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Kulturhauptstadt:Valletta sucht sich selbst

Valletta Kulturhauptstadt 2018 Malta

Bunte Holzbalkone schmücken die Häuser in der Battery Street, eine der typischen Altstadtstraßen von Valletta.

(Foto: Malcolm Debono)

Zwischen Tourismusboom und Korruption: Die vielfältigen Aktivitäten in der kleinsten Hauptstadt eines EU-Landes spiegeln die schwierige Situation Maltas wider.

Der Abstieg beginnt am zentralen Kirchenvorplatz in Maltas Hauptstadt Valletta. Ein Loch im Boden, eine improvisierte, steile Metalltreppe. Der Abgrund, der sich hier auftut, wirkt so tief wie die St. John's Co-Cathedral hoch ist, ein Gewölbe mit Bögen, Geländern, Treppen. Der jahrhundertealte Raum, aus Anlass des Kulturhauptstadtjahres wieder geöffnet, ist Teil einer unterirdischen Stadt. Die Ritter vom Orden des Heiligen Johannes, kurz Malteserritter, schufen unter der Erde Verstecke, Fluchtwege, Vorratsräume und Wasserspeicher. Jetzt hallen abwechselnd der Klang einer Glocke und die Stimme der schottischen Künstlerin und Turner-Preisträgerin Susan Philipsz durch die Zisterne. Sie singt den Leonard-Cohen-Song "Who by Fire". So heißt auch diese Arbeit.

Die Zisterne ist nicht der einzige unterirdische Raum, der nun geöffnet und neu genutzt wird. Erklärtes Ziel ist es, sich in diesem Kulturhauptstadtjahr selbst auf die Spur zu kommen, sich der eigenen Kultur und Geschichte zu stellen. Und das in einer problematischen Gegenwart, in der Korruption, Machtmissbrauch und die Verfolgung von Kritikern die Menschen in Malta beschäftigen.

Gedenken an Daphne Caruana Galizia

Kein Ort könnte für den Beginn dieser neuen Selbstsuche geeigneter sein als dieser Platz zwischen dem Gerichtshof und der St. John's Co-Cathedral direkt an der Hauptstraße Vallettas. Hier haben einige Malteser einen Gedenkort für die im Oktober ermordete Journalistin Daphne Caruana Galizia aufgebaut, die gegen die politischen Zustände anschrieb. Touristen stehen an, für den Besuch der Kirche mit ihren zwei Caravaggio-Gemälden. Oder für ein Eis an der Ecke. Straßenhändler und Musiker schlagen ihre Stände auf. Der Bretterverschlag, der auf die unterirdische Kunstinstallation hinweist, geht beinahe unter.

"Wir haben die Diskussion über unsere kulturelle Identität schon verpasst", sagt der Architekt David Felice. Er hat 2012 als Chef des Organisationsteams Valletta den Titel Europäische Kulturhauptstadt 2018 geholt. Weil der so furchtbar lang ist, sagen die Malteser nur V18. 2013 wurden Felice und sein Team ausgetauscht - was im Verlauf der Vorbereitungen von Kulturhauptstadtjahren nicht ungewöhnlich ist. Eine neues Parlament war gewählt worden, die Labour Party regiert seither. Felice hofft nun vor allem, dass am Ende etwas bleibt von diesem Jahr - für die Malteser. Er wollte die Kulturlandschaft voranbringen, ihr Spiel- und Ausstellungsorte geben, Selbstbewusstsein. "Unsere Künstler sollen Teil eines internationalen Netzwerks werden", sagt er. Und nun ist das Kunstmuseum geschlossen und das neue noch nicht fertig.

Die Urlauber lassen sich von den Negativ-Berichten nicht abschrecken

"Das Jahr ist eine Chance für die Malteser, mehr über sich selbst zu lernen", sagt Francesca Giuliano von der Tourismusbehörde. Als typische Malteserin hat sie sowohl sizilianische wie britische Wurzeln. Als ihre Muttersprache betrachtet sie das Malti, das mit seiner arabischen Grammatik und seinem diversen europäischen Sprachen entliehenen Vokabular die reiche Geschichte des Landes widerspiegelt. Sie sorgt sich um diese Sprache. "Es werden kaum Bücher auf Maltesisch geschrieben", sagt sie bedauernd.

Doch sie freut sich über den rasanten Aufschwung, den der Inselstaat nimmt. Auch der Tourismusboom ist ungebrochen, trotz der negativen Schlagzeilen der vergangenen Monate. "Die Hotels sind ausgebucht bis Oktober", sagt Giuliano, "wir bekommen keine Gruppen mehr unter." Seit dem Jahr 2010 hat sich die Besucherzahl auf etwa 2,5 Millionen Menschen pro Jahr verdoppelt. Sicherheit war stets eines der Hauptargumente für einen Urlaub auf den Inseln. Und nun, nach dem Mord?

Ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit scheint es weder bei den Einheimischen noch bei den Touristen zu geben. Tatsächlich hat sich an dem, was für Touristen wichtig ist, nichts geändert: Von der Kriminalität im großen Stil spüren sie nichts, Malta ist keine Hochburg der Taschendiebe. Händler und Verkäufer lassen einen in Ruhe bis zur Unachtsamkeit. Dass man über den Tisch gezogen wird, kann höchstens passieren, wenn man sich für das falsche Taxi entscheidet. Und Frauen, denen die Anmache in anderen Mittelmeerländern auch mal zu viel wird, hatten derartiges in Malta nie zu befürchten.

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Dass Malta nicht Lummerland ist, hat nun jeder mitbekommen. Man muss nicht groß nach Daphne Caruana Galizia fragen. Die Malteser sprechen auch so von ihr. Eine neue Regierung müsse eben her, heißt es dann meist. Was viele zurzeit mehr aufregt, ist, dass in der Woche vor Pfingsten ein 17-Jähriger bei einer Verkehrskontrolle einen Polizisten überfahren und schwer verletzt hat. Es gab große Beileidsbekundungen in Valletta, Demonstranten lobten die Polizei. Die Insel verändert sich. Die Malteser scheinen es mit Sorge und Hoffnung zugleich zu beobachten. Vom Taxifahrer bis zum V18-Helfer aber steht am Ende immer die Beteuerung: Zuwanderung ist gut.

Auch die Malteser entdecken ihre Hauptstadt neu

Und nun erreicht der Aufschwung auch Valletta. Für die Projekte in der kleinsten Hauptstadt eines EU-Mitglieds habe das Kulturhauptstadtjahr "wie ein Propeller" gewirkt, sagt Giuliano. In den steilen, schnurgeraden Straßen, an deren Ende immer das Meer liegt, in den Häusern mit den grünen, beigen, roten und blauen Holzbalkonen leben etwa 6000 Einwohner. Während vor allem durch Zuwanderung die Bevölkerungszahl Maltas seit 2005 um rund 25 000 Menschen auf heute knapp 430 000 gestiegen ist und die Orte auf der Insel nicht unbedingt optisch vorteilhaft wuchsen, schlief Valletta weiter vor sich hin. Die Pracht der Stadt, die von den Rittern 1566 nach dem Sieg über die Türken angelegt wurde, bröckelte. Noch vor vier, fünf Jahren wurde es mit Einbruch der Dämmerung still auf der Halbinsel, die als Trutzburg aus gelbem Kalkstein aus dem blauen Meer aufragt. Nun entdecken die Malteser ihre Hauptstadt als neuen Ort zum Ausgehen.

David Felice gehört zu jenen, die die Stadt aufwecken. "Öffnen", nennt es sein Partner David Drago. Die beiden Architekten haben 1991 ihr Büro AP gegründet. Heute hat es fast 40 Mitarbeiter aus ganz Europa. Ohne AP passiert in Valletta eigentlich nichts mehr. Das Büro hat einen Aufzug realisiert, der die alte Festungsmauer überwindet und vom Hafen direkt zum Aussichtspunkt Upper Barrakka Gardens führt. Geöffnet wurde auch das Stadttor. Anstelle des historistischen, wuchtigen Portals aus den Sechzigerjahren biegen sich nun zwei kurze Pfeiler am Beginn der Hauptstraße weit auseinander - ein Entwurf Renzo Pianos, der auch das neue Parlamentsgebäude daneben mit AP realisierte. Öffnen wollen die Architekten schließlich einen weiteren Teil des unterirdischen Straßensystems. Sie wollen Wege verkürzen, Autos draußen halten. In vielen Projekten steckt Fördergeld der EU.

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In einer Umfrage, die das V18-Team gemacht hat, gaben die meisten Bewohner der Hauptstadt an, es sei ihnen lieber, wenn ein ausländischer Investor aus einem der Stadtpaläste noch ein Boutiquehotel macht - ungefähr 30 sind es schon - als dass er weiter verfällt. Aber sie befürchten gleichzeitig, sich ihre Stadt irgendwann nicht mehr leisten zu können. Auch die Architekten sehen die Gefahr der Gentrifizierung. Sie sind unglücklich über die Sanierung der alten Markthalle, die jetzt zwar nicht mehr verfällt und sauber herausgeputzt ist - aber eben kein Ort mehr für Fischhändler und Dattelkeksverkäufer. Sondern ein Delikatessensupermarkt und Food Court. Die Preise steigen, der Verkehr nimmt zu. Diese europäischen Wohlstandsprobleme sind auf der Insel noch neu.

Der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni nimmt darauf Bezug. An drei Orten der Insel mit fantastischem Ausblick hat er kleine, alte Autos aufgestellt - und lädt ein, darin zu übernachten. Halbouni, in Deutschland bekannt geworden, als er drei Busse aus Aleppo senkrecht vor der Frauenkirche in Dresden aufstellte, beschäftigt sich mit der Frage, wie viel der Mensch zum Leben braucht. Nebenbei spielt er auf ein typisch maltesisches Freizeitvergnügen an: mit dem Auto an die Küste fahren und aufs Meer schauen - ohne auszusteigen.

Für die anderen 21 Künstler der V18-Sonderausstellung einen Raum zu finden, sei schwierig gewesen, sagt Kuratorin Maren Richter. Die Österreicherin war bereits am Kulturhauptstadtjahr in Linz 2009 beteiligt. Zwischennutzungen oder die schon allzu übliche Umnutzung leer stehender Fabriken kann man in Malta nicht erwarten. Gerne hätte Richter einen Teil der Kunstwerke im früheren Pressehaus der Tageszeitung Times of Malta gezeigt. Doch der Besitzer zögerte. Mehr als drei Monate Kunst? Was, wenn in der Zwischenzeit ein Investor vorbeikommt und ein unwiderstehliches Angebot macht? Also lieber nicht. So sei das häufig, erzählt Richter.

Das St. Elmo Examination Centre, in das sie nun eingezogen ist, scheint allerdings ideal zu sein. Es liegt fast an der Spitze der Halbinsel, zwischen Himmel und Meer. Die Kuratorin aus dem Binnenland Österreich hätte sich kaum stärker auf die Besonderheit der Insel einlassen können, die einsam zwischen Europa und Afrika liegt, wenig mehr als ein karger Felsen, definiert vor allem vom Meer, das ihn umgibt. So heißt auch die Ausstellung: "The island is what the sea surrounds". Flüchtlinge, Fischerei, Verkehrschaos - kaum ein inseltypisches Thema, das die Künstler auslassen. Doch bald sollen hier wieder Prüfungen geschrieben werden. Ein dauerhafter neuer Ausstellungsort ist nicht gefunden. Immerhin, ein früheres Schlachthaus wird als Teil von V18 zum Designcluster umgebaut. Noch ist er, wie das neue Kunstmuseum, Baustelle.

Es mangelt an kultureller Nachhaltigkeit

"Wenn wir keine Strukturen schaffen, dann bleiben die bildende Kunst, aber auch Tanz und Musik für die Malteser ein Hobby", sagt David Felice. Er wünscht sich Ausbildungsmöglichkeiten. Eine Kunstakademie gibt es nicht. Die musikalische Ausbildung der Jugend liege in den Händen der unzähligen Band Clubs, die es in jedem Dorf gibt und die bei den häufigen Feierlichkeiten und Festumzügen sehr gefragt sind. Felice hat selbst im Ausland studiert. Malteser geben sich gern kosmopolitisch, sind stolz auf ihre Mehrsprachigkeit. Doch sie sollen auch ihre Wurzeln kennen.

Vielleicht ist dabei der internationale Zeitgeist behilflich. Ins Erdgeschoss des mehrstöckigen Architektenbüros ist eine Kochschule eingezogen, die erste auf den Inseln - alles regional, alles nachhaltig. Auch die Malteser gucken wieder gern in die Töpfe ihrer Großmütter. Restaurants, die mit einheimischen Spezialitäten werben, gibt es in Sliema, St. Julians oder auch Valletta mittlerweile zuhauf. Ganz selbstverständlich bekommt der Gast maltesischen Wein angeboten. Der junge Kochlehrer Michael Camilleri hat seine Ausbildung in den USA gemacht und widmet sich nun der Küche seiner Heimat. Seine Schüler seien vornehmlich Einheimische, sagt er. Um die Erde reisen, aber Identität und Selbstbewusstsein aus der Heimat schöpfen - auch das ist eine Zeitgeistfrage.

Für eine Antwort darauf ist vielleicht niemand so begabt wie diese Inselmenschen, denen der Horizont die Welt verspricht, aber Sicherheit nur der eigene vertraute Hafen gibt.

Reiseinformationen

Anreise: Direktflüge mit Lufthansa und Air Malta von verschiedenen Flughäfen, hin und zurück für etwa 300 Euro, www.lufthansa.com, www.airmalta.com

Unterkunft: Holiday Inn Express und Intercontinental in St. Julians in der St. George's Bay mit kleinem Strand, DZ ab 115 Euro (Holiday Inn Express) bzw. 165 Euro (Intercontinental), www.ihg.com

Programm Kulturhauptstadt: valletta2018.org

Theater: www.teatrumanoel.com.mt, werktags um 9.30 Uhr gibt es Führungen im 1731 erbauten Theater. Fahrpläne für Busse und Fähren gibt es unter www.publictransport.com.mt

Weitere Auskünfte: www.visitmalta.com, www.guidememalta.com, www.maltacultureguide.com, www.visitvalletta.de

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass Valletta die kleinste Hauptstadt Europas sei. Das ist falsch. Sie ist jedoch die kleinste Hauptstadt eines EU-Mitglieds.