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Kanada - Der Norden:Sommer in Kanadas Norden

Selbst wenn der Winter unwirtlich und allzu streng erscheint - Kanadas Norden kann auch anders. Wenn das letzte Eis weggetaut ist und das intensiv pinkfarbene Fireweed am Wegesrand anfängt zu blühen, dann beginnt ein kurzer, aber furioser Sommer.

An den langen Stielen der Pflanzen wachsen lauter kleine Blüten, die von unten nach oben aufblühen, sobald das Wetter warm und sonnig genug ist. "Das beginnt im Juni, im August spätestens ist die Pracht dann wieder vorbei", weiß Sheila Dodd, die aus England nach Whitehorse, die Hauptstadt der Northern Territories, ausgewandert ist. Wenn alle Blüten aufgeblüht sind, ist der Sommer zu Ende - und die Bewohner des Nordens machen sich daran, ihre Winterausrüstung instand zu setzen.

Angepasstes Leben

Auch zahlreiche Bäume wachsen hier - überwiegend Nadelbäume, die für europäische Verhältnisse sehr kurz scheinen. Kein Wunder, sagen die Kanadier: Die Wurzeln können nicht tief in den Boden gehen und finden in dem dauergefrosteten Boden kaum Nahrung. Also werden die Bäume auch nicht höher. Dennoch ist die Flora an diesem entlegenen Ende der Welt alles andere als mickrig und fad - denn sie wissen sich zu helfen, die Kanadier an diesem entlegenen Fleckchen Erde.

Judith etwa: Sie hat in Inuvik, dem zweitgrößten Ort der Northwest Territories, eine kleine Gartenparzelle. Kein Schrebergarten ist das, eher eine Art Kleingärtnerclub - in einer riesigen Halle, die einst zum College der Stadt gehörte. Diese Kleingärtner können wohl mit Recht von sich behaupten, die nördlichsten Beete der Welt zu haben. Und doch wächst auf den kleinen Parzellen nicht alles so, wie sie es gern hätten: "Das Basilikum gedeiht ganz gut, aber die Karotten und der Salat wollen auch im Juli nicht so richtig wachsen", sagt Judith. "Vielleicht ist es noch zu kalt." Die meisten Gärtner widmen sich hier eher dem Kräuter- und Gemüsebau als den Zierpflanzen.

Leben nördlich des Polarkreises

Von Inuvik zum Polarmeer ist es nicht mehr weit - eine gute Stunde mit dem Flugzeug bis Tuktoyaktuk. Doch bereits im Yukon durchschneidet der Polarkreis bei 66°33" nördlicher Breite das Land. Zwar ist es hier im Sommer nicht kalt - zumal, wenn die Mitternachtssonne scheint. Doch wirklich warm ist es auch nicht immer.

Menschen gibt es im Norden wenig - dafür wildes Getier in Mengen: Umherziehende Karibu-Herden etwa, Grizzlys und Schwarzbären, Elche, Moschusochsen, zahlreiche andere Wildarten - und Mücken, die "Canadian Air Force", wie sie von den geplagten Einheimischen scherzhaft genannt werden. Groß sind sie und gemein, "aber nur im Sommer da", wie Sheila trocken sagt. Dann allerdings sind sie in Schwärmen aktiv - tags und nachts.

Heiß ersehnte Sonnenstrahlen

Aber der Sommer ist ja nicht allzu lang. Dennoch warten die Menschen sehnsüchtig auf ihn. In Inuvik, der nördlichsten Stadt Kanadas, bleibt es im Juni und Juli 24 Stunden lang hell. "Dafür ist es im Dezember komplett dunkel", sagt Gärtnerin Judith. Das Leben passt sich den Gegebenheiten an: Am frühen Morgen sieht man kaum Menschen auf den Straßen. Sie schlafen aus. Denn die Abende nehmen kein Ende - Kanadas nördlichste Bewohner tanken Sonne, so viel und so oft sie können. Der Sommer ist auch die Zeit, in der die Ureinwohner vom Stamm der Inuvialuit und der Gwitch'in sammeln, was Wald und Ebenen hergeben, noch immer nach den Traditionen der Vorväter.

Für Touristen ist nicht nur der äußerste nördliche Zipfel Kanadas ein beliebtes Ziel - der Weg dorthin ist für viele das größte Erlebnis. Von Whitehorse aus sind es rund 1200 Kilometer Richtung Nordwesten bis Inuvik. Im Wohnmobil, auf dem Motorrad, auf dem Fahrrad oder einfach im Auto. Der Klondike Highway, der in den Dempster Highway übergeht, führt durch unglaubliche Weiten. Die Berge sind hier mindestens so hoch wie die in den Alpen - und nur diese einzige Straße zerschneidet das ursprüngliche Land.

Mit einer Autobahn ist der Highway jedoch nicht zu vergleichen. Gravel Road, das ist die liebenswerte Beschreibung der Kanadier für diese Straße, auf der lauter lose Kieselsteine liegen. Keine Begrenzungen, keine Leitplanken, keine Spuren - dafür gelegentlich ein Schild, wie weit das nächste Haus entfernt ist. Im Sommer, so berichten die Anwohner, sei der Verkehr auf dieser Straße stetig. "Dann kommt einem etwa alle 15 bis 30 Minuten ein Auto entgegen."