Kolumbien Krachen lassen

Tejo, eine Art Boulespiel mit Schwarzpulvereinsatz, ist eine große Leidenschaft der Kolumbianer. Getrunken wird dabei reichlich, und manchmal kann es deshalb durchaus gefährlich werden.

Von Robin Hartmann

Oscar Candón nimmt einen langen Schluck aus seiner Bierflasche und vergewissert sich, dass alle Augen auf ihn gerichtet sind. In der dunklen Halle ist es laut, aus den Boxen dröhnt ein Vallenato, diese typisch kolumbianische Musik. Der scharfe Geruch von Schwarzpulver ist so durchdringend, dass manche Besucher husten müssen. Candón wiegt den schweren Spielstein in der Hand, holt aus und lässt ihn durch die Arena segeln. Kurz darauf gibt es einen markerschütternden Knall, lauter Jubel brandet auf - getroffen. Candón grinst, nimmt noch einen Schluck Bier und sagt: "Así!" - "So wird das gemacht!"

Willkommen beim Tejo, Kolumbiens Nationalsport. Und Lieblingsbeschäftigung der Kolumbianer gleich nach dem Fußball. Überall im Land wird gespielt, und auch auf Nachbarstaaten wie Ecuador, Venezuela und Panama hat das Tejo-Fieber längst übergegriffen. Die Regeln sind einfach: Der Spielstein (Tejo) muss per Wurf innerhalb oder so nahe wie möglich an einen Ring aus Metall (Bocín) platziert werden, auf dem mit Schwarzpulver gefüllte Beutel, die sogenannten Mechas, liegen. Bringt man bei einem Wurf einen oder gar mehrere dieser Beutel durch einen Treffer mit dem Tejo zur Explosion, gibt es Extrapunkte - und stets lautstarken Beifall, oft auch von Mitspielern und sogar von den Nachbarbahnen. Tejo ist auch deshalb so beliebt, weil man nicht gegen-, sondern miteinander spielt. Der kolumbianische Journalist Juan Felipe López Lara, selbst passionierter Spieler, erklärt die Faszination so: "Man amüsiert sich gemeinsam bei ein paar Bier, so als ob man auf einer Party wäre, oder einem Treffen mit Freunden. Man kann dabei wunderbar entspannen."

Ein Kilo mindestens wiegen die Wurfsteine beim Tejo, gezielt wird damit auf Beutel, die mit Schwarzpulver gefüllt sind.

(Foto: Guillermo Legaria/AFP)

Die Touristen, denen der Tejo-Hallenbetreiber Oscar Candón eingangs das Spiel erklärt hat, tun sich noch ziemlich schwer. Denn schwer sind auch die Wurfsteine, und zwar mehr als ein Kilogramm. Profis werfen sogar mit noch mehr Gewicht, und das aus einer Distanz von fast 20 Metern. Die Neulinge aus Deutschland und Frankreich dagegen treffen auch aus fünf Metern Entfernung das Ziel nicht, immer wieder bleiben ihre Tejos in dem Lehmhügel stecken, in den jeder Bocín eingegraben ist. Aufgeben kommt dennoch nicht infrage - solange noch genügend Bier da ist.

Das Punktesystem des Spiels ist auch für Einsteiger leicht zu verstehen: Trifft keiner der Spieler einen Schwarzpulverbeutel, gewinnt derjenige einen Punkt, dessen Stein dem Metallring am nächsten liegt. Drei Punkte gibt es für eine Explosion; sechs Zähler, wenn der Spielstein im Bocín liegen bleibt - das erfordert für gewöhnlich viele Stunden Übung, denn der Tejo hat einen Durchmesser von neun Zentimetern, der Bocín ist gerade einmal elf Zentimeter breit. Landet der Tejo gar im Ring und erzeugt dabei gleichzeitig eine Explosion, gibt es die Höchstzahl von neun Punkten. Gespielt wird bei reinen Männer-Partien bis 27 Punkte, bei Frauen bis 21.

Tejo ist auch deshalb so beliebt, weil man nicht gegen-, sondern miteinander spielt.

(Foto: Guillermo Legaria/AFP)

Erfunden wurde Tejo vermutlich schon vor etwa 500 Jahren von den Muisca-Indianern in der heutigen Provinz Boyacá. Das Spiel wurde Turmequé genannt und zu feierlichen Anlässen wie Geburten oder Opferritualen gespielt, aber auch als eine Art Braut- beziehungsweise Bräutigamschau: Jenes junge Mädchen, das ein Spiel gewann, durfte einen der Dorfoberen heiraten. Meist wurde bei solchen Zeremonien auch viel getrunken. Heute geht es freilich nicht mehr um solche Riten - Alkohol wird aber immer noch konsumiert, und zwar in solchen Mengen, dass große Brauereien und bekannte Schnaps-Marken Arenen und Turniere sponsern. Allein in der Hauptstadt Bogotá gibt es weit mehr als hundert Tejo-Spielstätten, in denen quasi an jedem Tag der Woche geknallt und getrunken wird.

Die Leidenschaft der Kolumbianer für das Spiel ist so groß, dass die Regierung im Jahr 2000 Tejo offiziell zum Nationalsport ausrief - bereits seit den Sechzigerjahren gehört es zu den Disziplinen bei den Juegos Deportivos Nacionales, einem landesweiten Sportwettbewerb. Die Federación Colombiana de Tejo hat diesem Sport sogar eine eigene Hymne gewidmet, in der es sinngemäß heißt: "Stolz spielen wir Tejo, unseren Nationalsport." Besonders treue Fans gehen noch weiter. "Danke, dass du mich diesen Sport ausüben und so viele Freunde kennenlernen lässt", heißt es in der "Oración del deportista del Tejo", dem "Gebet des Tejo-Spielers".

Beim Spielen wird oft exzessiv Alkohol konsumiert: Ordnungskräfte und Politiker bemängeln, Tejo sei eigentlich nur ein Vorwand zum Trinken.

(Foto: Guillermo Legaria/AFP)

Längst gibt es in vielen kolumbianischen Bundesstaaten eigene Ligen, Profis treten sogar gegen Teams aus anderen Ländern an. Erfolgreiche Teams beschäftigen heute nicht selten eine ganze Entourage an Trainern, Physiotherapeuten und manchmal sogar Psychologen, die die Sportler auf wichtige Matches vorbereiten sollen. Um die jüngere Generation für das Spiel zu begeistern, gibt es "Tejo World Tour" auch für das Handy - die App ist eine der erfolgreichsten in Kolumbien. Gleichwohl tun sich dem Journalisten López Lara zufolge Tejo-Spieler schwer, von ihrer Leidenschaft zu leben: "Sponsoren geben kein Geld, und die großen Medien berichten nicht." Höchstens im Internet oder in Lokalzeitungen werde dann und wann über den Ausgang eines Turniers berichtet.

Tejo ist ein Männersport. Touristinnen dürfen trotzdem mitmachen. Das bringt Geld

Bei den europäischen Touristen hat es das erste Mal geknallt, ein Mädchen aus Frankreich wird dafür von ihren Teamkameraden mit Schulterklopfen gefeiert. Doch was für die Urlauber normal ist, wird von vielen kolumbianischen Machos heute nicht gerne gesehen: Für sie ist Tejo ein Männer-Sport, spielende Frauen sind in einem Land mit einem eher archaischen Geschlechter-Rollenverständnis zumindest verpönt. Bei den Touristen nimmt man es da nicht so genau, denn die zahlen gut und füllen in bei Backpackern beliebten Orten Abend für Abend die oft immens großen Tejo-Hallen.

Das Lieblingsspiel der Kolumbianer, es hat noch andere Schattenseiten: Regelmäßig kommt es in den Arenen zu Verletzungen durch explodierendes Schwarzpulver oder von der Flugbahn abgekommene Wurfgeschosse. Im Juni 2010 kostete eine Explosion in einer Spielhalle in Cúcuta einen Menschen sogar das Leben, fünf weitere wurden verletzt. Und auch der häufig exzessive Alkoholkonsum, der für viele Kolumbianer zum Spiel zu gehören scheint, wird von Ordnungskräften und Politikern immer wieder angeprangert. Sie bemängeln, das Spiel sei eigentlich nur ein Vorwand zum Trinken. Und auch López Lara gibt offen zu: "Tejo ist ein schönes Hobby, mehr aber auch nicht. Ohne den Alkohol wäre es niemals so erfolgreich."

Auf der Bahn von Oscar Candón haben die Touristen ihr erstes Match beendet. Sie bestellen noch eine Runde Bier.