Absurde Ferienzeit in Frankreich Stadt leer, Strand voll

Das ganze Jahr über sehnen sich Pariser weg aus der Metropole - und machen im Sommer Frankreichs Küstenorte wieder zu Großstädten. Die Logistik muss hinterher reisen, sogar Polizeipferde.

Von Nadia Pantel

Der Januar ist der Monat, in dem man sich mit guten Vorsätzen herumträgt und dennoch weiter zu viel isst, raucht oder trinkt. Der August hingegen ist der Monat, in dem man tatsächlich sein Leben ändert. Wenigstens in Frankreich.

Von September bis Juli hocken zwölf Millionen Franzosen, also immerhin 20 Prozent der Bevölkerung, im Großraum Paris aufeinander und sind unzufrieden. 80 Prozent der Pariser träumen laut einer Umfrage des Jobportals Cadremploi davon, aufs Land zu ziehen oder wenigstens in eine kleinere Stadt. Ein Wunsch, der jedes Jahr am ersten Augustwochenende aufs Neue in die Tat umgesetzt wird.

Wenn man sich Frankreich als ein Magnetfeld vorstellt, dann wird mit Beginn der Sommerferien der Zentralmagnet abgeschaltet und alle kleinen Eisenspäne finden sich an den Küsten und Flüssen wieder.

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Der Badeort Lacanau an der Atlantikküste zum Beispiel sieht elf Monate im Jahr aus wie eine ausgestorbene Wildwest-Stadt. 4600 Einwohner leben dort friedlich vor sich hin, bis im August 195 400 Menschen anreisen und Pommes, Wellen und Sonne fordern. Auch Saint-Tropez an der Mittelmeerküste kommt auf 200 000 Sommerbesucher pro Tag. Der Versuch, die Großstadt hinter sich zu lassen, endet damit, dass neue Großstädte entstehen.

Den Urlaubern reist die entsprechende Großstadt-Logistik hinterher. Der Figaro berichtet, dass bis zum 31. August 67 zusätzliche mobile Einheiten der Polizei in die Ferienzentren geschickt werden. Zusätzlich wurden gut Tausend Reservisten der Armee mobilisiert und das Département Hérault in Südostfrankreich bekommt Verstärkung von sieben Pferden der republikanischen Garde.

Weil sich im Sommer besonders gut beobachten lässt, wie sich die Massen gleich getaktet durchs Land schieben, ist der Sommer auch der Moment, in dem ganz grundsätzliche Aussteiger-Fantasien Konjunktur haben. Frankreich eignet sich wunderbar für Menschen, die ihre Ruhe haben wollen. Weil sich so viele der Einwohner im Großraum Paris drängeln, bleibt im Rest des Landes viel Platz.

Ob im Zentralmassiv, in den Pyrenäen oder in der Normandie: In vielen Regionen verteilen sich zehn bis 25 Einwohner auf einen Quadratkilometer. So wenig Nachbarn hat man in Deutschland nicht mal im dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern, wo 69 Einwohner auf den Quadratkilometer kommen.

Das Problem dieser Einsamkeit: Es fehlen Ärzte, Schulen, kleine Läden. Und so nutzen die verlassenen Landstriche den Sommer, um Neubürger anzuwerben. Der Bürgermeister des Küstenorts Barneville-Carteret versucht einen Arzt in seine Stadt zu locken, indem er dauerhaftes Urlaubsglück verspricht. "Ein Ärztepaar kann hier umsonst in einer Wohnung mit Meerblick wohnen, mein Boot nutzen und einmal im Monat lade ich sie ins Sterne-Restaurant ein", sagte der Bürgermeister dem Parisien.

Auch der bretonische Badeort Douarnenez sucht unter seinen Touristen einen Arzt. In den Restaurants der Stadt liegen 9000 Tischsets, auf denen um Bewerbungen gebeten wird. Für die Werbeoffensiven bleibt nicht viel Zeit. Wenn die Sonne vom Herbstnebel abgelöst wird, vergessen die Städter ihre Landträume.

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