Swanetien in Georgien Mitten im kaukasischen Traum

Hohe Berge wie der Mount Laila prägen Georgien.

(Foto: Hans Gasser)

Es muss ja nicht immer das Wallis sein: Wer im wilden Swanetien in Georgien unterwegs ist, kann sich wie ein Entdecker fühlen.

Von Hans Gasser

Wer seine Skier frühmorgens durch das Bergdorf Mazeri trägt, muss erst mal im Slalom um Dutzende Kühe und Ochsen herum. Die stehen hier stoisch auf den schmalen Wegen und erfüllen eine wichtige Funktion: Das Eis ist weniger rutschig, wenn ein gefrorener Kuhfladen darauf liegt. Und es liegen sehr viele Kuhfladen auf den Wegen. "Unsere Designerkühe", sagt Richard Bærug - weil die Tiere besonders schön gescheckt sind - und geht voraus, die Tourenski geschultert. Die Bauern grüßen den hageren, großen Mann freundlich, jeder im Dorf kennt ihn, und die meisten wissen, dass der Norweger ein ziemlicher Segen für das Bechwi-Tal ist.

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Holzrauch liegt in der Luft, Hunde kläffen, hier im Dorf ist noch Schatten, aber 3000 Höhenmeter weiter oben treffen die ersten Sonnenstrahlen auf den Südgipfel des Uschba. "Der Schreckliche" bedeutet das, "Matterhorn des Kaukasus" wird er auch genannt, nur mit dem Unterschied, dass er gleich zwei Gipfel hat, die mit 4700 Meter noch höher als das Schweizer Vorbild sind. Das hier ist Swanetien, eine Region in Georgien, deren Bewohner davon träumen, einmal so erfolgreich zu werden wie das Schweizer Wallis. Daran arbeiten die Leute hier. Auch Richard Bærug. Wobei ihm eher das Ursprüngliche gefällt: "Ich bin ganz froh, wenn unser Bechwi-Tal frei bleibt von Skigebieten."

Vor ein paar Jahren kam Bærug als Tourist hierher, sein einheimischer Bergführer sprach davon, dass seine Familie ein Haus habe, das sie zum Hotel umbauen wollten, aber es fehle das Geld. "Viel Geld!" 3000 Lari bräuchte man wohl, sagte der Bergführer - das waren 1000 Euro. "Als er mir das Haus zeigte, inmitten von blühenden Bergwiesen, mit Blick auf den Uschba, da waren meine letzten Zweifel beseitigt - und ich wurde Hotelinvestor", sagt Bærug. Man besiegelte das Ganze per Handschlag, und ein Jahr später war das "Grand Hotel Ushba" bereit für die ersten Gäste.

Das "Grand" im Namen ist leicht ironisch zu verstehen, hat das Hotel in zwei Gebäuden doch gerade mal 13 Zimmer. Der 51-Jährige lebt das halbe Jahr hier, managt und kellnert, und manchmal geht er, wie heute, mit seinen Gästen auf Skitour, um ihnen die schönsten Plätze des an außergewöhnlichen Schönheiten reichen Bechwi-Tals zu zeigen. Die Tour führt an frühlingshaft gurgelnden Bergbächen entlang durch das verlassene Dorf Gul hinauf zur Gul-Alm, deren Holzhütten unter einer dicken Schneedecke liegen. Man kommt dem Uschba immer näher, sieht die Gletscher unter den Felswänden, und mit der Perspektivveränderung schält sich der Nordgipfel hervor hinter dem Südgipfel. Letzterer, erzählt Bærug, wurde 1903 von einer österreichischen Expedition erstbestiegen, er galt damals als einer der schwierigsten Gipfel der Welt.

Die Innsbrucker Bergsteigerin Cenzi von Ficker war mit von der Partie, musste aber auf den Gipfel verzichten, um zwei verletzte Kameraden zu bergen. Beim Empfang durch den swanetischen Prinzen Dadeschkeliani soll sie so traurig gewirkt haben, dass der ihr aus Mitleid und Bewunderung den Uschba schenkte. Die Urkunde liegt im Alpinen Museum in München. Fortan wurde die Bergsteigerin das "Uschba-Mädel" genannt.

Die Ärztin hat die Zeichen der Zeit erkannt: Sie betreibt nun eine Pension und baut eine weitere

Mehr als 100 Jahre danach zieht Swanetien Jahr für Jahr mehr Touristen an, die bisher vor allem im Sommer zum Wandern kommen. Man kann hier ziemlich gute Trekkingtouren machen, von Dorf zu Dorf. Denn diese liegen recht hoch, wie etwa das als Unesco-Weltkulturerbe geschützte Uschguli mit seinen zahlreichen Wehrtürmen auf 2200 Meter. Aber auch der Wintertourismus wird entwickelt. Gerade entstehen erste Skigebiete, zum Beispiel jenes von Tetnuldi, am Fuß des gleichnamigen, 4858 Meter hohen Berges. Der erste Lift hat im Februar geöffnet, und Adoli Goschteliani ist mächtig stolz darauf.

Er ist ein Mann, mit dem man nicht in Streit geraten möchte: wortkarg, Charakternase, grauer Fünftagebart und Hände groß wie Suppenteller. Er ist Vizedirektor der Skilifte hier und gibt sich überzeugt, dass das mal ein international erfolgreiches Skiresort wird. "Bis Jahresende bauen wir noch fünf Lifte, mit 9,5 Kilometern werden wir die längste Piste des Kaukasus haben", sagt er, während er im bisher einzigen, aber hochmodernen Sessellift der französischen Firma Poma mit nach oben fährt. Die Investition, zum Teil mit Krediten aus Frankreich finanziert, betrage 100 Millionen Dollar. "Wenn wir hier fertig sind, wollen wir auf der anderen Talseite ein Gletscherskigebiet bauen", sagt Goschteliani.