

Gut für die Wildtiere: Marlice van Vuuren sieht in Touristen einen Schutz vor Wilderern.

(Foto: N/a'an ku sê Foundation)

Protokoll von Win Schumacher

Marlice van Vuuren, 44, ist eine der bekanntesten Naturschützerinnen Namibias. Sie leitet die Naankuse Foundation mit einer Tierklinik und mehreren Wildschutzgebieten, die durch Ökotourismus finanziert werden.

"Schon vor der Pandemie gab es hier die Ansicht: Was bringt uns ein Tier, wenn es keinen wirtschaftlichen Wert - etwa durch den Tourismus - hat? Sicher nimmt nun in einigen Regionen die Wilderei zu, vor allem bei der illegalen Fleischjagd. Es wurden aber auch Nashörner in privaten Schutzgebieten gewildert. Zwar gibt es keine offiziellen Zahlen dazu, aber mir sagt der gesunde Menschenverstand: Wenn kaum Touristen unterwegs sind, ist das auch in den Nationalparks ideal für Wilderer. Viele Menschen haben in der aktuellen Situation ihre Arbeit verloren und sind verzweifelt. Die Wilderei verspricht einfaches und schnelles Geld.

Wenn das Land nicht rasch aus dieser Krise herauskommt, wird das noch zunehmen. Bis jetzt werden Ranger, die vom Staat angestellt sind, weiter bezahlt, aber dennoch besteht nicht der gleiche Schutz. Nehmen wir etwa den Etosha-Nationalpark mit seinen mehr als 20 000 Quadratkilometern: Normalerweise sind hier ständig Touristen und Lodge-Mitarbeiter unterwegs, also sehr viel mehr Augen, die auf die Wildtiere achten.

Wir hatten hier im Naankuse-Reservat bisher keine Wilderei-Fälle, weil wir eine sehr gut aufgestellte Wildhüter-Einheit haben. Auch im Allgemeinen hatten wir wohl mehr Glück als andere. Bisher mussten wir keinen unserer etwa 250 Mitarbeiter entlassen. Den leitenden Angestellten haben wir ihr Gehalt um 50 Prozent gekürzt, alle anderen Mitarbeiter konnten wir bis August weiter zahlen. Etwa 80 Prozent von ihnen gehören den San an. Die Pandemie bedeutet für diese indigene Gemeinschaft eine besondere Herausforderung, da sie auch sonst eher von Armut, Tuberkulose und teils HIV betroffen ist als andere Gruppen. Aber bis jetzt gab es hier unter ihnen zum Glück keine Covid-19-Fälle. Wir haben sehr viel Unterstützung erfahren, gerade von unseren ausländischen Partnern, auch von Touristen und Volontären, die hier waren. In den vergangenen Wochen hatten wir einheimische Gäste in der Naankuse Lodge zu deutlich reduzierten Preisen.

Seit 1. September können ausländische Touristen nun wieder über den internationalen Flughafen in Windhuk einreisen. Auch die Schulen sind seit Montag wieder offen. Wir haben für diese Woche schon wieder die ersten Gäste aus dem Ausland, eine Familie aus Spanien. Wir sind offiziell als Quarantäneunterkunft anerkannt und können hier sogar Corona-Tests machen. So müssen sie nicht in irgendeinem Hotelzimmer auf ihre Testergebnisse warten. Wenn sie negativ sind, können sie auch an Aktivitäten im Freien teilnehmen. Platz zur Selbstisolation haben wir ohnehin genug.

Es gibt in Namibia wie überall Menschen, die Angst haben, dass mit der Öffnung die Zahl der Covid-19-Fälle stark zunehmen wird. Aber die meisten wollen die Touristen zurück, natürlich mit den notwendigen Hygieneregelungen. Für mich ist Namibia einer der sichersten Orte der Welt. Wir haben eine der geringsten Bevölkerungsdichten der Erde und so viel Platz. Eigentlich wäre gerade jetzt der perfekte Moment, um nach Namibia zu kommen. Selbst Sossusvlei ist jetzt menschenleer, ja, im Grunde fast das gesamte Land.

© SZ vom 03.09.2020
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