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Emilia-Romagna:Mit dem Wolfsrudel in die Zukunft

Italien

Marco Cirese will unverfälschten Sangiovese produzieren.

(Foto: Johanna Pfund)

Palazzi und Weingüter in Italien sind großartig, aber die Erben brauchen auch neue Ideen, um Häuser und Land langfristig zu erhalten und erfolgreich zu bewirtschaften.

Von Johanna Pfund

Früher lag das Dorf Tredozio in der Toskana, erzählt Beatrice Fontaine. Bis Mussolini seine Heimatregion vergrößern wollte, und den Streifen Toskana der Emilia-Romagna zuschlug. Das ist jetzt fast 100 Jahre her, aber ein Toskana-Gefühl ist geblieben, sanfte Hügel, kleine Höfe und Säulenzypressen rahmen das eng zusammengebaute Dorf Tredozio, das für seine Schuhabsätze und hochklassigen Reitstiefel bekannt wurde. Der Palazzo Fantini der Familie Fontaine fällt in der Hauptstraße mit ihren eng aneinander gebauten Häusern kaum auf. Doch hinter dem Tor öffnet sich die Welt der Gutsherrschaft.

Stallungen, Innenhöfe, Werkstätten, die in ein Mini-Museum verwandelt wurden, die Mauern sind gelb und rot gestreift, dahinter zieht sich ein Garten den Hang hinauf, zunächst mit schön von Buchs eingefassten Blumenbeeten, dann mit einer Baumregion mit Zedern und einem Englischen Garten. Früher verbrachte Beatrice Fontaine ihre Sommer hier. Vor 30 Jahren hat die Familie die Innenhöfe und den Park für Besucher geöffnet. "Wir waren zunächst skeptisch, aber es funktioniert gut", sagt Fontaine. Eines zeigt sich nämlich - Schönheit bleibt Schönheit, und die Menschen lieben grüne Orte.

Nun geht es für Fontaine darum, wie sie dieses Erbe in die Zukunft trägt. "Man braucht viel Geld, aber ich möchte das Anwesen für die italienische Kultur und ihre Traditionen bewahren." Ein Schritt ist schon gemacht: Einen der kleinen Höfe, die früher zum Gut gehörten, hat sie in ein Ferienhaus umgewandelt. Ein Nachbar zieht jetzt nach. Etwas Tourismus, das sei gut, findet Fontaine. Aber noch sind Gäste am Abend im Restaurant von Tredozio, in dem selbstverständlich gut gekocht wird, eher Exoten.

Ein Tal weiter versucht auch Marco Cirese, das Erbe seiner Familie für die Zukunft aufzustellen. Das Weingut Pandolfa, was so viel wie Wolfsrudel heißt, liegt bei Fiumana di Predappio. Cireses Urgroßvater hat das Gut mit seiner prächtigen Zufahrtsallee und dem nicht minder prächtigen Herrenhaus 1941 gekauft, damals, als viele alteingesessene Familien mit ihrem Besitz nicht mehr zurechtkamen. Die Großmutter Noelia Ricci investierte später in den Keller - und auf ihre Tradition der Erneuerung beruft sich jetzt der Enkel. Es gibt immer noch die Pandolfa-Weine, doch unter dem Namen der Großmutter hat er 2010 eine eigene Weinlinie begonnen. Eines seiner Ziele: "Wir wollten den Sangiovese in seiner ganzen Reinheit machen, die Traube wieder adeln und veredeln." Vor 30 Jahren hielt man einen dunklen, kräftigen Sangiovese für ideal, Cirese dagegen will den echten Geschmack der Traube zulassen. Dafür nutzt Cirese vor allem die Reben in den höheren Lagen des Geländes, das bis auf 340 Meter Seehöhe reicht. Dort ist der Boden sandig, teils aus Kalk.

"Der Ertrag ist geringer als im Tal, aber der interessanteste Boden ist oben am Hügel", sagt Cirese. Neben dem Sangiovese produzieren sie auf dem Gut für die Ricci-Linie noch Trebbiano. Und weil Cirese gelernter Kommunikationsexperte ist, hat er den Weinen auch eine Geschichte mitgegeben, die beim Internetauftritt beginnt und bei den Flaschen endet. Die Etiketten zeigen die Tierzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert, damit ist die Verbindung zur Natur gegeben. Den Sangiovese ziert eine Wespe, eine Reminiszenz an das Insekt, das steter Gast in den Weinbergen ist. Der Wal auf dem Trebbiano verweist darauf, dass das Land von Pandolfa einst von Meer bedeckt war. Und über die Visitenkarte von Marco Cirese marschiert ein Wolf. Vermutlich in die Zukunft.

Giardino Italiano: www.palazzofantini.net; Weingut: www.noeliaricci.com

© SZ vom 30.12.2020
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