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Frankreich:Einfach ziehen lassen

Wer mit dem Kajak in der Bretagne unterwegs ist, kommt an idyllischen Dörfern und schöner Landschaft vorbei. Und befährt ein Terrain, auf dem auch Olympiateilnehmer trainieren.

Von Ingrid Brunner

Ronan Gac taucht sein Paddel ins Wasser der Vilaine. Es regnet wie aus Kübeln. "Am liebsten bin ich auf dem Wasser, wenn es so richtig runterschüttet, dann bin ich meist allein unterwegs." Nun, Regen kann er haben, in der Bretagne regnet es oft, nicht von ungefähr ist sie so schön grün. Was soll's, am Ende des Tages ist Ronan Gac ohnehin nass - Trockenanzug hin oder her. Gac arbeitet als Kajak-Trainer und Tourenbegleiter im Wassersportzentrum Cesson-Sévigné. Er macht Ausflüge mit Schulklassen, gibt Kajak-Kurse, verleiht Boote an Touristen. Viele Engländer sind unter den Gästen, die traditionell gern Wassersport treiben - und kein Problem mit Regen haben.

Besucher sehen hier echten Könnern beim Training zu: Cesson-Sévigné ist Leistungszentrum für Kanuten und Kajakfahrer, die um Medaillen für Frankreich kämpfen. Die künstlich geschaffene Wildwasseranlage hat sogar einen kleinen Wasserfall. Mit etwas Glück trifft man hier auch Jean-Pierre Bourhis. Er trat für Senegal bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro an und studiert an der Universität von Rennes. In seiner Freizeit zeigt er Studenten, wie man Stromschnellen meistert und wie man sie, entsprechendes Können vorausgesetzt, sogar hinauffahren kann.

Cesson-Sévigné, vor den Toren der bretonischen Hauptstadt Rennes gelegen, ist ein idyllischer Ort, mit viel Geschichte, die bis in die galloromanische Zeit zurückreicht. Die Römerstraße verlief hier, die fünfspännige Brücke über die Vilaine, unter der man mit dem Kajak durchfahren kann, zeugt davon. Der Fluss ist gesäumt von den grauen bretonischen Steinhäusern, Mauern und vielen Trauerweiden. Diese romantische Kulisse nutzten die Bewohner aus der bretonischen Hauptstadt für Sonntagsausflüge. Bis in die 1960er-Jahre kamen sie in die Guignettes genannten Ausflugslokale, um Schnecken zu essen und zu Akkordeonmusik zu tanzen.

Bevor die Freizeitsportler Frankreichs Kanäle entdeckten, waren sie Transportwege

Die Kajakfahrer sind also nicht die ersten, welche die Vilaine und die mit ihr verbundenen Känale zum Freizeitvergnügen nutzten. Besonders die Känale ziehen viele Kajakfahrer an. Heute ist der Ort ein guter Startpunkt, um die Bretagne vom Wasser aus zu erkunden. Kanäle durchziehen Frankreichs Nordwesten wie ein Adersystem. Bevor die Freizeitsportler die Kanäle für sich entdeckten, waren sie Transportwege, auf denen Güter und Lebensmittel vom Landesinneren in die Hafenstädte und bis nach Paris transportiert wurden. Man könnte von Cesson zu einer mehrtägigen Tour nach Saint-Malo auf dem Canal-d'Ille-et-Rance aufbrechen. Oder einen Teil der Strecke von Nantes nach Brest befahren. Den Baubeginn hatte noch Napoleon angeordnet. Fertiggestellt wurde die Wasserstraße aber erst 1842 - und 1848 von Napoleon III. eröffnet.

Etwa zehn Tage dauert es, diesen Weg auf dem Kanal zurückzulegen. Gut 200 Schleusen machen den 360 Kilometer langen Wasserweg zu einer gemütlichen Tour ohne Gefälle. An den Ufern liegen stille Dörfer mit schönen, alten Häusern und pittoresken Kirchen. Zu schade, um einfach vorbeizufahren: Da ist etwa Nort-sur-Erdre mit seinem alten, winzigen Hafen, in dem kleine Yachten neben Kähnen festmachen. Ebenso wie die Dörfer Blain, Guenrouët oder Redon: Im Ort trinkt man ein Gläschen mit Hausboottouristen oder Seglern, die allesamt auf dem Kanal unterwegs sind, isst eine Galette-Saucisse. Bei dieser Variante ist eine Schweinswurst in den Teig eingewickelt, die Bretonen lieben sie, der Rest der Welt muss erst lernen, sie zu lieben.

Es ist eine beschauliche Art des Vorankommens. Ab und an zeigen Straßenschilder den Weg an die Küste, dorthin, wo viele Wassersportler unterwegs sind, von denen nur wenige wissen, dass es ein paar Kilometer entfernt im Hinterland noch viel zu entdecken gibt. Wer sich nicht so recht entscheiden kann zwischen Fluss und Meer, wählt eine Kombination aus beidem. Vincent Achard kennt die Küsten- und Flussregion in der südlichen Bretagne wie seine Westentasche. Eine Tour beginnt bei ihm zum Beispiel am Strand von Raguenes, der zum Ort Nevez gehört. Der Künstlerort Pont-Aven ist das Ziel des halbtägigen Ausflugs. In seinem klapprigen Lieferwagen mit Bootsanhänger geht es hinunter zum Strand auf der Rue des Îles. Vom Ufer blickt man hinüber auf die Insel Groît und andere kleine Eilande, flach wie skandinavische Schären liegen sie im Wasser, dazwischen tiefblaues Meer, weißer Sand und ein paar Möwen in der Luft. Und jede Menge Stille.

Vincent macht die Boote klar, er holt Leinen, Schwimmwesten, Regencapes, einen warmen Pullover aus dem Wagen. Er denkt an alles - aber wozu die Leine? "Wenn du müde wirst, nehme ich dich ins Schlepptau." Das Ablegen vom Strand ist eine kippelige Angelegenheit, aber schwimmt das Kajak erst einmal, geht es sanft schaukelnd dahin. Immer in Küstennähe, so kann sich auch der ungeübte Ausflügler ohne Angst auf dem Meer fortbewegen. Nur: Zu nah sollte man der Küste denn doch nicht kommen. An den herrlichen rosa Granitfelsen, für welche die Bretagne berühmt ist, schäumt das Wasser. So nähert man sich gemächlich der Anse de Rospico, einer tiefen, flachen Bucht. Mit ihrem weißen Sandstrand erinnert sie an eine tropische Lagune. Vorbei an Port Manec'h mit seiner befestigten Hafenanlage und einem Strand mit weißen Umkleidekabinen.

Hinweis

Die Recherchereise für diesen Beitrag wurde zum Teil unterstützt von Veranstaltern, Hotels, Fluglinien und/oder Tourismus-Agenturen.

Und schon ist man mitten in der Mündung des Flusses Aven, arbeitet sich gemächlich stromaufwärts. Am Ufer liegen Herrenhäuser, das silbrig glänzende Dach des Château du Hénan lugt zwischen Baumkronen hervor. Gerade kann es einem gar nicht langsam genug sein. Irgendwann legt Vincent tatsächlich die Leine ans Besucherboot. Er hat gemerkt, dass die Anfängerin ein wenig flügellahm geworden ist. Wäre doch fast nicht nötig gewesen, man ist ja schon in Pont-Aven. Das Regencape war überflüssig. Es regnet oft, aber nicht immer in der Bretagne.

© SZ vom 07.09.2017

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