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Europäische Kulturhauptstadt 2016:Mit dem Kulturzug nach Breslau

Breslau

Von Berlin nach Wrocław (so der polnische Name von Breslau): Über die Sommermonate fährt an den Wochenenden ein spezieller Zug zwischen den beiden Städten.

(Foto: Sarah Schmidt)

Der Titel "Kulturhauptstadt 2016" ist ein wunderbarer Anlass, endlich Breslau in Polen anzuschauen - die Stadt ist ein Gesamtkunstwerk.

Nichts vermittelt auf Reisen so schön ein Gefühl für Nähe und Distanz wie eine Zugfahrt. Es gibt einen Start- und einen Zielpunkt, dazwischen eine Strecke, die beide verbindet. Und dem Reisenden bleibt - anders etwa als im hektischen Flugbetrieb - Zeit, sich einzustimmen. Zeit zum Reisen.

Der Kulturzug, der von Mai bis September zwischen Berlin und Breslau fährt, ist daher eine charmante Idee. Los geht es am Samstagmorgen in Berlin, zurück dann entweder bereits am Samstagabend oder am späteren Sonntagnachmittag. 38 Euro hin und zurück, durchaus ein fairer Preis, um einen oder zwei Tage in Europas Kulturhauptstadt des Jahres zu verbringen. 2016 teilt sich Breslau diesen Titel mit San Sebastián im Baskenland. Allerdings muss man das Kulturzug-Angebot erst einmal finden - es ist gut versteckt auf den Seiten von Bahn und VBB.

Beklommener Blick auf die Geschichte

Die Fahrt beginnt um halb neun am Bahnhof Berlin-Lichtenberg, fünf Minuten später hält die speziell zu diesem Zweck bereitgestellte Regionalbahn dann am Ostkreuz, bevor sie gen polnische Grenze zuckelt. Die Fahrgäste - viele Paare um die 60, ein paar Studenten - trinken Kaffee aus Thermoskannen und blättern durch ihre Reiseführer. In der kinderleeren Kinderecke sitzen zwei alte Männer und erzählen sich von früher.

Bis zur Ankunft bleibt noch viel Zeit, um sich ein bisschen einzulesen in die lange und bewegte Geschichte der Stadt, während vor dem Fenster gemütlich Spreewald und Lausitz vorbeiziehen. Wie bei vielen europäischen Metropolen könnte einem schwindelig werden, während man sich durch Jahrhunderte Geschichte ackert. Hier ein kleiner Exkurs für all jene, die nur grob auf dem Schirm haben, dass Breslau mal in Deutschland lag und jetzt polnisch ist.

Kurztrip durch Breslaus Geschichte

Los geht es mit Wandalen und Slezanen im 4. Jahrhundert an der Oder. 990 dann die Eroberung von Wortizlawa (einer der vielen vielen Namen der Stadt) durch den Piasten-Herzog Mieszko I. Eine Burg, ein Dom, fertig war die Kleinstadt. Dann das übliche muntere Hin und Her zwischen Herrschern und Königen, Polen und Deutschen, Böhmen und Ungarn, Habsburgern und Preußen. Immer mittendrin Kirche und Kaufleute.

1875 war Breslau dann drittgrößte deutsche Stadt - nach Berlin und Hamburg. Die NS-Zeit dann das düsterste Kapitel von Breslaus Geschichte: Stramme Nazimetropole, ganz vorn mit dabei bei der Judenverfolgung, schließlich Verteidigung der "Festung Breslau" bis zuletzt, etwa 70 Prozent der Stadt zerstört.

Mit Kriegsende beginnt dann die polnische Zeitrechnung von Breslau, nun unter Anlehnung an die polnischen Ur-Stadtväter in Wrocław umbenannt. Innerhalb weniger Monate wird die komplette Bevölkerung ausgetauscht - alle verbliebenen Deutschen müssen die Stadt verlassen, angesiedelt werden vertriebene Ostpolen, die durch die Annexion der Sowjetunion ihre Heimat verloren hatten. Reset für eine ganze Stadt - aus heutiger Sicht kaum vorstellbar.

Mit der Solidarność geht schließlich das sozialistische System der Volksrepublik Polen seinem Ende entgegen. Wieder ist Breslau ein wichtiges Zentrum. Hier wirkt auch die Oppositionsgruppe Orange Alternative, die als Zeichen des Protests Zwergen-Graffiti an die Wände malt. Dann Öffnung nach Westen, 2004 der EU-Beitritt Polens.

Deutsche Reisende könnte angesichts dieser bewegten jüngeren Vergangenheit ein Gefühl der Beklommenheit überkommen. Steht Breslau doch geradezu prototypisch für die Komplexität Europas, für die Verbrechen der NS-Zeit, für Krieg und Wiederaufbau, den Wechsel von Herrschern und politischen Systemen, aber auch Jahrzehnte und Jahrhunderte wirtschaftlichen, künstlerischen, intellektuellen Schaffens und Großstadtlebens. Wie wird es sein in dieser Stadt, auf der so viel Geschichte haftet wie Lackschichten auf einer alten Gartenbank?

Lesung per Lautsprecher

Ein gutgelaunter Kulturzugbeauftragter betritt den Waggon. Auf jeder Fahrt unterhalten Lesungen, kleine Konzerte und Theateraufführungen die Passagiere. An einigen Ecken und Enden holpert es jedoch noch etwas. Zum Beispiel ist die Lautsprecheranlage eines Regionalzugs nicht dafür geeignet, längere Texte vorzulesen - so lustig und aufschlussreich die Geschichten von Steffen Möller, deutscher Gastarbeiter in Polen und Kabarettist, auch sind.

Das Quiz zur Oderpartnerschaft von Berlin und Breslau hingegen ist durchaus kniffelig. Wer oder was ist Bagna Biebrzańskie? (Das größte Moorgebiet in Europa) Seit wann ist Polen offen? (Von Deutschland aus seit dem 21. Dezember 2007) Auch lernen die Fahrgäste, dass in der Nazizeit ein Zug nur zweieinhalb Stunden von Berlin in die damals achtgrößte deutsche Stadt brauchte. Mit der regulären Bahnverbindung ist man heute sechs Stunden unterwegs, der Kulturzug schafft es immerhin in viereinhalb.

So geruhsam die Fahrt auch ist, wenn der Kulturzug am Mittag Breslau erreicht, gilt es, keine Zeit zu verlieren. Ist die Rückfahrt für denselben Tag gebucht, bleiben fünf Stunden Zeit, bei einer Übernachtung immerhin 27 Stunden. In jedem Fall ist es ambitioniert, sich dieser Stadt in so kurzer Zeit zu nähern.

Kleines europäisches Wunder

Immerhin macht Breslau Besuchern das Kennenlernen leicht: Die Stadt präsentiert den neu renovierten Bahnhof, der von außen an ein Schloss erinnert, als erste Sehenswürdigkeit. Die Altstadt ist zu Fuß erreichbar - ein von der Oder räumlich begrenztes Areal, in dem viele bedeutende Stätten der Stadtgeschichte versammelt stehen.

Zentrum ist der Marktplatz, der Rynek: In der Mitte das Rathaus, drumherum restaurierte Bürgerhäuser - das Bild erinnert an Prag. Und auch vor der Universität oder in den Kirchen ist das gemeinsame europäische Erbe spürbar. Die große Leistung des Wiederaufbaus ist bewundernswert. Die Zerstörung im Krieg merkt man der Innenstadt nicht an. Nur damit auch nicht mehr die Wunden, die diese Stadt einst erlitt.

Bresslau

Der Rynek, der Marktplatz, ist das Herzstück der Stadt - hier herrscht von morgens bis abends fröhlicher Betrieb.

(Foto: Sarah Schmidt)

Gleichzeitig ist die Stadt jung. Und vor allem erfrischend unprätentiös. Gerade mit der bewegten Vergangenheit im Hinterkopf wirkt Breslau überraschend unbeschwert. Liegt es am Wasser, den vielen Brücken, die die Altstadtinseln verbinden, dem "work in progress"-Charakter, der polnischen Improvisationsgabe, den vielen Studenten in der Stadt?

Die Breslauer haben es jedenfalls geschafft, an die vielen losen Fäden der verschiedenen Epochen anzuknüpfen, sie zu verbinden und einzuweben in ein neues, ein eigenes Stück Stadtgeschichte. Allein das ist eine Leistung, die Breslau zu einer würdigen Kulturhauptstadt 2016 macht: zu einem kleinen europäischen Wunder, das für Wiederaufbau, Versöhnung, Verständigung, Gedenken und neuem Denken steht.

Wundertüte Kulturprogramm

Daher stört es auch nicht, dass das offizielle Veranstaltungsprogramm der Stadt einer fröhlichen Wundertüte gleicht - vom Jazz-Festival bis zur Bonsai-Olympiade. Und 7374 Profi- und Hobby-Gitarristen knacken einen Weltrekord, indem sie gemeinsam "Hey Joe" von Jimi Hendrix spielen. Es ist übrigens die eigene Bestmarke, die da überboten wird, schon in früheren Jahren wurde dieses Spektakel in Breslau zelebriert. Das ist es, was die Stadt so sympathisch macht: Sie reiht sich nicht ein in den Wettbewerb um den höchsten Wolkenkratzer, die größte Attraktion, die meisten Sterneköche, Opernhäuser, Festivals. Sondern sucht sich nach Lust und Laune und dem nötigen Schuss Extravaganz die eigenen Nischen.

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Am schönsten sind Kunst und Kultur in Breslau, wenn sie ganz beiläufig sind - wie hier in der Hinterhofpassage Niepolda, die mit alten Leuchtreklamen geschmückt wurde.

(Foto: Sarah Schmidt)

Treffend wurde das Motto zum Kulturjahr ausgewählt: "Spaces for Beauty: in Action". Das kann eben auch heißen, der Kultur den nötigen Raum zu lassen, um sich zu entfalten, ohne sie schon Monate vorab in einen buchbaren, planbaren, abgezirkelten Veranstaltungskalender zu pressen. Den Blick auf das Schöne zu lenken, das in jedem Augenblick entsteht, auf die kleinen Dinge, die spontanen Überraschungen - dafür steht Breslau. Tatsächlich sprießt Kultur überall in der Stadt wie Gras aus den Gehwegritzen.

Bresslau

Gehweg-Gallerie: Kunst im Vorbeigehen - dafür ist Breslau ideal.

(Foto: Sarah Schmidt)

Und wenn man mit müden Füßen und dem Kopf voller Eindrücke wieder im Kulturzug zurück nach Berlin sitzt und durch die Landschaft zuckelt, spielt im Mittelgang eine Zwei-Mann-Combo mit Gitarre und Saxophon entspannten Jazz, den Verstärker im Gepäcknetz. Das fühlt sich an, als wäre man Teil eines kleinen europäischen Gesamtkunstwerks. So wird selbst aus einem schnöden Zugabteil ein "Raum für Schönheit".

© SZ.de/kaeb/lala

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