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Berlin-München mit der Deutschen Bahn:Angst vor der nächsten Durchsage

Eröffnung Schnellfahrtstrecke Berlin München Dr Angela Merkel CDU Bundeskanzlerin und Rich

Die Probleme zeichneten sich bereits kurz nach der Streckenfreigabe durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bahnchef Richard Lutz am Freitag ab.

(Foto: imago/STAR-MEDIA)

Was Fahrgäste erlebten, die nach dem Fahrplanwechsel die neue schnelle Verbindung nutzen wollten.

Sonntagmittag geht es noch gut los. "Ja, ich sitze in dem neuen schnellen ICE, der nur drei Stunden 55 von München bis Berlin braucht", flötet eine Mitfahrerin ins Handy, um mit leichtem Pathos anzufügen: "16 Jahre hab ich darauf gewartet." Und als der Zug pünktlich losfährt, sagt sie noch: "Für Weihnachten können wir auch gleich Tickets buchen, das ist doch viel besser als fliegen." Dann kam Nürnberg. Kurzer Aufenthalt. Eine Durchsage: Wegen technischer Probleme werde es einige Minuten dauern, man solle die Zeit doch nutzen, um kurz an die frische Luft zu gehen. Nächste Durchsage, 15 Minuten später: Wegen technischer Probleme müsse leider die alte ICE-Strecke befahren werden, man erreiche Erfurt 120 Minuten später.

Im Abteil wird gelacht, niemand motzt. Ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen ist, wenn die Fahrgäste bei zwei Stunden Verspätung nicht mal mehr wütend werden? Der Zug fährt, bleibt aber bald wieder stehen. Nächste Durchsage: In Fürth werde man wenden und doch die neue Strecke nehmen. Verspätung wohl 80 Minuten. Zehn Minuten später eine weitere Durchsage: Leider müsse man doch die alte Strecke nehmen, es seien jetzt 150 Minuten Verspätung. Hörbares Seufzen aus dem Kinderabteil. Zwei Stunden länger die schon quengeligen Kleinkinder zu bespaßen, ist noch härter, als jetzt als Schaffner durch die Waggons zu laufen.

Hinter Würzburg bietet die Bahn "als kleine Entschädigung" Snacks und Getränke kostenlos im Zug-Bistro an. Der halbe Zug steht auf und bildet eine lange Schlange. Zugpersonal verteilt Umschläge, man soll seine Adresse eintragen, dann erhalte man eine "kleine Aufmerksamkeit". Bei der nächsten Durchsage heißt es, man bekomme den kompletten Fahrpreis ersetzt. In Erfurt angekommen, muss der Zug gewechselt werden, der Ersatzzug kommt am Gleis gegenüber an, mit zehn Minuten Verspätung. Die weitere Fahrt verläuft störungsfrei. Ankunft: 18.43 Uhr Berlin Hauptbahnhof statt wie geplant 15.51 Uhr.

Montag morgen, 6 Uhr, Gleis 18 in München. Der ICE sollte schon längst losgesprintet sein in Richtung Berlin. Doch noch ist kein Zug zu sehen. Aus den Lautsprechern die Ansage: Start mit einer halben Stunde Verspätung. Die Anzeigetafel deutet bereits an, wo das Problem liegt: Wagen 27 ist out of order. Ein paar Hundert Meter weiter im ICE-Werk wird der Zug von einem Techniker überprüft. Es ist unklar, ob der Zug überhaupt fahren kann. So erzählt es ein Schaffner. Ein Fenster ist von Rissen durchzogen, es sieht aus wie ein Mosaikmuster. Der Techniker entscheidet, dass der Zug fahren kann, kurz darauf rollt er ein. Es ist der Zug, auf dessen Spitze die Kanzlerin und zig andere Gäste mit Edding unterschrieben haben.

Das beschädigte Fenster in Wagen 27 ist nun von außen und innen mit Panzerfolie abgeklebt. Aus Sicherheitsgründen darf niemand im Abteil sitzen, doch an der Geschwindigkeit, die dieser Zug fahren wird, ändert das Fenster nichts. "Wir fahren mit V max", freut sich der Schaffner, also Tempo 300. Nach jedem Halt - Nürnberg, Erfurt, Halle - entschuldigt er sich für die Verspätung. Ein Passagier, der wütend murmelnd durch das Bordbistro stampft, sieht, dass um ihn herum mindestens fünf Bahn-Mitarbeiter stehen, zwei Schaffner und die Bedienungen. Also nutzt er die Gelegenheit und beschimpft sie wegen des "Service bei der Scheiß-Bahn". Nach fast viereinhalb Stunden ist es geschafft, Ankunft in Berlin um 10.17 Uhr statt 9.51 Uhr.