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Irritierte Touristen:"Fotos zum Angeben"

Das lässt sich an den aufgeregten Debatten ablesen, die seit einiger Zeit in Online-Reiseforen geführt werden. Der immergleiche Grundton: Wir sind doch total normal. Warum machen die "Einheimischen" dann Fotos von uns?

"We keep having our photographs taken by eager groups of young Indians. (...) We certainly don't want to offend anyone at all, but we are dumbfounded by this and really aren't sure how to react. I mean we're just a couple of straightforward, easy going and unassuming Westerners!"

Indien Touristen als Fotomotiv

"Wir sind fremd für die Leute in Delhi, da ist es nur fair, wenn sie uns auch fotografieren", schreibt Blogger Dave Prager auf ourdelhistruggle.com.

(Foto: privat, Dave Prager)

Gerade vor "Foto-wütigen-Indern" warnen Reisenden einander häufig. Diese würden sich doch nur später im Freundeskreis damit brüsten wollen, dass sie Weiße kennengelernt hätten:

"I don't mean to generalise here but Indian men would love to show that picture to their buddies and brag on how they scored you and dicXed you. I know of a girl from South Africa who's pictures showed up all over the net in porn ads for some penis enlargement scam."

Und es sei eben ganz und gar nicht Dasselbe, ob man als Tourist die Bewohner des Gastlandes fotografiere, oder ob man als Tourist selbst aufgenommen werde. Denn der Reisende fotografiere nicht voyeuristisch, sondern interessiere sich für die "authentische" Kultur. So wie dieser Urlauber:

"I'm an enthusiastic photographer, heading for china for about four weeks. I'm looking for the simple life, villages, authentic costumes, farmer life,colorful authentic places, so I will be greatful for anyone who can recommend me places I will find attractive."

Die Denkrichtung in den Köpfen steht fest. Wenn ich als Tourist fotografiert werde, dann passiert das oft, weil ich weiß bin. Und dieses Weiß-Sein findet der fotografierende Inder, Araber oder Chinese erstrebenswert. Daher müsse man sich schon der globalen Gleichberechtigung zuliebe dagegen wehren, fotografiert zu werden, schreibt ein Reisender:

"How do we feel about being asked for a photo by locals or other Indian tourists? Now I refuse all the time and I'll say why. First it is only because I'm white and it doesn't do any more good for people to be proud of taking a photo with a white person. Also it feels degrading as they only see my skin. I just don't want to be a part of this white skin obsession."

Die Idee, dass die fotografierende Landesbevölkerung genauso wie der Tourist einfach nur fotografiert, was anders ist, kommt erstaunlich wenigen.

Doch hier hilft der technische Fortschritt der schleppenden Selbsterkenntnis auf die Sprünge. Fotografieren wird immer billiger und einfacher. Je mehr Leute über (Handy-)Kameras verfügen, umso mehr wird das gegenseitige Fotografieren zu einer Sache globaler Selbstverständlichkeit und ist nicht länger das Privileg des reichen Touristen.

Es braucht keine Erklärungen mehr, dass es respektlos und unhöflich ist, jemanden ungefragt zu fotografieren. Oder dass eine Bolivianerin, wenn sie sich morgens entscheidet, einen bunten Trachtenrock anzuziehen, nicht gleichzeitig ein Einwilligungserklärung unterzeichnet: Ja, zoom mein Gesicht heran, ohne auch nur meinen Namen zu kennen.

Nun erfahren Touristen am eigenen Leib, wie nervig es ist, ständig fotografiert zu werden. Dabei merken sie: Sie sind nicht Zuschauer im fremden Land, sondern Gäste.

© Süddeutsche.de/kaeb/cag/leja

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