Zurückgetretene Kieler Oberbürgermeisterin Gaschkes Erzählungen

Wie fühlt sich jemand, der mit großer Mission antritt und dann nach kurzer Zeit so kläglich wie öffentlich scheitert? In mehreren Interviews versucht Susanne Gaschke, ihren Rücktritt vom Amt der Kieler Oberbürgermeisterin als Teil ihrer Geschichte zu verkaufen - es ist die Erzählung einer einsamen Heldin, die an den festgefahrenen Ritualen des politischen Systems gescheitert ist.

Von Felicitas Kock

Susanne Gaschke ist als Kämpferin ins Amt gekommen, als Frau mit einer klaren Mission. Das ausgegebene Ziel: Eine schönere, offenere Politik. Der Gegner: Der bestehende Politikbetrieb, so festgefahren und lebensfern, dass sich die Bürger nicht mehr damit identifizieren können. Als Gaschke im November 2012 für die SPD zur Kieler Oberbürgermeisterin gewählt wird, will sie vor allem "da rankommen", wie sie es formuliert. Als Seiteneinsteigerin das sich selbst reproduzierende politische System aufbrechen.

Am Ende, so heißt es in der Erzählung der zurückgetretenen Oberbürgermeisterin, die zuvor lange Jahre als Journalistin tätig war, sei sie an eben jenem Politikbetrieb gescheitert. An den Machtspielen der politischen "Schlachtrösser", die es auch in ihrer eigenen Partei, der SPD, gebe. Und an ihrem Unwillen, sich selbst zum Teil dieses Systems zu machen. "Ich wollte das Spiel nicht so spielen", sagt Gaschke in einem aktuellen Interview mit dem Spiegel.

Die Sozialdemokratin war massiv in die Kritik geraten, nachdem sie in einer Eilentscheidung einem Augenarzt nach jahrelangem Streit 3,7 Millionen Euro Zinsen und Säumniszuschläge erlassen hatte. Im Gegenzug sollte der Arzt Gewerbesteuern in Höhe von 4,1 Millionen Euro zahlen. Sie habe "nur das Beste für die Stadt" gewollt, verteidigt Gaschke ihr Vorgehen. Der Streit dauerte bereits seit 15 Jahren an, vier Oberbürgermeister hätten nichts Wirksames unternommen. Mit einem Vergleich habe sie der Stadt zumindest einen Teil des ausstehenden Geldes eintragen wollen.

Tatsächlich jedoch stieß Gaschke mit der Eilentscheidung die Mitglieder der Kieler Ratsversammlung vor den Kopf. Die Kommunalaufsicht wertete ihr Vorgehen als rechtswidrig und leitete ein Disziplinarverfahren ein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Anfangsverdachts der Untreue in einem besonders schweren Fall. Auch das Innenministerium hat ein Disziplinarverfahren eingeleitet. Am vergangenen Montag verkündete Gaschke ihren Rücktritt - nicht einmal ein Jahr nach ihrem Amtsantritt.

"Hallo, ich bin das Ziel"

Im Nachhinein, das macht die 46-Jährige nun in Zeitungs- und Fernsehinterviews deutlich, bereut sie vieles. Dass sie die Fraktionsvorsitzenden im Rat übergangen hat, zum Beispiel. Dass sie ohne eigene Überprüfung auf den Vorschlag ihres Kämmerers gehört hat, der ihr die Möglichkeit des Vergleichs unterbreitet hatte, und gegen den die Staatsanwaltschaft nun ebenfalls ermittelt. Dass sie von Anfang an sehr viel Verantwortung für die Eilentscheidung übernommen hat: "Hallo, ich bin das Ziel", habe sie nach außen signalisiert - und damit sämtliche Kritik auf sich gezogen, erzählt sie in der Fernsehsendung "3 nach 9" dem Moderator Giovanni di Lorenzo - pikanterweise ihr früherer Chef bei der Zeit.

Letztendlich sei jedoch ihr größter politischer Fehler gewesen, ihren Vorgänger im Amt, Torsten Albig, öffentlich mit in die Sache hineinzuziehen, sagt Gaschke dem Spiegel. "Das hat er gar nicht gemocht". Albig hatte den Weg eines Vergleichs gebilligt, den sie dann gegangen war. Er und andere Spitzenpolitiker der Nord-SPD hatten Gaschke nach eigener Aussage angeboten, sie zu stützen, wenn sie die Schuld auf sich nehme. Diesen Schritt habe sie jedoch nicht gehen wollen - eine Entscheidung, die sie letztlich das Amt gekostet habe.

Gaschke will Erlebnisse in Buch verarbeiten

In ihren Interviews wird vor allem eines klar: Gaschke versucht, auch ihre Niederlage zum Teil ihrer Erzählung zu machen. Sie spinnt einfach die Geschichte weiter, die sie bei ihrem Einzug ins Kieler Rathaus begonnen hat. Die Geschichte der Seiteneinsteigerin, die gekommen ist, um den Politikbetrieb aufzurütteln, ist zur Geschichte der gescheiterten Heldin geworden, der niemand wirklich böse sein kann. Dabei gilt allen politischen Intrigen und Grabenkämpfen zum Trotz: Es war Susanne Gaschke selbst, die einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat.

Von vergangenem Montag an, sagt Gaschke dem Spiegel, sei sie wieder Journalistin. Sie könne sich vorstellen, ein Buch über ihre Erlebnisse in der Politik zu schreiben. Es scheint, als hätte sie mit ihrer Karriere als Politikerin abgeschlossen. Was nicht abgeschlossen ist, sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft. Auf Untreue in einem besonders schweren Fall drohen mehrere Jahre Gefängnis.