Auf den Spuren der Maya Das Opfer des Königs

Nur das Zeremonialzentrum, etwa ein Prozent Tikals, wurde ausgegraben. Die Fläche wird immer wieder für Fotoaufnahmen und die Touristenströme gerodet, zuletzt 1960.

Heute sind die mächtigen Pyramiden wieder im wuchernden Grün versunken, nur ihre Spitzen ragen aus den Baumungetümen hervor. Den besten Ausblick auf diesen Kampf zwischen Natur und Menschenwerk bietet Tempel IV, der an diesem Nachmittag voll mit Touristen besetzt ist. Im milden Scheinwerferlicht des Sonnenuntergangs erstrahlen die Pyramidenspitzen rot über dem grünen Meer der Bäume, das jetzt glänzt wie der eingeölte Panzer einer Riesenschildkröte.

Brüllaffenkonzert vor dem Tempel

Eine andächtige Stille hat Tempel IV erfasst. Auf der Bühne davor aber findet ein ohrenbetäubendes Spektakel statt. Eine Gruppe von Brüllaffen hat ihr Konzert begonnen, mit schrillen Schreien markiert sie ihr Revier. Es ist ein Kläffen und Grunzen, in das bald Hunderte einfallen, ein wütendes Bellen von Kettenhunden, Tausende müssen es jetzt sein, das Brüllen schwillt an und ebbt wieder ab, schlägt über den Wipfeln der Baumriesen zusammen wie die Wogen einer Brandung, in der sich das Kronendach im Rhythmus wiegt. Doch an der letzten Tempelspitze bricht sich milde das Licht der untergehenden Sonne und überglänzt das Inferno mit einer Strahlenkrone.

Die Metropole Tikal wurde im 9. Jahrhundert aufgegeben. Zur gleichen Zeit versank 300 Kilometer westlich, im heutigen Mexiko, ein weiteres Maya-Zentrum. Lakanha, Großes Wasser, nannten die Maya ihre Stadt, erst die spanischen Konquistadoren sollten sie ein Jahrtausend später Palenque taufen. Sie war längst nicht so groß wie Tikal, aber eine der reichsten Städte ihrer Zeit.

Vornehm thront sie auf einem Plateau über dem Tiefland. Eine elegante Anlage, nicht in steinerner Wucht aus dem Boden geballt wie die meisten Maya-Städte, sondern mit leichter Hand auf dem lindgrünen Hain verteilt. Die mit farbigem Stuck verzierten Tempel und Paläste waren einzigartig im Riesenreich der Maya. Sie zierten keine Monsterfratzen, gezähnte Tiermäuler oder Totenschädel wie die Bauten in Tikal, sondern wunderbar feingliedrige Reliefs.

Filigrane Gewölbe im Palast von Tikal

Der Palast erhebt sich über einem Platz, der von kleineren Residenzen des Adels begrenzt wird. Immer wieder haben ihn die Könige erweitert, mit immer prächtigeren Wandmalereien und Stuckaturen versucht, ihre Vorgänger zu übertreffen. Die Architekten Palenques waren berühmt dafür, dass sie besonders filigrane Gewölbe bauen konnten, nirgends sonst gab es so helle und luftige Gemächer. Kleine Fenster, die wie Düsen wirken, sorgen für Ventilation. Ein Windstoß fährt durch die leeren Zimmerfluchten und treibt einen Schwarm Fledermäuse vor sich her, der jetzt den Palast bewohnt.

Über dem Hain liegt eine Wolke von Jasminduft, der die Sinne vernebelt. Ein neuerlicher Windstoß wirbelt eine Wand von Staub und Sand auf. Schwaden von Weihrauch steigen plötzlich auf vor dem Schwitzbad, wo König Kan-Xul gerade eine rituelle Reinigung vorgenommen hat. Der hohle Klang einer Muscheltrompete kündigt ein Blutopfer an.