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Architektur in England:Das Haus vibriert beim Springen mit

Man betritt das Haus durch eine von silbernen Schindeln eingefasste Glastür und erfasst sofort das bauliche Konzept: ein langer Gang, von dem aus man in die vier Schlafzimmer gelangt. Am Eingang liegt die große Wohnküche, am Ende, schwebend über dem Grund, der Aufenthaltsbereich. Die Außenwand ist durchbrochen von so vielen gläsernen Schiebetüren, dass das Licht sämtliche Räume durchflutet. Auf dem Küchentisch liegt ein Handbuch, das so beginnt: "Ein gutes modernes Haus kann dein Leben verbessern."

Im Wohnzimmer sitzt es sich geschützt und exponiert zugleich. Man ist erstaunt, den Flügelschlag vorbeiziehender Möwen nicht zu vernehmen - die Glaswand ist schon vergessen. Die Vögel kommen von der Nordsee, die nur ein paar Meilen hinter dem Marschland liegt. Sie fliegen über tausendjährige Pfarrkirchen und reglose Kühe hinweg, über Bilderbuchorte der englischen Ostküste wie Southwold und Walberswick mit Leuchttürmen und auf hölzernen Stelzen liegenden Piers. Das Wohnzimmer hat einen Kamin. Licht steigt von unten und fällt von oben durch die Glaspaneele in Boden und Dachgiebel.

SZ-Karte

Reiseinformationen

Anreise: The Balancing Barn in Thorington, Suffolk, erreicht man mit dem Zug von London Liverpool Street über Ipswich bis Darsham. Weiter mit dem vorgebuchten Taxi, Darsham Cars: 01728 668039

Übernachtung: Vier Nächte in der Balancing Barn (für bis zu acht Personen) kosten ab 750 Euro; A House for Essex, entworfen von Grayson Perry, Essex, hier werden Gäste aufgrund der starken Nachfrage ausgelost, zwei Nächte (bis zu vier Personen) ab 900 Euro; The Shingle House, Kent, vier Nächte (max. acht Pers.) ab 866 Euro, www.living-architecture.co.uk

Weitere Auskünfte: www.visitbritain.com

Innen ist das Haus komplett mit Holz verkleidet, was der Leichtigkeit der Außenhülle Erdung und Schwere entgegensetzt. Springt man an dem Ende des Hauses, das über den Vorsprung in die Luft ragt, auf und ab, schwingt die Scheune leicht mit. Nur: So geschmackvoll gestaltet diese Wohnwelt auch sein mag, sie wirkt doch so lebensecht wie der Stand einer Möbelmesse.

Und so macht man es sich etwas hölzern bequem, wenn man denn mal entschieden hat, wo: auf dem groben Strick der Poufs der Utrechter Designerin Christien Meindertsma. Oder doch lieber unter dem weichen Licht der Filzstehlampe von Tom Dixon auf dem grauen Zweisitzer von James Harrison. Oder auf dem Elefantenstuhl der Industriedesignerin Ineke Hans daneben. Oder gleich auf einem Klassiker, dem 637 Utrecht Sessel von Gerrit Rietveld, der in der Lehne ein kleines Ablagebrett mitliefert, auf dem sich trefflich ein Whiskyglas abstellen lässt.

Im Regalsystem finden sich neben Reisetipps zu Suffolk und Abhandlungen zur Architekturgeschichte auch Alain de Bottons gesammelte Werke. Ansonsten: viel Glas, viel Aus- und Einsicht, viel Öffnung. "Wir bauen Häuser, die von Toleranz sprechen, von Offenheit, Wärme und Obhut", sagt de Botton. "Wir hoffen, dass diese Codes unserer Gebäude auch weiterhin im politischen Raum gespiegelt werden."

Wird es für ihn schwieriger, nach dem Brexit international renommierte Architekten und Designer für solche Projekte zu gewinnen? "Wir sind zuversichtlich, dass Vernunft und gesunder Menschenverstand überwiegen und die Nationen Europas weiterhin in Harmonie leben", sagt de Botton. "Wir haben sehr verständnisvolle deutsche Fensterbauer, die uns nicht für die Verrücktheiten unserer Politiker bestrafen werden."

So zuversichtlich sind nicht alle Kreativen im Land. Größen aus dem Architektur- und Designbereich wie Terence Conran, Tom Dixon oder David Adjaye und auch John Pawson, der für Living Architecture ein Ferienhaus in Wales entworfen hat, hatten vergangenen Sommer ein "Brexit Design Manifesto" veröffentlicht. Die Unterzeichner befürchten, dass der Brexit ihre Kreativität hemmt und sie nicht mehr konkurrenzfähig sein werden.

"Design hat von der Mitgliedschaft Großbritanniens in der EU profitiert. Der Kontinent ist der wichtigste Exportmarkt für Designdienste und der größte Talentpool für Mitarbeiter", heißt es in der Schrift. Es geht hier wohl um nicht weniger als das Selbstverständnis einer ganzen Branche. Und welches Gebäude wäre besser geeignet als die Balancing Barn, seine Bewohner anzuleiten, den kippeligen Situationen des Lebens standfest zu begegnen.

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