Griechenland: Zypern:Aphrodite lässt die Hässlichen warten

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Luxus unten, Einsamkeit hoch oben: Massen am Meer und Mönche im Gebirge.

John David Morley

(SZ vom 12.06.2001) - Mit dem Dienst an der Göttin der Liebe war das so eine Sache. In seiner Geschichte Griechenlands schrieb Herodot vor zweieinhalb Jahrtausenden, dass jede Frau aus Paphos, gleichgültig welchen Alters, als Priesterin der Aphrodite zu dienen habe. Mit einem geflochtenen Seil um ihr Haupt harrte sie solange im Tempel aus, bis ihr ein Freier eine Münze in den Schoß warf als Zeichen, dass er sie begehrte. "Ich rufe dich zum Dienst an der Göttin!" hieß es, und die Frauen hatten zu folgen. Die Münze kam in die Tempelkasse, die Frauen gaben sich als Weihgeschenk an Aphrodite den Männern hin, erst dann durften sie wieder nach Hause. "Alle die hübsch waren und gut gewachsen, sind bald fertig", kommentiert Herodot den Vorgang, "doch die Hässlichen mussten lange warten, einige drei bis vier Jahre."

Griechenland: Zypern: Fels der Aphrodite

Fels der Aphrodite

Eine alte Geschichte. Bis heute bleibt die Paphos-Region im Westen Zyperns eine Huldigung der Göttin der Liebe. Dabei wird dem Durchschnittsaufenthalt der Pauschaltouristen von ein bis zwei Wochen Rechnung getragen. Weniger Körpereinsatz, mehr Phantasie wird verlangt. Von dem Heiligtum der Aphrodite im heutigen Koúklia (Alt-Paphos) sind heute nur die Fundamente schemenhaft zu erkennen. Krakenartig greifen die Tentakel der hässlichen Feriensiedlungen von Neu-Paphos die Küste entlang nach der Kultstätte der Göttin und hätten sie wohl im Würgegriff, wäre sie nicht vom Betonfeld des dazwischen liegenden Flughafens abgeschirmt.

Vier Kilometer in der anderen Richtung liegt der mutmaßliche Geburtsort der Göttin. Felsbrocken kennzeichnen die ziemlich unscheinbare Stelle, an der sie dem Meer entstiegen sein soll. Kann sein, oder auch nicht. Hat man aber die Märchenreise in die Antike erst angetreten, so soll man nicht zögern, den Schildern Glauben zu schenken, welche die Tummelplätze der Götter ausweisen.

Nach einem Gefährten der Göttin, der sich mit ihr in einer Küstengrotte nahe Polis traf, um Wasserspielen und anderen Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, wird die an der Spitze Westzyperns gelegene Akamas-Halbinsel genannt. Hier gibt es im Mittelmeer malerische Buchten und Strände, die absolut leer sind, wo man von März bis in die Wintermonate baden kann, ohne Masochist oder Angeber zu sein. Zypern verfügt über eine besonders artenreiche Fauna und Flora, diese bleibt aber dem Kennerblick vorbehalten.

In der Strafzeit des Sommers, also in den Monaten Juli, August und September, wenn die Temperaturen wie die Preise am höchsten liegen, wird der kluge Inselbesucher es den Einheimischen vielleicht nachmachen wollen. Sie entfliehen der Hitze ihrer Städte - das Thermometer klettert hier leicht auf 40 Grad - und suchen ein Refugium im billigeren und kühleren Tróodos-Gebirge. Der östliche Teil dieser Gebirgskette ist eher der Limassol-Region in der Inselmitte zuzuordnen, von Paphos und Polis aber, den beiden Aphrodite-Städten jeweils im Süden und Norden der Akamas-Halbinsel, ist der westliche Teil des Tróodos gut zu erreichen. Am besten mit einem Geländefahrzeug. Nebenstraßen auf Zypern, die meisten also, kommen eher den Wünschen eines Abenteuerurlaubers als den Erwartungen des deutschen Durchschnittsautofahrers entgegen. Hier wird ordentlich durchgeschüttelt oder gerührt - eine Wahl, die der Straßenzustand, nicht der Fahrzeuglenker trifft. Wer in einem Mietwagen ohne Vierradantrieb sitzt, den eine Laune der Straße in einen Graben kippt, wird für den Schaden selbst aufkommen müssen.

An der Abzweigung der Nebenstraße von der Hauptstraße muss man Farbe bekennen. Was bin ich, was will ich hier, als Tourist, als Mensch? Korsika, Kreta, Sizilien - Zypern schließt sich einer Reihe von Mittelmeerinseln an, die insgeheim diese Frage stellen. Entscheide ich mich für das Landesinnere oder für die Küste, für das Gebirge oder das Meer, für einen Lebenszustand, den die Zyprioten selbst als rückständig bezeichnen oder für jenen scheinbaren Überfluss, unter changierenden Begriffen wie Komfort, Luxus, derzeit auch als Wellness bekannt, der den Ton in den Hochburgen des Tourismus angibt?

Im touristisch weniger entwickelten Nordzypern, unter türkischer Verwaltung, mag es diese Trennungslinie noch nicht geben, im griechischen Süden hingegen ist sie unübersehbar. Die Paphos-Region ist deshalb eine Besonderheit, da sie dank Naturschutzverordnung auf der Akamas-Halbinsel im Westen sowie dem Tierschutzgebiet des Paphos-Walds und den spärlich besiedelten Bergen im Osten an beiden Lebensweisen auf begrenztem Raum teilhaben lässt - noch. Die Eremiten jedenfalls entschieden sich für die Berge. Wo sich mehrere von ihnen versammelten, entstanden auch schöne Klöster, von auffallend schönen Männern mit beeindruckender Miene und Barttracht bewohnt.

In ihren Zellen mögen sie viel Zeit mit dem Studium ihrer heiligen Texte in den wunderbar verzierten Buchstaben der griechischen Schrift verbringen, ihre tief sonnengebräunten Gesichter lassen aber nicht verkennen, dass sie etliche Stunden am Tag der Arbeit im Weinberg des Herrn widmen. Mag es an den Dienstvorschriften der Aphrodite-Tradition gelegen haben, dass, wie man auf Zypern erzählt, nur die schönsten Knaben im Dorf für den Klosternachwuchs ausgesucht wurden? Dass also die Mönche festhalten an einem heidnischen Überbleibsel aus vorchristlicher Zeit? Den mit Bewunderung und allerlei Fragen verfrachteten Blicken besonders der weiblichen Besucher weichen die Mönche standesgesmäß aus.

Alle anderen geben Auskunft. Und dies ist zwei Umständen zu danken: Der scheinbar nie ermüdenden Hilfsbereitschaft der Zyprioten sowie der Tatsache, dass als Folge von hundert Jahren britischer Kolonialherrschaft auf Zypern Englisch als Zweitsprache einer Mehrheit der Bewohner geläufig ist. Da sitzt man nun in einer Taverna oben in den Bergen. Die blanken Tische und ramponierten Stühle sehen vielleicht so aus, als wären es Provisorien, bis die neue Garnitur geliefert wird. Erst im Laufe der Zeit, erkennt man die magischen Eigenschaften der Tische, die offenbar mitwachsen, wenn auch noch ein fünfter, siebter oder zehnter daran Platz nehmen möchte.

Von der Kirche gegenüber ist dank des an der Mauer angebrachten Lautsprechers der Messe im Kircheninnern gut zu folgen. In Zypern lässt man seine Mitmenschen gern an allem teilhaben, man ist mitteilsam, beginnt ein Gespräch darüber, was der Schwertfisch zur Zeit in Polis kostet oder tauscht sich über die lokalen Nachrichten aus. Erst eine Stunde ist die Gemeinde in der Kirche versammelt, und es werden noch zwei Stunden vergehen, ehe sie sich der Gemeinde in der Taverna anschließt. Hier geht es ums Essen, eine Angelegenheit, die auch zwei bis drei Stunden beansprucht.

Erst kommen die mezedhes auf den Tisch, so genannte Vorspeisen wie Knoblauch, Brottunke, kalte Auberginensauce oder eine orientalisch angehauchte Sesamsauce mit Zitronensaft und Petersilie. Zwischen Vor-, Mittel- und Nachspeise gibt es allerdings keinen klaren Übergang. Unversehens kommt man über marinierten Schinken und gegrillte Würstchen zu einem gourounpoulo, einem gebratenem Spanferkel hinein, und damit ist man bei den solideren Gerichten, welche die Spreu vom Weizen unter der Tischgesellschaft trennen.

Verblüffend ist auch die Vielzahl der Akzente, die man beim Tischgespräch ausmacht. Der Nachbar links spricht wie ein waschechter Londoner, rechts hat einer aus Australien angeheuert, gegenüber gibt jemand den perfekten Südafrikaner ab. Ja, woher denn das alles? Vom Krieg ist auf einmal die Rede, nein, nicht von dem Krieg, sondern von dem viel aktuelleren, der 1974 auf dieser Insel ausbrach, als sich Griechen und Türken um die Herrschaft über Zypern stritten.

Einige, die hier sitzen, verloren damals Haus und Hof im türkisch besetzten Norden, andere wanderten freiwillig aus, da sie im zerstörten Inselfrieden keine Zukunft für sich und ihre Kinder sahen. Die aber sind es, die inzwischen aus aller Welt zurückgekehrt sind, um ihre Zukunft zu reklamieren. Und siehe da, hier in dieser Taverne ist sie Gegenwart geworden.

Es wird erzählt, wie ein Bauer einen Touristen beim Orangenklau zusieht. Er geht gemessenen Schrittes auf ihn zu - schon zittert der Missetäter. Aber anstatt ihn zur Rede zu stellen empfiehlt er ihm, doch die Orangen vom anderen Baum da drüben zu nehmen, die würden viel besser schmecken als die Früchte an diesem Baum. Ja, und dann die Oliven, die Olivenbäume erst recht, sie müssten dem ganzen Volk gehören, gab doch der Olivenzweig das Symbol für den Frieden ab, den verloren gegangenen, was sie an ihm hatten, merkten sie erst, als er weg war. Serefe! Zum Wohl! Eine leichte Mittagsbrise kommt auf, und in der Ferne weit unten kräuselt sich das blaue Meer.

Vom Autor ist vor kurzem die Erzählung "Nach dem Monsun: eine Kindheit in den britischen Kolonien" im Malik-Piper Verlag erschienen.

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