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Medellín:Vorwärts und nicht vergessen!

Bob Dylan Kolumbiens: Der Sänger Juanes gibt seinem Land Stolz und Hoffnung zurück.

Schon seit dem Morgen hängen schwere Wolken bis tief ins Tal. Das sonst so famose Kordillerenpanorama ist hinter einem Schleier verborgen. Es regnet in der Stadt, die sie nicht ohne Grund die Stadt des ewigen Frühlings nennen. Zum ersten Mal seit Wochen. Und ausgerechnet an diesem Sonntag kann man das nun wirklich nicht brauchen.

Juanes, der eigentlich Juan Esteban Aristizábal heißt, während eines Konzerts in Managua (Nicaragua) vor wenigen Tagen.

(Foto: Foto: AP)

Medellín feiert den 330. Jahrestag seiner Gründung, und der Bürgermeister Sergio Fajardo Valderrama hat den Menschen ein Fest versprochen wie es die Stadt noch nie erlebt hat. Höhepunkt soll ein kostenloses Freiluftkonzert des Lokalmatadoren Juan Esteban Aristizábal sein, den alle nur als Juanes kennen. Und nun das.

Dabei dient das Fest nicht zuletzt dazu, die lange Zeit so gebeutelte, von Bürgerkrieg und Drogenmafia heimgesuchte Stadt vor der Welt ins rechte Licht zu rücken. 330 Jahre sind ja normalerweise noch kein Anlass für große Jubelfeiern, zumal man in Medellín mindestens 40 davon gerne vergessen würde. Doch unter dem dynamischen Anfangsvierziger Valderrama hat sich viel verändert.

Die Kriminalitätsrate ist drastisch gesunken, und die Wirtschaft, vor allem das Kleingewerbe boomt. Kultur- und Sportprogramme haben viele junge Menschen von der Straße geholt. Im Februar richtete Medellín ein internationales Straßenfußballturnier unter dem Motto "Fußball für den Frieden" aus, mit Teams aus Argentinien, Ecuador, Deutschland, Kolumbien und Ruanda.

Über Sieg und Niederlage entschieden nicht nur Tore, sondern auch das Fairplay der Mannschaften, und in jeder mussten mindestens zwei Mädchen stehen.

Vor allem aber hat der juvenile Alcalde die verwüsteten Viertel neu erstehen lassen - insbesondere das Zentrum um die Calle San Juan. Was noch vor zehn Jahren ein Trümmerfeld war, erstrahlt nun in schillernder Urbanität; moderne Einkaufszentren, Straßencafés und gepflegte Grünflächen lassen kaum mehr erahnen, dass diese Gegend einst so ziemlich der gefährlichste Ort der Welt war.

Mitten im ehemaligen Herrschaftsgebiet von Drogenbaronen, Paramilitärs und Guerilleros soll denn auch die Party steigen. Juanes, der ganz in der Nähe aufgewachsen ist, sagt: "Es war immer mein Traum, hier aufzutreten, umsonst und mit der ganzen Stadt auf den Beinen."

Gute Geist von Medellín

Juanes ist 31 und so etwas wie der gute Geist von Medellín. Er singt über die Menschen in dieser Stadt und über ihren Alltag: über Liebe und Verlust, aber auch über den Krieg, Gewalt, den täglichen Überlebenskampf.

Er wohnt noch immer hier, obwohl er längst ein Superstar ist. Und er isst mittags noch immer im selben kleinen Restaurant im Viertel El Poblado - ohne Leibwächter. "Ohne diese Stadt und ihre Menschen wäre ich nichts. Würde ich den Kontakt verlieren, würde ich alles verlieren. Ich hätte nichts mehr zu sagen."

Natürlich erregt er mächtig Aufsehen, wenn er unterwegs ist; von der Starhysterie hiesiger Prägung sind die Menschen in Kolumbien jedoch weit entfernt.

Sie nähern sich dem Idol eher mit aufrichtiger Freude und gebotenem Respekt; gelegentlich bringen ihm junge Frauen ihr Baby auf den Arm, auf dass er es beseele. Juanes, sagt eine, stehe für "das andere Medellín, für Mut, Musik, Lebenslust".

Und dies vertritt er immerhin auf inzwischen weltweit mehr als sieben Millionen verkaufter Die Hauptstadt der Provinz Antioquia, die man bis vor kurzem fast ausschließlich mit dem Kokainkartell assoziierte, hat auch in Deutschland dank Juanes einen nicht mehr ganz so schlechten Namen. Sein jüngstes Album "Mi Sangre" und die Single "La Camisa Negra" schafften beide den ersten Platz der Charts.

Schmalschultriger Barde

Er macht sich allerdings wenig Illusionen über seinen Erfolg jenseits der spanischsprachigen Welt. "Ich komme aus Lateinamerika, und ich singe in Spanisch, dafür gibt es bei vielen Leuten in Europa nur eine Kategorie", sagt er.

Tatsächlich war"La Camisa Negra", an sich eine bittere Klage über eine enttäuschte Liebe, in Deutschland der übliche südländisch-exotische Sommerhit und auf dem Münchner Oktoberfest die größte Stimmungsnummer. Der anhaltende Run auf seine Alben, auch der Umstand, dass dem musikalischen Freidenkertum verpflichtete Radiosender wie die ORF-Welle FM4 seine Songs spielen, weisen jedoch darauf hin, dass seine Popularität über den einer männlichen Shakira hinausgeht.

Der Referenzpunkt liegt eher bei Manu Chao, dem französischen Weltenbummler, dessen Lieder über die Entrechteten Südamerikas sich zum Großteil aus der kolumbianischen Folklore speisen: dem akkordeonseligen Vallenato und dem stakkatoartigen Gitarrenrhythmus des Guasca, über den mit näselnd-spöttischem Tonfall kinderliedartige Melodien gesungen werden.

Juanes, der als Jugendlicher den Guasca-Heroen Octavio Mesa genauso verehrte wie Metallica, lässt seine Einflüsse und Erfahrungen in einer Art Alternative Folk zusammenfließen - für die kolumbianische Jugend spielt der Mann inzwischen eine ähnliche Rolle wie einst Bob Dylan in den USA oder Caetano Veloso in Brasilien.

"A Dios Le Pido", sein größter Hit, ein so tanzbarer wie leidenschaftlicher Appell für ein Ende des Blutvergießens in Kolumbien, ist fast schon so etwas wie die heimliche Nationalhymne. Am 11. Dezember wird der auch schon vom Spiegel als "Stimme des Volkes" entdeckte Musiker bei den Feierlichkeiten zur Verleihung des Friedensnobelpreises auftreten. Davon träumen ausgewiesenere Politrocker ihr Leben lang.

Dass der Aufstieg von Juanes und der Aufschwung, den Medellín in den letzten drei, vier Jahren erlebt, zeitlich nahezu parallel verliefen, mag gewiss einer Reihe glücklicher Umstände und natürlich auch der Plattenfirma Universal zu verdanken sein.

Gewiss ist aber auch, dass nichts den Stolz, den Trotz und den Optimismus, mit dem sich die jungen Menschen endlich gegen die seit fast ein halbes Jahrhundert andauernde sinnlose Gewalt erheben, so sehr verkörpert wie dieser scheue, schmalschultrige Barde.

Romantischer Ton

Egal, ob er auf "Fijate Bien" das Schicksal von Landminenopfern zum Thema macht (Kolumbien beklagt die zweithöchste Opferzahl durch Landminen weltweit); oder ob er in "Rosario Tijeras" den Riss durch die kolumbianische Gesellschaft beschreibt, der auch Liebende entzweit, zumal wenn das Mädchen eine Mafiakillerin ist: Die Lieder von Juanes haben nichts Anklägerisches, sondern stets einen romantischen, sehnsuchtsvollen Ton.

"Vielleicht haben wir über die Jahre gelernt, die Schönheit in den Dingen zu sehen, auch wenn sie unter all dem Schrecken verborgen scheint."

Das klingt ein wenig pathetisch - vom Sozialkitsch, den man etwa von U2 ertragen muss, ist Juanes freilich meilenweit entfernt. Schon allein, weil er weiß, wovon er spricht: Sein Cousin wurde gekidnappt und trotz Lösegeldzahlung umgebracht, ein guter Freund in einem Nachtclub erschossen.

Die Geschichte eines im Guerillakrieg versehrten jungen Soldaten, den er bei einem Besuch im Militärhospital kennen lernte, inspirierte ihn zu dem Lied "Volte a ver", das dieser Tage auch bei uns als Single erschienen ist. Der einst von marxistischen Idealen getragenen Guerilla spricht Juanes jede Existenzberechtigung ab.

"Diese Leute haben alles verraten, wofür sie mal standen. Es sind nur noch Kriminelle. Es geht ihnen um nichts anderes mehr als Macht", sagt er. Ein Satz wie aus "Hundert Jahre Einsamkeit". In Gabriel Garcia Márquez berühmtem Roman wird Oberst Gerineldo Márquez für eine ähnliche Äußerung vom Revolutionsgericht zum Tode verurteilt.

Dunkler Flor aus 330 Jahren

Juanes aber weiß das Volk hinter sich. Am Ende wird man rund Hunderfünfzigtausend zählen, die sich in Medellín zum bis dahin größten Open Air in der kolumbianischen Geschichte versammeln. Überall blickt man auf Gesichter voll Stolz und Erhabenheit.

Viele tragen T-Shirts mit dem Motto "Medellín, adelante y sin reversa" -"Medellín, vorwärts und ohne Umkehr". Keiner wird es wagen, diese Feier zu sabotieren! Der trotzige Friedenswille dieser Menschen muss jeden entwaffnen, der noch einen Funken Selbstrespekt hat.

Nicht einmal einen Taschendiebstahl wird die Polizei hinterher zu Protokoll nehmen. Und während die halbe Stadt singt, tanzt oder einfach nur in stillem Glück erstrahlt, spielt Juanes zweieinhalb Stunden lang bis zur völligen Erschöpfung.

Am Ende erklimmen auch Bürgermeister Valderrama, der alte Haudegen Octavio Mesa und die Fußballidole Mauricio Serna und Víctor Hugo Aristizábal die Bühne, um gemeinsam mit den Massen die Hymne von Antioquia anzustimmen: Von der Freiheit, die die Berge der Heimat umweht, ist da die Rede, und von der Sonne die immer und für jeden scheint. Es ist ergreifend.

Dass es inzwischen aus Kannen gießt, wird hingenommen. Das ist der dunkle Flor, der zu 330 Jahren Medellín einfach dazu gehört.